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Soziale Innovationen: „Keiner der Akteure hat ein Recht auf die richtige Lösung gepachtet“

Kategorie: Fünf Fragen, Soziales

Fünf Fragen an Tilo Liewald, Referent für Bildung und Europa beim Paritätischen Gesamtverband.

Foto: Nina Peretz

Tilo Liewald, geboren 1960 in Gräfenhainichen, ist Referent für Bildung und Europa beim Paritätischen Gesamtverband. Zuvor leitete er seit 2008 zusammen mit Prof. Dr. Stephan F. Wagner die Paritätische Akademie. Nach einem Studium der Chemie und Philosophie und wissenschaftlicher Assistenz an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg arbeitete er als Bildungsreferent und Einrichtungsleiter in der Erwachsenenbildung, bevor er 1994 seine Tätigkeit als Bildungsreferent an der Paritätischen Akademie aufnahm. Tilo Liewald ist Ansprechpartner für das Projekt „Innovation² - Soziale Ideen gemeinsam umsetzen“. Die Fragen stellte Nina Peretz.

Herr Liewald, das Programm Innovation² steht für innovative Ansätze im sozialen Bereich. Worum geht es und wer wird dadurch gefördert?

Tilo Liewald: Vier verschiedene gemeinnützige Organisationen (Social Impact Lab gGmbH, Fröbel e.V., Der Paritätische Berlin e.V. und Der Paritätische Gesamtverband e.V.) haben sich zusammengetan, um gemeinsam innovative Ideen in der sozialen Arbeit zu verbreiten und die Gründung und Entwicklung sozialer Startups zu fördern. Kreative Köpfe mit innovativen Ideen zur Lösung sozialer Probleme können sich im Rahmen des Projekts um ein achtmonatiges Stipendium beim Social Impact Lab bewerben. Dieses Stipendium beinhaltet in erster Linie Beratung, Coaching, Qualifizierung und Begleitung durch erfahrene Mentoren. Das Social Impact Lab stellt dafür in Kreuzberg unter anderem Büroarbeitsplätze zur Verfügung. Der Paritätische schafft Zugänge zu Netzwerken und möglichen Kooperationspartnern. Und nicht zuletzt geht es um die Vermittlung betriebswirtschaftlichen Knowhows und Hilfe bei der Suche nach Finanzierungsmöglichkeiten. Am Ende soll nach Möglichkeit aus einer guten Idee ein funktionierendes gemeinnütziges Geschäftsmodell geworden sein.

Im Stipendienprogramm Social Impact Start ist neben Wohlfahrtspflege und Sozialunternehmern mit SAP auch die freie Wirtschaft beteiligt. Was können die unterschiedlichen Bereiche voneinander lernen?

Tilo Liewald: Besonders wichtig finde ich die Erkenntnis, dass es nicht den einen Weg gibt und dass keiner der Akteure ein Recht auf die richtige Lösung gepachtet hat. Am interessantesten ist es, dass jeweils verschiedene Blickwinkel, unterschiedliche Erfahrungswerte und Organisationskulturen zur Lösung beitragen. Die Sozialunternehmer zeichnet oft ihre Kreativität und ihr grenzenloser Elan aus, die Fähigkeit, ein Problem auch mal ganz anders zu betrachten. Die Wohlfahrtsverbände bringen die fachliche Expertise und ein hohes Maß an Erfahrungen ein. Sie kennen Finanzierungswege, haben Zugänge zu den Betroffenen und arbeiten traditionell mit Ehrenamtlichen. Die Partner aus der freien Wirtschaft sind es gewohnt, mit unternehmerischen Risiken umzugehen. Sie kalkulieren unternehmerischen Erfolg durchaus in längeren Zeiträumen. Außerdem gibt es da auch noch einen etwas anderen Blick auf das Management eines Sozialunternehmens. Da nicht wenige sozialunternehmerische Innovationen IT-basiert sind, ist gerade SAP ein unschätzbarer Partner für die technische Umsetzung.

Der Begriff des Sozialunternehmers, des Social Entrepreneurs, hatte in den letzten Jahren Konjunktur. Hier spielt der Aspekt der charismatischen Gründerfigur eine bedeutende Rolle. Bedeutet soziale Innovation immer auch eine Neugründung?

Tilo Liewald: Soziale Innovationen beschränken sich nicht notwendigerweise auf Neugründungen. Auch jetzt schon entstehen deutlich mehr soziale Innovationen innerhalb bestehender Organisationen und Einrichtungen. Man spricht dann von den Social Intrapreneurs. Ob man den kreativen Kopf, den Ideengeber, unbedingt als charismatischen „Unternehmens“-Gründer verstehen muss, sei dahingestellt. Auf alle Fälle geht es nicht ohne das Engagement, die Ausdauer und die Kreativität Einzelner.
„Innovation²“ wendet sich in erster Linie an Social Entrepreneurs außerhalb der klassischen wohlfahrtsverbandlichen Strukturen. Gleichzeitig geht es natürlich insgesamt darum, innerhalb der Einrichtungen der freien Wohlfahrtspflege Räume für Kreativität und Innovationen zu öffnen.

Wenn man an Innovation denkt, kommen einem wohl nicht auf Anhieb die Wohlfahrtsverbände in den Sinn. Unter welchen Umständen kann die Wohlfahrt zum Innovationsträger werden?

Tilo Liewald: Innovation ist bisher gedanklich meist mit technischen Innovationen verknüpft. Da fallen einem sicher nicht sofort die Wohlfahrtsverbände ein. Wenn wir uns aber den sozialen Innovationen zuwenden, dann war bereits die Gründung der Wohlfahrtsverbände ein hochgradig innovativer Akt. Schauen wir uns den Bereich der Selbsthilfe an, die Kindertagesstätten, Werkstätten für Behinderte, die Enthospitalisierung etc., um nur einige Beispiele zu nennen, alles soziale Innovationen der letzten Jahrzehnte. Entscheidend ist, ob die Wohlfahrtsverbände bzw. deren Mitgliedsorganisationen in der Lage sind, ein innovationsfreundliches Klima zu erhalten und Ressourcen für die Umsetzung ungewöhnlicher Ideen zur Verfügung zu stellen. Das Motto „Das geht sowieso nicht“ oder „Das haben wir schon immer so gemacht“ würde langfristig gesehen sicher das Ende der Wohlfahrtsverbände bedeuten. In den Verbänden sind das Fachwissen und das kreative Potenzial der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, der Ehrenamtlichen und der Betroffenen gebündelt. Unter günstigen Rahmenbedingungen wird das zu einer kaum versiegenden Quelle potenzieller Innovationen.

Oft wird kritisiert, die Politik schaffe kein günstiges Umfeld für Sozialunternehmen und soziale Innovation. Welche konkreten Schritte wünschen Sie sich von der Politik, um innovative Ansätze in der Sozialwirtschaft zu fördern?

Tilo Liewald: Einerseits heißt es zwar, Not mache erfinderisch, auf der anderen Seite müssen aber von der Politik bestimmte Ressourcen zur Verfügung gestellt werden. Innovationen brauchen eine gewisse finanzielle Unterstützung. Das können auch vollkommen neue und ungewöhnliche Finanzierungsmodelle sein - die Politik darf da aus meiner Sicht selbst innovativ sein. Da niemand auf innovative Lösungsansätze Garantiescheine ausgeben kann, gehört es auch dazu, dass man mögliches Scheitern inkauf nimmt. Soziale Innovationen brauchen Rat, Zeit, Geld und Räume zum Ausprobieren. Scheitern bedeutet Lernen, um es anschließend anders und vielleicht besser zu machen. Dafür muss natürlich sowohl für die Entrepreneurs als auch für die Intrapreneurs eine entsprechende gesellschaftliche und organisationsinterne Kultur geschaffen werden. Innovationsfreundlichkeit bedeutet eben nicht eine neue Form der Projektitis. Eine Idee wird erst dann zur sozialen Innovation, wenn sie sich längerfristig durchsetzt. Bisher vereitelt eine zu kurzfristige Projektfinanzierung gerade diese Nachhaltigkeit. Ich wünsche mir, dass die Politik in diesen Zusammenhängen risikofreudiger und langfristiger agiert.

Weitere Informationen:
Mehr zum Stipendienprogramm von Social Impact finden Sie unter socialimpactstart.eu. Fragen zum Engagement des Paritätischen beantwortet der Referent im Gesamtverband, Tilo Liewald, Telefon 030 24 63 64 42, impact(at)paritaet.org

(RS)

Datum, 10 | 12 | 2014