Kiezreporter der Schulstation von Aufwind e.V. - Foto: Stefanie Lehmann Unionhilfswerk - Kindergartengruppe - Foto: Christiane Weidner Eine Breakdanceshow - Foto: Eberhard Auriga Kletterwald - Foto: Nachbarschaftsheim Schöne

„In schweren Zeiten Momente der tiefen Freude erleben“

Ricam – das erste Hospiz in Berlin

„Zeit ist nicht eine Frage der Ausdehnung, sondern der Tiefe“ – dieses Zitat der englischen Krankenschwester, Sozialarbeiterin und Ärztin Cicely Saunders bildete die Überschrift des ersten Flyers über das Ricam Hospiz. Inzwischen hat sich die Zeit für das Ricam ausgedehnt. Wir sind im 20. Jahr unseres Bestehens. Und wie steht es mit der Tiefe?

Die Wirkenden

Zuwendung in einer besonderen Lebensphase; Foto: Ricam HospizAm 15. Juni 1998 konnte das Ricam Hospiz die ersten fünfzehn Patienten aufnehmen. Dorothea Becker, bis dahin Krankenschwester auf einer onkologischen Station in Neukölln, hatte es mit vielen Helfern und Unterstützern und sehr viel ehrenamtlichem Engagement geschafft, das erste Hospiz in Berlin zu eröffnen. Mehr als 20 Jahre arbeiten Haupt- und Ehrenamtliche verschiedener Berufe gemeinsam für das Hospiz. Das Team ist gewachsen, die Arbeit ist durch feste Strukturen geprägt, die Anforderungen haben sich verdichtet. Was aber geblieben ist, ist das Bewusstsein für den Auftrag, gemeinsam für Sterbende und deren Angehörige da zu sein. Und das geht nur im Team.

Sagte man früher, so eine Arbeit kann man höchstens zwei Jahre machen, hat unser langjähriges Team inzwischen eine andere Überzeugung. Die tiefe Mitmenschlichkeit in den Begegnungen, ganz besonders dann, wenn es schwer wird, gibt viel Kraft. Auf das Wesentliche reduziert zu sein, schärft das Bewusstsein für den Augenblick und lehrt jeden, sich im Bezug zu den Mitmenschen zu reflektieren und weiterentwickeln.

Die Räume

Hell und freundlich, mit Dachterrassen, frischen Blumen und gutem Essen, so stellt sich das Ricam Hospiz vor. Die Räume wurden modernisiert, 20 Jahre Entwicklung ist ihnen anzusehen. Das Entscheidende ist aber, dass sehr viele Menschen seit dem ersten Eindruck angetan sind und diesen Ort als letzten Lebensort schätzen. Können Räume auch die Tiefe der Zeit ausstrahlen? Sicher sind es die Menschen, die die Räume gestalten und erfüllen. Unser Ziel, das Haus zu einem Ort des Lebens zu machen, wird wahrgenommen. Hier wird gelebt, geliebt und gefeiert, gleichzeitig aber auch Abschied genommen.

Die Angehörigen

Angehörige stehen mit den Patienten im Mittelpunkt der Betreuung. Damit sie dem Sterbenden zur Seite stehen können, brauchen sie viele Informationen. Zu wissen, was kommt, und die Bestätigung, es richtig zu machen, ermöglicht ihnen bei aller Trauer, auch Gelassenheit zu erleben.

Die Kinder wurden von Anfang an bedacht. Sie sollen nicht ausgeschlossen werden. Heute wissen wir, dass Kinder Trauer bewältigen können, insbesondere wenn sie einbezogen werden. Die Angebote sind vielfältiger geworden. Ganz besonders freuen wir uns über ein Netzwerk von Helfern in Berlin, wie z.B. Psychologen oder besonders geschulte Ehrenamtliche in den verschiedenen ambulanten Hospizdiensten. Der intensive Zusammenhalt von Angehörigen, Freunden und professionellen Helfern stärkt Kinder und Jugendliche, nicht am unfassbaren Verlust eines geliebten Menschen zu zerbrechen. Nach 20 Jahren erleben wir, dass Menschen wieder zu uns kommen, die als Kinder Angehörige waren, sei es als Praktikant, Arzt oder Journalist. Sie wollen etwas von dem zurückgeben, was ihnen geholfen hat.

Die Patienten

In der Hospizarbeit werden sie oft Gäste genannt, weil deutlich gemacht werden soll, dass nicht ihre Krankheit im Mittelpunkt steht. Sie sind Menschen und damit so unterschiedlich, wie Menschen eben sind. Ihnen gilt der Satz von Cicely Saunders am deutlichsten, denn sie wissen, dass die Ausdehnung ihrer Zeit sehr kurz ist. Wenn jemand anfängt, ein Glücksmomente-Tagebuch zu führen, geht es uns auch nach 20 Jahren Hospizarbeit unter die Haut. Die Patienten sind die Helden der Hospizarbeit. Sie lehren uns, wie Leben sein kann. Natürlich muss über Krankheit, Symptome, Medikamente und Abschied geredet werden. Dennoch sind Leid und Glück nicht sehr weit voneinander entfernt. Menschlichkeit gemeinsam zu lernen, das stärkt alle Beteiligten.

Die Angebote

Seit 1998 ist das Angebot des Ricam Hospizes vielseitiger und umfangreicher geworden. Unser ambulantes Hospizteam arbeitet mit fünf Koordinatoren und unzähligen Ehrenamtlichen dort, wo die Menschen leben. „Was brauchst Du?“ ist die entscheidende Frage. Beratung oder das Koordinieren der vielen Hilfsangebote genügt manchmal am Anfang. Die langfristige Begleitung ist das Kernstück des Ricam Hospizdienstes „d.E.L.P.H.i.N.“. Zuhause bleiben können wird möglich, wenn man kompetente Menschen an seiner Seite hat. Zusammen mit der Spezialisierten Ambulanten Palliativen Versorgung (SAPV), die aus Ärzten, Pflegekräften, Physiotherapeuten und vielen anderen Dienstleistern besteht, kann dieses Ziel erreicht werden.

Manchmal ist es gut, das Zuhause zu verlassen. Im stationären Hospiz ist zu jeder Zeit sofort die nötige Hilfe da. Das kann Patienten und Angehörige so entlasten, dass sie Lebensqualität zurückgewinnen können. Der Arzt schreibt eine Bestätigung zur Hospizversorgung, danach kann der Patient aufgenommen werden. Leider gibt es immer noch nicht genügend Plätze. Das Ricam Hospiz möchte in Zukunft weitere Plätze anbieten.

Außerdem plant die Ricam Hospiz Stiftung ein Tages- bzw. Nachthospiz. Hier werden tageweise Therapiemöglichkeiten, Begegnungen und Austausch angeboten, bzw. ein Ort, an dem nächtliche Betreuung Angst nimmt und die Angehörigen entlastet. So bleibt der Lebensmittelpunkt zu Hause.

Der Lohn der Hospizarbeit

Das Zitat von Cicely Saunders ist ein Auftrag an uns alle. Die Fähigkeit, die Tiefe des Augenblicks zu erleben, schafft Lebensqualität. Am Ende des Lebens ist es nicht mehr möglich, sich auf die Ausdehnung der Zeit zu berufen. Die Aufgabe unseres ganzen Lebens ist es, den Augenblick zu schätzen. Wer das für sich gelernt hat, der kann auch anderen, insbesondere sterbenden Menschen eine unschätzbare Hilfe sein. Um die eigene Not und die des Anderen auszuhalten, braucht man Methoden und Mittel, die Schmerzen, Angst und Not lindern oder sogar heilen können. Die Tiefe der Zeit schätzen zu können, hilft in schweren Zeiten unendlich viele Momente der tiefen Freude zu erleben. Sehr viele Patienten und Angehörige haben uns das gelehrt.

Ricam-Hospiz.de , info(at)ricam-hospiz.de

(En)

Datum, 13 | 10 | 2017