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„Rahmenbedingungen schaffen, um die Unterstützung von Familien in Notsituationen zu gewährleisten“

Kategorie: Fünf Fragen, Jugendhilfe, Familie, Frauen, Mädchen

Fünf Fragen an Astrid Kleinke und Uwe Fischer vom Weg der Mitte e.V.

Aufsuchende Arbeit mit Eltern und Kindern: Familienpflege, Foto: Weg der Mitte e.V.

Astrid Kleinke, Diplom-Sozialpädagogin, hat seit 1991 die Leitung der Sozialen Dienste des Weg der Mitte e.V.  inne, Uwe Fischer ist staatlich anerkannter Familienpfleger und Pflegedienstleiter beim Verein. Über ihre Erfahrungen und über die Situation der Familienpflege in Berlin sprachen sie mit Andreas Schulz, dem Jugendhilfereferent beim Paritätischen Berlin.

Was sind die zentralen Herausforderungen und Probleme, denen Sie bei Ihrer Arbeit in der Familienpflege begegnen?

Passende Hilfen für Familien im Rahmen der Frühen Hilfen – speziell Familienpflege nach Paragraf 20 SGB VIII und Familienpflege als Leistung der gesetzlichen Krankenkassen nach Paragraf 38 SGB V – sind von herausragender Bedeutung für die ambulante Familienpflege. Vergleicht man, welche Anerkennung und Wertschätzung die Familienpflege in anderen Bundesländern – wie etwa in Bayern, Nordrhein-Westfalen, Baden Württemberg – erfährt, stellt man deutliche Unterschiede zum Land Berlin fest.

Diese Wertschätzung drückt sich nicht zuletzt in angemessenen Entgeltsätzen aus, die es Familienpflegediensten erlauben, Angebot kostendeckend vorzuhalten. So ergänzt die Stadt München jede geleistete Stunde Familienpflege (nach Paragraf 38 SGB V) mit 10 Euro zusätzlich zum Stundensatz der Krankenkassen (der in Bayern zurzeit 24,20 Euro beträgt, das Gesamtentgelt in Bayern beträgt also 34,20 Euro). In Berlin zahlen die Krankenkassen für Familienpflege derzeit nur 19,30 Euro pro Stunde. Die Kostensätze für Familienpflege im Rahmen von Paragraf 20 SGB VIII (Kinder- und Jugendhilfegesetz) bewegen sich in den eingangs genannten Bundesländern zwischen 32 und 38 Euro zuzüglich der Fahrtkosten. In Berlin erhalten die Einrichtungen 20,81 Euro ohne Fahrtkosten. Diese 20,81 Euro sind dabei in keiner Weise kostendeckend. Auch bei der Implementierung der Familienpflege in der Frühen Hilfen hinkt Berlin deutlich hinterher. Während dies in den genannten Bundesländern gang und gäbe ist, wird in Berlin im Netzwerk Frühe Hilfen selten auf dieses Angebot gesetzt. Dabei zählt die Familienpflege zu einem der wirksamsten und niedrigschwelligsten professionellen Angebote für junge Familie im Setting Früher Hilfen.

Wenn Sie Ihre Erfahrungen und Kenntnisse über die Situation in anderen Bundesländern mit der Situation in Berlin abgleichen, zu welchem Ergebnis kommen Sie?

Die niedrigen Entgeltsätze in der ambulanten Pflege haben dazu geführt, dass fast alle Wohlfahrtsverbände diese unterstützenden Angebote gestrichen haben. Ausschließlich Mitgliedsorganisationen des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Berlin und der AWO halten diese Angebote neben einigen wenigen privaten Anbietern weiter vor. Für die Bundeshauptstadt, die auch in dieser Hinsicht Vorbild sein sollte, ist das ein Armutszeugnis. Es ist dringend erforderlich, dass sich der Senat in Berlin seiner Verantwortung bewusst wird und die notwendigen Rahmenbedingungen schafft, um die Unterstützung von Familien in Notsituationen zu gewährleisten. Es gibt eine enorm große Nachfrage, die durch die wenigen noch vorhandenen Dienste nicht komplett bedient werden kann. Wegen der äußerst niedrigen Stundensätze lassen sich zudem nur schwer Fachkräfte finden, die bereit sind, diese anspruchsvolle Arbeit zu den niedrigen Löhnen zu verrichten. Im Ergebnis bleiben viele Familien unversorgt. Fehlende Unterstützung in Notsituationen führt so zu instabilen Familiensystemen mit nachhaltig negativen Folgen für die gesamte Gesellschaft.

Und mit Blick auf die Zielgruppe, die Familien – was gibt es besonders zu beachten?

Die Situation von Familien hat sich in den letzten 15 bis 20 Jahren dramatisch verschlechtert. Höhere berufliche und finanzielle Belastungen führen dazu, dass im Falle von Krankheit kaum mehr eigene familiäre Ressourcen verfügbar sind. Durch den verstärkten Zuzug von Familien sind viele Familien sozial isoliert und verwandtschaftliche Hilfe und Unterstützung nicht im ausreichenden Maße verfügbar. Hinzu kommt, dass die Anzahl alleinerziehender Eltern stetig zunimmt. Zu berücksichtigen ist ebenfalls die Zunahme psychischer und lebensbedrohlicher Erkrankungen und der daraus entstehende Unterstützungsbedarf. Laut Gesundheitsreport der BKK 2015 steht die Häufigkeit psychischer Erkrankungen an dritter Stelle, bezogen auf die Dauer der Erkrankung sogar an erster Stelle.

Welche aktuellen Forderungen an Politik und Verwaltung lassen sich daraus ableiten?

An erster Stelle steht die Festlegung entsprechender Rahmenbedingungen und angemessener Entgeltsätze, die es den Familienpflegediensten ermöglichen, kostendeckend zu arbeiten und die Familien flächendeckend zu versorgen.

Dann sollte es zweitens eine bessere Zusammenarbeit zwischen der Senatsverwaltung für Jugend und der Senatsverwaltung für Gesundheit geben und eine Abstimmung mit den Krankenkassen im Interesse der Familien stattfinden, anstatt untätig zu bleiben und sich gegenseitig die Verantwortung zuzuschieben – auf Kosten der Familien.

Zurzeit ist z.B. die Bewilligungspraxis in der Jugendhilfe von Sachbearbeiter zu Sachbearbeiterin sehr unterschiedlich. Daraus entsteht für die Familien eine große Unsicherheit in der Versorgung. Hier sind bindende Rahmenbedingungen dringend erforderlich.

Drittens braucht es eine partnerschaftliche Zusammenarbeit zwischen öffentlicher und freier Jugendhilfe. Es kann nicht sein, dass wir z.B. 14 Monate auf eine Antwort zur Entgeltanpassung warten müssen. In 20 Jahren (!) hat es in der Familienpflege nach Paragraf 20 SFB VIII eine Entgelterhöhung von insgesamt mageren 0,41 Euro auf 20,81 Euro pro Stunde gegeben. Wir plädieren für eine Anpassung bzw. Erhöhung der Entgelte analog zu der ambulanten Hilfe zur Erziehung in Berlin.

Und schließlich bedarf es einer klaren Ausrichtung und Positionierung der Politik zu Gunsten von Familien an Stelle eines Aktionismus, der nur der Erfüllung legislaturperiodischer Anforderungen und Sicherung von Machtinteressen dient. Eine scheinbar „familienorientierte“ Politik entpuppt sich häufig lediglich als medienwirksame Darstellung der Parteien ohne wirklichen Mehrwert für die Betroffenen.

Welche Erwartungen, Vorstellungen und Wünsche haben Sie für das laufende Jahr?

Wir wünschen uns eine ausreichende und flächendeckende Versorgung von Familien durch professionelle ambulante Familienpflege, indem die entsprechenden Rahmenbedingungen geschaffen und die Entgelte angemessen erhöht werden. So kann die Arbeit der Familienpflegedienste zum Wohle der bedürftigen Familien langfristig gesichert werden – eine Anerkennung und Wertschätzung der Familienpflege als essentielles Angebot im Netzwerk Frühe Hilfen. Hier bedarf es dringend einer breiten Öffentlichkeitsarbeit durch die Senatsverwaltung, die bezirklichen Netzwerke für Frühe Hilfen und nicht zuletzt durch die Wohlfahrtsverbände, um das Berufsbild der Familienpflege zu stärken und den Fachkräftemangel in diesem Bereich zu beheben.

Familienpflege ist aufsuchende Elternarbeit und integriert immer eine psychosoziale Begleitung, pädagogische Aspekte und praktische Unterstützung, die fachkompetent und familiengerecht auszuführen ist. Die Tätigkeit an sich umfasst die drei Säulen des Berufsbildes der Familienpflege: Pädagogik, Pflege und Hauswirtschaft. Im Übrigen: Der von den Krankenkassen verwendete Begriff der „Haushaltshilfe“ ist völlig realitätsfremd und würdigt die professionell hochwertige Arbeit, die im Rahmen von Familienpflege nach Paragraf 38 SGB V geleistet wird, herab. Der Begriff „Haushaltshilfe“ sollte daher umgehend aus dem Gesetzestext durch „Familienpflege“ ersetzt werden.

wegdermitte.de

(RS)

Datum, 22 | 06 | 2016