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„Kunst und Kultur sollten als Menschenrecht wahrgenommen werden und allen gleichermaßen offenstehen“

Kategorie: Inklusion, Kultur, Sport, Fünf Fragen

Fünf Fragen an Dr. Jakob Johannes Koch, Herausgeber des Buches „Inklusive Kulturpolitik"

Porträtfoto von Dr. Jakob Johannes Koch, Foto: privat

Dr. Jakob Johannes Koch, Foto: privat

Dr. Jakob Johannes Koch wurde 1969 geboren. Er hat Musik (u. a. Gesang bei Dietrich Fischer-Dieskau) und Theologie studiert. Seinen Doktortitel hat er mit einer Forschungsarbeit zu einem Thema der Kirchenmusik erworben. Seit 2000 ist er Kulturreferent im Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz in Bonn.

Herr Dr. Koch, was hat Sie dazu bewogen, dieses Buch herauszugeben – und warum gerade jetzt?

Berufsbedingt wimmelt es in meinem Freundes- und Bekanntenkreis von Kulturfans, von Künstlerinnen und Künstlern. Einige von ihnen haben Behinderungen und wenn ich mit ihnen gemeinsam Konzerte, Theateraufführungen, Kinos oder Ausstellungen besuche, müssen wir immer wieder erleben, dass die Freunde mit Behinderungen dort auf teils unüberwindliche Barrieren stoßen oder dass sie sogar unerwünscht sind. Ähnliche Erfahrungen machen auch die aktiven Kunst- und Kulturschaffenden mit Behinderung.

Da frage ich mich: Warum nur tut sich ausgerechnet der Kulturbetrieb, der doch für sich reklamiert, Motor und Seismograf für soziale Sensibilität zu sein, so schwer mit der Inklusion? Warum steht Inklusion heute - acht Jahre nach Unterzeichnung der UN-Behindertenrechtskonvention – nicht in jedem kulturpolitischen Forderungskatalog?

Der Beginn einer neuen Legislaturperiode scheint mir der perfekte Zeitpunkt für einen Appell an alle Kulturpolitiker und alle Verantwortlichen der Kulturinstitutionen zu sein: Überwindet eure Ängste, Vorurteile und Lethargie im Umgang mit Menschen mit Behinderung! Setzt endlich die UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) in konkrete Maßnahmen ganzheitlicher Barrierefreiheit um, denn die UN-BRK ist keine Empfehlung, sondern sie ist verbindliches Gesetz!  

Ohne zu viel vorweg nehmen zu wollen: Wie inklusiv ist denn unsere Kulturlandschaft in Deutschland?

Die Autorinnen und Autoren meines Buchs kommen in ihren Analysen übereinstimmend zu einem ernüchternden Ergebnis: Die Umsetzung der UN-BRK ist allenfalls halbherzig; die Kulturszene rechnet vielfach einfach nicht mit Menschen mit Behinderung!

Fragt man zum Beispiel bei einer Hochschule für Musik und Tanz nach dem Thema Inklusion, so erhält man zur Antwort: Wir haben unser Gebäude rollstuhlgerecht umgebaut und wir haben einen Behindertenbeauftragten. Punkt. Und wenn man dann weiter nachbohrt: Wie sieht es denn mit inklusiver Hochschuldidaktik aus? Ist Inklusion verpflichtender Inhalt im Modulhandbuch? Könnte bei Ihnen etwa eine gehörlose Bewerberin Tanz studieren? Dann heißt es: Nein, so einen Aufwand können wir uns nicht leisten, die Studienorganisation ist schon so komplex genug.

Wenn Sie jetzt vom Ausbildungssektor in den Berufssektor gehen, zu den Galerien, Künstleragenturen und Kulturträgern, sieht es leider nicht besser aus. Auch die sind oft der Meinung, mit dem Einbau einer Rollstuhlrampe hätten sie die UN-BRK hinlänglich umgesetzt. Da steckt meist kein böser Wille dahinter, gleichwohl eine nicht akzeptable Halbherzigkeit, Gleichgültigkeit und vielfach schlichtes Unwissen.

In dem Buch versammeln Sie die Stimmen von 15 namhaften Expertinnen und Experten. Nach welchen Kriterien haben Sie die Auswahl getroffen – wie relevant war dabei beispielsweise das Kriterium einer Behinderung?

Ihre Frage birgt die Antwort schon in sich: Experte ist jemand, der Expertise mitbringt. Wenn Sie ein Buch zu einem sehr speziellen Thema herausgeben, dann kommt es darauf an, dieses Thema aus möglichst vielen unterschiedlichen fachlichen Perspektiven zu beleuchten, um nachher ein facettenreiches Gesamtbild zu erhalten. Beim Thema „Inklusive Kulturpolitik“ sind folgende Expertisen gefragt: soziologische, philosophische, kulturpolitikwissenschaftliche, behindertenpädagogische, rehabilitations- und inklusionswissenschaftliche, aber auch konkrete Lebenserfahrungen von "Expertinnen und Experten in eigener Sache". Leute mit diesen Expertisen findet man natürlich nicht an jeder Straßenecke und als Herausgeber bin ich froh, 15 Autorinnen und Autoren mit derartigen Fachkenntnissen gefunden zu haben.

Menschen mit Behinderung definieren sich niemals alleine über ihre Behinderung, vielmehr sagen sie: „Ich bin Künstler und ich habe eine Behinderung“ oder „Ich bin Wissenschaftler und ich habe eine Behinderung“. So ist es zum Beispiel auch bei Prof. Dr. Thomas Noetzel, der für mein Buch den politikwissenschaftlichen Part beigesteuert hat, der aber auch „Experte in eigener Sache“ ist, insofern er nur seinen Kopf und seine Hände bewegen kann und auf den Rollstuhl angewiesen ist. Dr. Siegfried Saerberg habe ich als brillanten Inklusionswissenschaftler für das Buch verpflichten können und zugleich konnte er seine spezifischen Erfahrungen als Blinder einfließen lassen.

Für den Interview-Teil habe ich freilich ausschließlich Menschen mit Behinderungen ausgesucht, denn in diesem Teil des Buchs geht es ja darum, authentische Lebens- und Erfahrungsberichte von Künstlern mit Behinderungen darzustellen. Ich bin dem Schauspieler Dr. Peter Radtke, dem Schriftsteller Axel Brauns und dem Dirigenten Benedikt Lika zu großem Dank verpflichtet, dass sie sich meinen „tiefen-bohrenden“ Interviews gestellt haben!

Das Buch ist nicht in leichter Sprache verfasst. Welchen Weg haben Sie gewählt, um den unterschiedlichen Bedürfnissen von Leserinnen und Lesern gerecht zu werden?

Inklusion ist ein Thema, um das sich bisher Verlage noch nicht reißen. Insofern bin ich dankbar, mit Butzon & Bercker einen Verlag gefunden zu haben, der zu dem Buchprojekt auf Anhieb rückhaltlos ja gesagt hat.

Um den unterschiedlichen Lese-Bedürfnissen für eine solche erste wissenschaftliche Abhandlung des Themas gerecht zu werden, haben wir jeden Artikel des Buchs mit einem anschließenden Glossar-Angebot versehen: Es handelt sich dabei um eine Sammlung erklärungsbedürftiger Wörter, die Bildungsbarrieren abbauen und ein eindeutiges Verständnis sichern sollen. Berücksichtigt wurden unterschiedliche Zielgruppen: nicht nur Menschen mit einfacherem, nicht akademischem Bildungshintergrund oder mit Leseschwächen, sondern auch Leserinnen und Leser, deren Muttersprache nicht Deutsch ist sowie Interessierte, die sich bisher nicht mit dem vorliegenden Thema beschäftigt haben.

Da Butzon & Bercker ein kleines Familienunternehmen ist, sind dort die hohen Kosten einer Übersetzung in leichte Sprache betriebswirtschaftlich nicht vertretbar abzubilden. Schade, dass es dafür noch keine öffentlichen Förderprogramme gibt!

Ich habe übrigens bei der Deutschen Zentralbücherei für Blinde angefragt, ob diese mein Buch als Hörbuch im Format DAISY (ein Hörbuchformat für Blinde und Menschen mit Sehbehinderung) produzieren will. Die erste Rückmeldung aus Leipzig klingt vielversprechend; ein definitiver Bescheid steht allerdings noch aus. Wir halten Sie gerne über den Fortgang über unsere Webseite www.inklusive-kulturpolitik.de auf dem Laufenden.

Wenn Sie sich etwas wünschen dürfen: Welche gesellschaftliche Wirkung möchten Sie mit dem Buch erreichen?

Hier möchte ich mir die Worte meines wunderbaren Interviewpartners ganz am Ende des Buchs, des Dirigenten Benedikt Lika, zu eigen machen (Lika hat Mukopolysaccharidose, eine Behinderung, die u. a. mit Skelettfehlbildungen und Minderwuchs einhergeht):
„Dass Kunst und Kultur als Menschenrecht wahrgenommen wird und allen gleichermaßen offensteht! Ich bin der Meinung, dass jeder Mensch – egal, ob er eine Beeinträchtigung hat oder nicht – ein gewisses künstlerisches Potenzial besitzt und dass man dieses künstlerische Potenzial von klein auf kreativ und auf die jeweilige Person zugeschnitten fördern muss und dass die Gesellschaft nicht nur ein Anrecht darauf hat, sondern auch davon profitiert, dieses Potenzial kennenzulernen. Inklusion muss durchgängig in der Biografie verankert werden, vom Kindergarten über die Schulzeit bis hin zum Erwachsenen, weil ich glaube, dass möglichst frühe Sensibilisierung und Kontinuität die Schlüssel zur gelungenen Inklusion sind.“

Mehr dazu unter: www.inklusive-kulturpolitik.de

(rs)

Datum, 07 | 11 | 2017