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Kein Platz für Obdachlose in Mitte?

KLIK e.V. musste sich unerwartet nach neuen Räumen umschauen

„Um das Bild ist es wirklich schade”, sagt Alexandra Post mit Bedauern in der Stimme. „Wir können es ja nicht einfach rausbrechen und mitnehmen.” Sie steht vor einem großen Wandgemälde, das die Mauer hinter einem langen Esstisch schmückt. Lebensgroße Personen sind darauf zu sehen, beim Duschen, Kochen, Wäsche waschen. Darüber in großen Buchstaben der Name des Ortes: KLIK. Am Tisch vor dem Wandbild sitzen einmal am Tag die Betreuerinnen und Betreuer des KLIK e.V. bei einer warmen Mahlzeit mit ihren Schützlingen zusammen, junge Erwachsene, die keine feste Wohnung haben. Viele der obdachlosen jungen Menschen kommen aus anderen EU-Ländern. Im KLIK können sie sich duschen, den Computer nutzen, etwas essen –  vor allem aber bekommen sie eine umfassende Betreuung.

Durchs soziale Raster gefallen

Duschen, essen, waschen – das KLIK gibt Obdachlosen so etwas wie einen AlltagSo wie Marek aus Slowenien, dessen Mutter ohne ihn nach Deutschland kam und ihn mit Verwandten zurückgelassen hat. Irgendwann kam er nach, doch seine Mutter kümmerte sich nicht um ihn, der deutsche Stiefvater schlug ihn. Mal jobbte er hier, mal in Slowenien, aber nie lange genug, um sozial abgesichert zu sein. Er landete auf der Straße. „Er fällt durchs Raster, passt in kein System, obwohl er sich so bemüht, irgendwo einen Fuß reinzubekommen”, erzählt Alexandra Post. Marek hielt sich viel im KLIK auf, wo er beraten und begleitet wird und wo man sich bemüht, ihm zumindest eine vorübergehende Unterkunft und Meldeadresse zu verschaffen. „Das wäre eine Möglichkeit, aus der Arbeits- und Obdachlosigkeit herauszukommen.” Klare Hausregeln gibt es für die jungen Menschen, die das KLIK aufsuchen: keine Drogen, keine Gewalt. Wer sich daran hält, dem steht die Türe zur Anlaufstelle immer offen. Und wenn es nach den Gründerinnen Alexandra Post und Anett Leach geht, würde es das auch weiter tun.

Doch die Kontakt- und Beratungsstelle des KLIK e.V. ist von der Schließung bedroht. Anfang Dezember 2016 lag plötzlich die Kündigung vom Vermieter, der Wohnungsbaugesellschaft Berlin-Mitte (WBM), einem kommunalen Immobilienunternehmen. Ganz überraschend kam sie nicht, schließlich hat sich die Gegend um die Torstraße in den letzten Jahren deutlich verändert, edle Läden und Restaurants haben geöffnet, etwas vom Mitte-Flair der nahe gelegenen August- und Linienstraße ist zu spüren. Und trotzdem war die Kündigung erst mal ein Schock. „Noch im November haben wir mit dem Vermieter Gespräche geführt, da war davon noch keine Rede”, empört sich Alexandra Post. Dass viel auf dem Spiel steht, das ist ihr deutlich anzumerken. Seit Monaten lässt sie nichts unversucht, um den Fortbestand der Kontakt- und Beratungsstelle in zentraler Lage zu sichern.

Unterstützung von Nachbarn und Partnern

Ein wichtiger Schritt war der runde Tisch im Februar, den hatte die Stadtteilkoordinatorin der Volkssolidarität angeregt, die ihr Büro direkt neben der Kontakt- und Beratungsstelle hat. In dieser Runde sah sich der Mitarbeiter der WBM plötzlich zahlreichen sozialen Trägern gegenüber, aber auch Vertreteriinnen und Vertretern der Fraktionen der Linken, Grünen und SPD der BVV Mitte. „Das Echo war groß – und das war ein wichtiges Zeichen der Geschlossenheit gegenüber der WBM. Und für uns wurde deutlich, dass wir mit der Situation nicht allein sind, dass wir Unterstützung bekommen.”

Die WBM sah sich nun genötigt, Stellung zu beziehen. Im Nachgang gab es zum ersten Mal ein konkretes Angebot der WBM, wenn auch ein inakzeptables. „Sie wollten uns im 4. Stock eines Mietshauses am Alexanderplatz unterbringen. Das funktioniert natürlich mit unseren Klienten überhaupt nicht. Wir müssen sichtbar und leicht zugänglich sein”, sagt sie und deutet auf die Glasfassade des Ladenlokals, in dem die Kontakt- und Beratungsstelle des KLIK e.V. gelegen ist.

Dank der Unterstützung der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung gab es dann auch direkte Gespräche mit der Geschäftsführung der WBM. Kurze Zeit schien es, als sei eine geeignete Alternative gefunden: Ungenutzte Räume in einem Gebäudekomplex in der Rathenower Straße 16, der als Kinderheim erbaut und lange durch bezirkliche Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen genutzten wurde. Das Objekt wird seit dem Auszug des Bezirkes 2010 durch die Berliner Immobilienmanagement GmbH (BIM) verwaltet und vermietet, steht aber größtenteils leer.  Nun soll es an die WBM übertragen werden. Für die Entwicklung des Bauprojekts in Moabit liegt bereits ein Konzept vor und zahlreiche Träger haben Interesse angemeldet. Kurz darauf aber die Enttäuschung: Die WBM machte einen Rückzug, die Rathenower Straße ist nicht mehr verfügbar. Warum? Das kann Alexandra Post nicht nachvollziehen. Wahrscheinlich sei das Gelände mittlerweile für die WBM ebenso attraktiv wie die Räume in der Torstraße   

Räume in der Nachbarschaft – eine Alternative?

Weihnachtsfeier in der Küche des KLIK e.V. Die Wohnungsbaugesellschaft machte einen anderen Vorschlag: Zwei Orte in der direkten Nachbarschaft, in der Tor- und der Linienstraße, sollten zusammen die ursprünglichen Räume ersetzen. Keine optimale Lösung für KLIK: Einerseits steht viel weniger Raum für die Betreuungsarbeit zur Verfügung – und das bei deutlich höherer Miete. Andererseits handelt es sich erneut nur um Gewerberäume, so dass die Miete nach einer Frist von fünf Jahren noch einmal radikal ansteigen wird. „Wir sind aber keine Gewerbemieter“, empört sich Alexandra Post. „Wir sind eine gemeinnützige Organisation ohne institutionelle Förderung, die nur projektweise über Stiftungsprogramme finanziert ist!“

Mut macht dem Team von KLIK bei allen Diskussionen und Streitigkeiten immer wieder die Unterstützung von Seiten der Politik. Beraten und begleitet wurde die Organisation von Abgeordneten, Mitarbeitern der Senatsverwaltung und Mitgliedern der Bezirksverordnetenversammlung. Nicht zuletzt durch diese erfolgreiche Vermittlung kam es schließlich zu einem Kompromiss mit der WBM: Die Kontakt- und Beratungsstelle wird in die alternativen Räume in der Torstraße 210 ziehen und der Verein wird zusätzlich die Räume in der Linienstraße als Verwaltungsbüro mieten.

Um die neuen Räume für die Zwecke der Beratungsstelle herzurichten, stehen allerdings umfassende Baumaßnahmen an: Toiletten und Duschen müssen eingebaut, Wasseranschlüsse und Elektrik gelegt, Trennwende eingesetzt  werden. „Die Bauarbeiten werden voraussichtlich acht Wochen dauern, vor August oder September können wir die Kontakt- und Beratungsstelle also nicht eröffnen“, erklärt Alexandra Post. Auch wenn die WBM einen Teil der Umbaukosten übernimmt, kommen erhebliche Kosten auf den Verein zu:  für Küchenausstattung, Malerarbeiten und den Umzug selbst. „Sobald die Kosten- und Maßnahmenplanung mit  Handwerkern steht, kann ich mich um eine Unterstützung durch Stiftungsförderung bemühen“, so Alexandra Post. Solange der Umzug noch nicht möglich ist, bleibt der KLIK e.V. noch in den alten Räumen – zu einem verringerten Mietzins, da dort bereits Renovierungsarbeiten laufen. Zwischendurch muss die Einrichtung auch mal geschlossen werden, da die Wasserversorgung unterbrochen ist.  

Alexandra Post hat gemerkt, dass das Thema Verdrängung und öffentliche Liegenschaften viel größer ist, als die meisten ahnen. Und dass man die Verantwortung dafür nicht alleine der Politik überlassen kann. „Die notgedrungene intensive Beschäftigung mit dem Thema hat für mich die Einsicht gebracht, dass soziale Arbeit sich grundsätzlich in Stadtentwicklung einmischen können sollte.“

Mehr unter: klik-berlin.de

Text: Nina Peretz; Fotos: KLIK e.V.

(vb)

Datum, 07 | 08 | 2017