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„Wir wissen, wie die Stalker ticken“

Kategorie: Aus dem Verband, Straffällige / Opfer, Veranstaltung

Beratungsstelle Stop Stalking hilft Betroffenen. Große Fachkonferenz am 4. April 2017

Wolf Oritz-Müller, Leiter der Beratungsstelle; Foto: Nina Peretz

Die Beratungsstelle Stop Stalking hilft beiden Seiten – Täter und Opfer. Im April organisiert Stop Stalking eine Fachkonferenz mit Unterstützung der Stiftung Parität.

Es begann mit einer Affäre. Für sie bedeute es nicht viel, und nach einigen Monaten beendete sie die Beziehung. Anders war es für ihn: Die Zurückweisung war unerträglich, eine schmerzliche Kränkung. Er fühlte sich ungerecht behandelt. Kurz darauf begannen die Anrufe, fünf am Tag, zehn, zwanzig, dazu Handynachrichten und E-Mails. Manchmal antwortete sie, nahm das Telefon ab, sprach mit ihm – für ihn ein Zeichen, dass es doch noch nicht vorbei war. Ein völliger Kontaktabbruch war der einzige Weg. Sie musste sich eine neue Handynummer besorgen und alle seine Nachrichten konsequent ignorieren.

Der Fall, von dem Wolf Ortiz-Müller erzählt, ist die typische Konstellation. „Die meisten Stalking-Fälle, mit denen wir in der Beratung zu tun haben, sind Beziehungsdramen“, berichtet er. Ortiz-Müller ist psychologischer Psychotherapeut und Leiter der Beratungsstelle Stop Stalking in Berlin-Steglitz. Bei Stop Stalking haben die Beraterinnen und Berater es mit Menschen in Krisensituationen zu tun, und zwar – das ist das Besondere – mit beiden Seiten: In die Beratungsstelle kommen sowohl die Täter, die Stalker, als auch die Opfer, also Menschen, die gestalkt werden. „Manchmal beraten wir auch Täter und Opfer im gleichen Fall, aber natürlich immer getrennt voneinander“, so Ortiz-Müller. 

Sensibilisierung für das Thema Stalking

Eine Gruppe von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Berliner Polizei sitzen mit Ortiz- Müller im Beratungsraum, Opferschutz- und Präventionsbeauftragte, Verhaltenstrainer, Mitarbeiter der Polizeiakademie. Sie möchten von dem Experten einen Einblick in die tägliche Arbeit mit Betroffenen bekommen, möchten erfahren, was in Stalkern vorgeht und wie man Stalking-Opfer begleitet. „So eine Geschichte zu hören, finde ich unheimlich beklemmend“, sagt eine junge Mitarbeiterin. Sie ist neu in ihrer Position, mit Stalking hatte sie bisher weder beruflich, noch privat zu tun.

Für einen kompetenten Umgang mit Stalking ist es wichtig, dass die Beamten gut über das Phänomen Stalking informiert sind. Gerade Männer tun sich ohnehin schwer damit, Stalkingfälle zur Anzeige zu bringen. Auch wenn sowohl Männer als auch Frauen stalken – die meisten der etwa 2000 Stalking-Fälle, die in Berlin jährlich bekannt sind, werden von Frauen zur Anzeige gebracht. „Männer haben größere Probleme damit, sich als Opfer zu outen“, sagt einer der Mitarbeiter der Polizei. Wenn ein Opfer dann noch das Gefühl hat, dass er wird von den Beamten nicht ernst genommen, ist das eine zusätzliche Belastung.

Jeder zehnte Mensch wird einmal in seinem Leben gestalk, so die Statistik. Doch nur wenige sprechen darüber, denn gerade wenn Täter und Opfer sich kennen, ist oft ein kompliziertes Geflecht aus Emotionen im Spiel. Häufig geht es um Lügen und Geheimnisse, nicht selten um Enttäuschung oder gebrochenes Vertrauen. „Es gibt auch Fälle, in denen Menschen, die eine Lehrerin, ihren Arzt oder Anwalt stalken, weil sie sich von ihm im Stich gelassen fühlen“, berichtet Ortiz-Müller aus seiner Erfahrung. Eins haben Stalker gemeinsam: Sie wollen gesehen werden. „Meist sind es Menschen mit geringem Selbstwertgefühl, getrieben von Sehnsucht. Oder sie fühlen sich ungerecht behandelt und suchen nach Rache.“ Uneinsichtige Stalker, die sich keiner Verantwortung bewusst sind und die Schuld beim Opfer suchen, sind das schwierigste Klientel für den Psychotherapeuten. Oft sind das Menschen, die die Beratung als Auflage in einem Gerichtsverfahren bekommen haben. Andere kommen freiwillig, weil sie ernsthaft Hilfe suchen.

Die erhalten sie seit der Eröffnung der Beratungsstelle Stop-Stalking 2008, knapp ein Jahr, nachdem der Paragraf 238 des Strafgesetzbuchs, das sogenannte Nachstellungsgesetz in Kraft getreten war. „Erst ab diesem Zeitpunkt war die Strafverfolgung von Stalkern überhaupt möglich“, erklärt Wolf Ortiz-Müller. Die Eröffnung der Beratungsstelle für Täter wurde damals von großem Medieninteresse begleitet. „Wir hatten mehrere Kamerateams vor der Tür stehen“, berichtet er. Auf private Initiative wurde ein Jahr später eine Opferberatungsstelle im Prenzlauer Berg eingerichtet, die jedoch aus Finanzierungsgründen schließen mussten. Justizsenator Thomas Heilmann setzte sich dann für mehr Opferhilfe ein – mit seiner Unterstützung konnte Stop Stalking 2014 sein Angebot um die integrierte Täter-Opfer-Beratung (iTOB) ergänzen.

Erfahrung mit Täter- und Opferarbeit

Bei der Beratung von Stalkingopfern ist Wolf Ortiz-Müller und seinen Kollegen die langjährige Erfahrung mit den Beweggründen von Stalkern von großem Nutzen. „Sie wissen doch, wie die Stalker ticken“, sagen Hilfesuchende, die in die Beratung kommen. „Unser Credo ist: Wir verurteilen die Tat, aber nicht den Täter. Gleichzeitig sehen wir Stalking ganz klar als eine Straftat, die unterlassen und verfolgt werden muss.“ Zu Beginn einer Beratung versucht er als erstes herauszufinden, wie schwerwiegend das Stalking ist und welche Bedrohung vom Täter ausgeht. In den Gesprächen mit Opfern wird daran gearbeitet, dass die Betroffenen eine klare Position gegenüber ihrem Stalker entwickeln. Es sei aber zentral, dass man den Stalker nicht mit Aufmerksamkeit belohne, ihn ins Leere laufen lasse, indem man beispielsweise konsequent alle Nachrichten unbeantwortet lassen, so Ortiz-Müller. Wenn das nicht reicht, rät der Psychotherapeut auch zu zivilrechtlichen Schritten. So kann eine einstweilige Verfügung nach dem Gewaltschutzgesetz dem Stalker untersagen, sich dem Arbeitsplatz oder der Wohnung des Opfers zu nähern – tut er es doch, kann die Polizei eingeschaltet werden.

Aufgrund der bisherigen Gesetzeslage war die Strafverfolgung sehr schwierig. „Bisher ist Stalking ein Erfolgsdelikt“, erklärt Wolf Ortiz-Müller. Das heißt, das Opfer muss nachweisen, dass die eigene Lebenssituation nachhaltig beeinträchtigt ist, dass man also umziehen oder den Job wechseln musste. Die Folge: Nur in ein bis zwei Prozent der Anzeigen kommt es wirklich zu einer Verurteilung geführt haben. Und jedes eingestellte Verfahren kann eine fatale Bestätigung für den Täter sein, dass er ja nichts Unrechtes getan hat.

Schnellerer Schutz für die Opfer

Ein neues Gesetz, das voraussichtlich im April 2017 in Kraft tritt, soll die Situation verbessern. Demnach soll Stalking künftig auch strafbar sein, wenn das Opfer dem Druck nicht nachgibt und sein Leben nicht ändert. D.h. Stalking soll künftig eine Straftat sein, wenn dadurch das Leben des Opfers schwerwiegend beeinträchtigt wird. „Das Opfer muss präzise dokumentieren, wann und wie es belästigt und verfolgt wird – ein solches Protokoll dient als Beweis für die Strafverfolgung“, so Ortiz-Müller.

Etwa zeitgleich mit dem Inkrafttreten des neuen Gesetzes versammeln sich in Berlin Stalkin-Expertinnen und -Experten aus der ganzen Welt, um sich bei der Stalking-Konferenz 2017 auszutauschen. Dass hunderte Expertinnen und Experten – darunter Juristinnen, Mitarbeiter von Justiz, Ministerien und Polizei, freie Träger und Wissenschaftler – über den Umgang mit Stalking diskutieren, das hat es schon seit Jahren nicht mehr gegeben. Und das verdeutlicht die Aktualität des Themas, von dem so viele Menschen betroffen sind, das aber trotzdem nur wenig gesellschaftliche Aufmerksamkeit bekommt.

Fast 500 von Stalking-Opfer suchen im Jahr die Beratungsstelle Stop Stalking in Berlin auf, hinzu kommen rund 130 Menschen, die selbst Stalker oder Angehörige von Stalkern sind. Unabhängig von der Strafverfolgung ist es für das Opfer ganz einfach wichtig, dass das Stalking aufhört. „Hier setzen wir an: Wir wollen Täter und Opfer gleich möglichst früh ein Angebot machen und einen gemeinsame Lösung finden“, so der Leiter der Beratungsstelle.

Mehr zur Arbeit der Beratungsstelle unter www.stop-stalking-berlin.de

Stalking

Stalking beschreibt das vorsätzliche und beharrliche Nachstellen und Belästigen einer Person, welches diese nicht möchte und als unangenehm erlebt. Hierbei kann eine Vielzahl unterschiedlicher Handlungsweisen vorkommen, z.B. Telefonanrufe, Briefe / SMS / E-Mails, Nachlaufen, Beschatten, Verfolgen, Ausspähen, bis hin zu Drohungen und körperlichem Angriffen.

Etwa 70 Prozent der Menschen, die stalken, sind männlich und ca. 30 Prozent sind weiblich. Betroffene sind vorwiegend ehemalige Beziehungspartnerinnen und -partner, aber auch flüchtige Bekannte, Kolleginnen, Ärzte etc. Seit 2007 ist Stalking durch den speziellen Tatbestand der Nachstellung (§ 238 StGB) strafbar.

Mit Unterstützung der Stiftung Parität: Stalking Konferenz 2017

Die Stalking Konferenz am 4. April 2017 bringt Expertinnen und Experten aus dem Forschungs- und Praxisfeld Stalking zusammenzubringen. Themen sind die Opferhilfe und die Täterarbeit, die Strafverfolgung und die Rolle sozialer Träger. Seit über zehn Jahren hat zu diesem Thema keine Veranstaltung in dieser Größe und Vielfalt stattgefunden.

www.stalkingkonferenz2017.de

Text/Foto: Nina Peretz

(vb)

Datum, 28 | 03 | 2017