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Nicht nur Beschäftigung, sondern eine echte Perspektive

Kategorie: Straffällige / Opfer, Zivilgesellschaft, Rundbrief

Die Universal-Stiftung Helmut Ziegner macht Ausbildungsangebote hinter Gittern

Mann mit Mütze, von oben betrachtet, beim Reparieren eines Fahrrads in der Fahrradwerkstatt in der Justizvollzugsanstalt Tegel

Fahrradwerkstatt in der Justizvollzugsanstalt Tegel; Foto: Universal-Stiftung Helmut Ziegner

Über zwei Stunden dauert der Rundgang durch die Justizvollzugsanstalt Tegel. Das liegt zum einen daran, dass das weitläufige Gelände mit seinen Unterkunftsgebäuden, Betrieben, Verwaltungsgebäuden und sogar einer Kirche so groß ist wie ein richtiges Dorf. Zum andern aber wollen wir alle Angebote der Universal-Stiftung Helmut Ziegner vor Ort besuchen – und die sind so zahlreich und vielseitig, dass man sich Zeit nehmen möchte. Die erste Hürde ist der Weg nach drinnen: An der Gefängnismauer entlang, vorbei an einem Wäldchen, geht es zu einem unscheinbaren Seitentor. Unser Klingeln bleibt erst einmal ohne Reaktion. Wir warten im Regen.

„So ist das nun schon seit fast zwei Jahren für die meisten externen Besucher“, sagt Irina Meyer. Die Referentin für Straffälligen- und Opferhilfe des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes war schon öfter hier. Sie ist Mitglied des Berliner Vollzugsbeirats und Ansprechpartnerin für freie Träger unter dem Dach des Paritätischen, die sich für Inhaftierte einsetzen. „Auch ehrenamtliche Helfer, Mitarbeiter der freien Träger und Berufsschullehrer müssen inzwischen über diesen Seiteneingang in die Haftanstalt kommen. Seitdem das so ist, sind leider einzelne Ehrenamtliche weggefallen – der im Vergleich zum Haupteingang deutlich längere Weg zu dem abgelegenen Seiteneingang ist insbesondere für die älteren unter ihnen nicht immer zu bewältigen.“

Weiterbildung in Haft – eine echte Chance
Das freundliche Lächeln von Thomas Boberg, der uns am Tor abholt, entschädigt für die Wartezeit. Der Mitarbeiter der Universal-Stiftung Helmut Ziegner führt uns in sein helles Büro. Durch die Glasscheiben sieht man eine Gruppe inhaftierter junger Männer, die mit Geräten und Kabeln arbeiten. Sie absolvieren eine Umschulung zum Elektroniker, für deren Durchführung die Universal-Stiftung Helmut Ziegner zuständig ist. „Die Ausbildungen für Inhaftierte gibt es schon seit den frühen 50er Jahren“, berichtet Thomas Boberg. Damals ist der Stiftungsgründer Helmut Ziegner über einen Theaterbesuch im Gefängnis darauf aufmerksam geworden, wie wichtig es ist, Inhaftierten Menschen eine Zukunft zu geben. „Daher liegt unser Fokus ganz klar auf Qualifizierung und Umschulung, nicht nur auf Beschäftigung der Inhaftierten“, erklärt Boberg. Für den Unterrichtsteil kommen externe Berufsschullehrer in die Haftanstalt, die Prüfungen werden von der IHK bzw. der Handwerkskammer abgenommen. „Die Zeugnisse sind die gleichen wie bei einer Ausbildung draußen“, sagt Boberg. Auf den ersten Blick ist es also gar nicht erkennbar, wo die Ausbildung gemacht wurde.

Die Vermittlungsquote der Auszubildenden nach der Haft hat sich im Gegensatz zu früher deutlich verbessert. „Die Bewerber werden uns eigentlich aus der Hand gerissen. Dabei spielt uns der Fachkräftemangel natürlich in die Karten“, erklärt Boberg. Man arbeite aber auch daran, die Berührungsängste der Firmen zu senken, indem man sie zum Beispiel zu Besuchen und Gesprächen einlade – mit Erfolg. Zentral sei außerdem die Tatsache, dass die Ausbildung auf den Bedarf am Arbeitsmarkt abgestimmt werde. „Von den Zeitarbeitsfirmen bekommen wir beispielsweise die Rückmeldung, dass verstärkt Mitarbeiter für Callcenter und beim telefonischen Verkauf gesucht werden. Deshalb haben wir hier einen neuen Lehrgang „Dialogmarketing“ gestartet – nächsten Monat beginnt er.“ Außerdem bietet die Stiftung Ausbildungen zum Koch, zum Gebäudereiniger und zum KFZ-Mechatroniker sowie Qualifizierungen in der Gebäudereinigung, Lagerlogistik, ECDL und Gebäudetechnik an.

Zusammenarbeit mit Senat und Arbeitsagentur
Finanziert werden die Maßnahmen teils über Zuwendungen der Senatsverwaltung für Justiz, teils über Bildungsgutscheine  der Agentur für Arbeit.  Diese enge Zusammenarbeit ist zentral, betont Thomas Boberg. Das bestätigt auch Michael Topfstedt von der Agentur für Arbeit, der kurz darauf den Raum betritt. „Zur Zeit funktioniert es recht gut, dass Bildungsgutscheine für die Ausbildungsmaßnahmen zur Verfügung stehen“, sagt er. Wie viele Gutscheine es in Zukunft gebe, sei aber nicht vorhersehbar. Deshalb sei es sehr wichtig, dass die Förderung des Senats  in vollem Umfang bestehen bleibe, um die Angebote zu sichern.

„Die Bildungsangebote sind sehr wichtig für die Inhaftierten.  Wir arbeiten nach dem Prinzip ‚Qualifizierung geht vor Arbeit‘, weil ausgebildete Inhaftierte es hinterher viel einfacher auf dem Arbeitsmarkt haben. Damit bringt er den Grundgedanken der Straffälligenhilfe der Helmut Ziegner-Stiftung auf den Punkt: Voraussetzung für eine erfolgreiche Resozialisierung in die Gesellschaft  nach der Haftentlassung und zur Vermeidung erneuter Straffälligkeit ist die Integration in den Arbeitsprozess.

„Wenn jemand jahrelang in Haft ist, verpasst er zentrale Entwicklungen, zum Beispiel in der Informationstechnologie. Dafür gibt es hier das ECDL-Modul“, sagt Michael Topfstedt. Für den ECDL, den Europäischen Computerführerschein, können Inhaftierte in einem eigens eingerichteten Computerkabinett den Umgang mit gängigen Programmen erlernen. Denn, so Topfstedt„wie soll jemand nach der Haftentlassung eine Bewerbung schreiben, wenn er nicht weiß, wie man mit Word arbeitet oder eine E-Mail schreibt?“ Internet gibt es allerdings in der JVA nicht, das ECDL-Modul findet offline statt.

Was die Haftanstalt bietet, ist Praxiserfahrung. „Für alle Umschulungen braucht man einen Praxisanteil“, erklärt Boberg. „Der kann direkt hier umgesetzt werden.“ Die KFZ-Mechatroniker reparieren Fahrzeuge der JVA-Mitarbeiter, die Köche betreiben die Mitarbeiterkantine, die Gebäudereiniger sorgen für Hygiene und die Elektroniker übernehmen Reparaturarbeiten.
„Auch wenn eine Ausbildung abgeschlossen ist, bemühen wir uns, dass die Leute im Fach bleiben und regelmäßig Praxis bekommen.“

Hohe Erfolgsquoten in der Ausbildung
Einige Monate vor Ausbildungsbeginn verteilen die Mitarbeiter der Universal-Stiftung Helmut Ziegner Informationsflyer unter den Inhaftierten. Interessierte Kandidaten müssen einen Eignungstest durchlaufen, gegebenenfalls wird Nachhilfe in einzelnen Fächern organisiert, wenn es z.B. in Deutsch oder Mathe noch klemmt. Wer es in die Ausbildung schafft, der weiß, dass davon seine Zukunft abhängt. Die Abbruchquoten in den Ausbildungen sind sehr gering. „Pro Bereich nehmen wir fünf bis acht Leute auf; ein bis zwei fallen pro Jahrgang raus, oft bedingt durch Veränderungen im Vollzug“, berichtet Boberg.

„Die Ablenkung ist hier nicht so groß“, ergänzt Michael Topfstedt von der Arbeitsagentur. „Die Inhaftierten haben ja kein Handy, keine Freundin, da ist mehr Zeit zum Lernen.“ Auch die Berufsschullehrer, die fünf Mal im Monat zum Unterricht in die Haftanstalt kommen, seien gerne hier: die Lerngruppen sind klein, die Schüler konzentriert.

Volle Konzentration herrscht auch in der Kantine, die wir nach einem Abstecher über die KFZ-Werkstatt besuchen. Hier wird gerade das Mittagessen für rund 100 Mitarbeiter zubereitet. Ein Mitarbeiter klopft Steaks, ein anderer platziert kleingeschnittenes Gemüse in einer Salatbar. „Hier lernt man, effizient und auf den Punkt zu arbeiten“, erklärt Andreas Wolf, der verantwortliche Mitarbeiter von der Helmut Ziegner-Stiftung. Um acht Uhr stehen die Leute hier und wollen ihr Frühstück, da muss alles perfekt sein.“ Stolz zeigt er auf die Auslage mit den Gerichten fürs Mittagessen. „Hier wird alles selbst gemacht, Fertiggerichte gibt es nicht. Und die Auszubildenden lernen jeden einzelnen Schritt von der Pike auf. Außer die Alkoholverarbeitung, das können wir natürlich nicht machen. Aber das kann man ja problemlos durch etwas anderes ersetzen.“ Die Ausbildung in der Kantine sei begehrt. „Uns erreichen Bewerbungen in den unterschiedlichsten Formen – vom mehrseitigen Dokument mit Lebenslauf bis zu so etwas.“ Er hält einen handbeschriebenen Notizzettel hoch. Dieser Kandidat müsse nochmal ran und eine ordentliche Bewerbung abgeben.

Mit farbigen, geschwungenen Buchstaben schreibt ein junger Mann das Tagesangebot auf eine Tafel an der Salatbar. „Mahlzeit!“ ruft er mit einem großen Lächeln und rückt die Schalen mit dem bunten Gemüse zurecht. In diesem Moment, in der Kantine mit Holztischen und Stammtisch-Flair, vergisst man für einen Moment, dass man sich im Gefängnis befindet.

Mehr unter www.universal-stiftung.de/index.php/ausbilden/ausbildung-innerhalb-des-strafvollzuges und unter
www.universal-stiftung.de/fileadmin/downloads/JVA-Tegel.pdf

Text: Nina Peretz

 

(Pe)

Datum, 21 | 03 | 2017