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Wohnungsversorgung im ersten Schritt

Der Housing-First-Ansatz

Housing First ist ein erstmals in den USA entwickelter Ansatz, der eine möglichst schnelle Integration von Wohnungslosen mit komplexen Problemlagen in abgeschlossenen und dauerhaften Individualwohnraum mit dem Angebot an multidisziplinären, intensiven und pro-aktiven wohnbegleitenden Hilfen verbindet. 

Wesentliche Elemente des Ansatzes sind:

  • Die dauerhafte Wohnungsversorgung wird als Grundrecht ohne weitergehende Verpflichtungen und Zugangsvoraussetzungen (Mietfähigkeit, Abstinenz, Compliance etc.) verstanden, die ehemals Wohnungslosen werden lediglich zur Einhaltung des Mietrechts und der Akzeptanz eines wöchentlichen Hausbesuchs verpflichtet.
  • Individuellen Zielen und Wünschen wird in allen Bereichen (Wohnungswahl, Ausstattung, Art, Ziele und Intensität der Unterstützung) hoher Stellenwert eingeräumt.
  • Die Annahme von Hilfe beruht auf Freiwilligkeit und ist keine Bedingung für die Aufrechterhaltung des Mietverhältnisses.
  • Mit Suchtkranken wird ein akzeptierender Ansatz ohne Abstinenzgebot verfolgt.
  • Dauerhafte Wohnungsversorgung und begleitende Hilfen sind organisatorisch getrennt und 
  • wohnbegleitende Hilfen sind verfügbar, solange sie benötigt werden. 

Zumeist konzentriert sich der Housing-First-Ansatz auf die am stärksten ausgegrenzten (Langzeit-)Wohnungslosen mit psychischen Erkrankungen, Suchtproblematik und Doppeldiagnosen.

Der Ansatz steht im Gegensatz zur weit verbreiteten Strategie der schrittweisen Integration in Stufensystemen, die durchlaufen werden müssen, bevor ein reguläres Wohnverhältnis beginnen kann (Notunterkünfte, Übergangswohnheime, „Trainingswohnen” und „Betreutes Wohnen” in Trägerwohnungen etc. bis schließlich zum Bezug der „Finalwohnung”). Diese Stufensysteme sind auch heute noch in Europa und auch in Deutschland weit verbreitet. Die Zahl der Stufen und Durchlässigkeit mögen dabei variieren, aber Stufensysteme sind geprägt von der Überzeugung, dass viele Wohnungslose „Wohnfähigkeit“ erst außerhalb von normalem Wohnraum erwerben müssen – mit nicht-intendierten negativen Effekten, die insbesondere zu einer hohe Zahl von „Drehtür“-Klientinnen und -Klienten führen. 

Housing First dagegen folgt dem Prinzip „Learning by doing“. Mit der frühen Versorgung in normalen Wohnungen wird das „Trockenschwimmen“ in Einrichtungen und Sonderwohnformen vermieden. So wie man Schwimmen am besten im Wasser lernt, so werden die angeblich „wohnunfähigen“ Wohnungslosen mit realen Wohnbedingungen und den Herausforderungen des individuellen Wohnens konfrontiert: Selbstversorgung, finanzielle Verbindlichkeiten, Hausordnung, Schlüsselgewalt, Zurechtkommen mit der Nachbarschaft, mit Langeweile etc. Sie erhalten bedarfsgerechte wohnbegleitende Hilfen und können auch dann, wenn der Hilfebedarf nachlässt, dauerhaft in den Wohnungen verbleiben.

Der Housing-First-Ansatz wurde in den USA in randomised controlled experiments (kontrollierten Experimenten mit Zufallsauswahl und Vergleichsgruppe) erfolgreich getestet und gilt dort zwischenzeitlich als evidenzbasierte Methode zur Verringerung von Langzeitwohnungslosigkeit. Ein von der EU-Kommission finanziertes Housing-First-Europe-Projekt ergab ebenfalls hohe Wohnungserhaltungsquoten (80 bis 90 Prozent) für unterschiedliche Zielgruppen in vier von fünf Städten: Amsterdam, Glasgow, Kopenhagen, Lissabon. Inzwischen hat die Liste der wissenschaftlichen Belege über die positiven Ergebnisse von Housing-First-Pilotprojekten in Europa beeindruckende Ausmaße erlangt. Sie schließt landesweite Pilotprojekte in Finnland, Dänemark, Frankreich und Belgien ein, durchweg mit sehr hohen Quoten des Wohnungserhalts. Positive Evaluationsergebnisse wurden auch aus Großbritannien, Irland, Italien, Österreich, den Niederlanden, Spanien und Portugal berichtet.

Im weltweit größten kontrollierten Zufallsexperiment zu Housing First, das über einen Zeitraum von vier Jahren in Kanada durchgeführt wurde (At Home/ Chez Soi), wurde ein Sample von 1158 Wohnungslosen mit psychiatrischer Diagnose in Housing-First-Projekten versorgt, und die Verläufe wurden mit 990 Wohnungslosen im traditionellen System verglichen. Auch hier ergab sich wieder ein weitaus höherer Wohnungserhalt in den Housing-First-Projekten.

Auf EU-Ebene ist zwischenzeitlich ein Leitfaden zur Implementierung des Housing-First-Ansatzes erarbeitet worden und steht seit Juni 2016 unter www.housingfirstguide.eu kostenlos zur Verfügung. Ferner ist ein europäisches Kooperationsbündnis, der Housing First Europe Hub, gegründet worden, der als Wissensplattform und Basis für die Weiterentwicklung des Ansatzes in Europa dienen soll.

Sowohl die Jury der European Consensus Conference on Homelessness als auch die EU-Kommission haben empfohlen, den Housing-First-Ansatz weiter zu erproben und auf Ebene der Mitgliedsstaaten breitere housing-led strategies zu entwickeln, in denen eine Umorientierung von Notversorgungs- und Stufensystemen auf die möglichst rasche Wohnungsversorgung von allen Wohnungslosen mit wohnbegleitenden Hilfen bei Bedarf sowie der Ausbau präventiver Maßnahmen forciert wird.

Der Zugang von Wohnungslosen zu Wohnraum ist fast überall ein zentrales Problem, auch dort, wo Housing First praktiziert wird. Housing First stellt dieses Problem wieder in den Mittelpunkt der Auseinandersetzung. Dieses Problem zu lösen, erfordert gezielte Strategien und die Überzeugung, dass ein zweiter Wohnungsmarkt mit Sonderwohnformen keine vernünftige Alternative sein kann.

Foto: privat

Text: Prof. Dr. Volker Busch-Geertsema

Prof. Dr. Volker Busch-Geertsema ist Projektleiter bei der Gesellschaft für innovative Sozialforschung und Sozialplanung, Bremen,  und Koordinator des European Observatory on Homelessness (www.feantsaresearch.org)

(vb)

Datum, 02 | 08 | 2017