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„Ich würde empfehlen, lieber gemeinsam diese neue Welt zu erkunden"

Kategorie: Fünf Fragen, Aus dem Verband, Jugend, Jugendhilfe

Fünf Fragen an Georg Milzner, Psychotherapeut und Autor des Buchs „Digitale Hysterie. Warum Computer unsere Kinder weder dumm noch krank machen”

Porträt von Georg Milzner

Georg Milzner, Foto: privat

Georg Milzner ist Diplompsychologe und in eigener Praxis als Psychotherapeut tätig. Seit vielen Jahren arbeitet er mit Kindern und Jugendlichen und erforscht den Einfluss der digitalen Medien auf den Menschen. Der Vater von drei Kindern ist Autor mehrerer Bücher; er lebt und arbeitet in Münster und in Düsseldorf. Die Fragen stellte Andreas Schulz.

Herr Milzner, welche Erfahrungen haben Sie veranlasst, das Buch zu schreiben?

Georg Milzner: Da kommen mehrere zusammen. Ich bin Therapeut, und in den letzten Jahren ist das Thema „digitale Medien” für meinen Beruf immer größer geworden. Eltern fürchten, ihre Kinder seien computersüchtig oder würden durch Computerspiele zu Gewalttätern werden. Lehrer, die ich supervidiere, suchen nach Orientierung, wie sie mit den neuen Medien umgehen können. Als Vater wie auch als Forscher habe ich das getan, was ich für das einzig Richtige halte. Ich habe mich mit der Studienlage auseinandergesetzt, die keineswegs eindeutig ist. Es gibt mindestens so viele Studien, die den digitalen Medien positive Effekte zuschreiben, wie solche, die ihre Auswirkungen für problematisch halten. Und ich habe mich tiefer in die Zonen eingearbeitet, die als besonders heikel gelten, die Computerspiele. Das entspricht meiner Haltung als Bewusstseinsforscher, möglichst nichts zu beurteilen, wo ich selbst keine Erfahrungen vorweisen kann. Irgendwann war dann die Idee da, ein Buch dazu zu machen. Denn ich sah zu meinem Erstaunen, dass auf dem breiten Sachbuchmarkt zwar viele warnende Publikationen zu finden waren. Aber keins, das die furchterregenden Themen – machen Computer unsere Kinder süchtig, aggressiv, dumm, dick und unkreativ? – nacheinander durcharbeitete, ordnete und klärte, was berechtigte Sorgen sind, und was nicht.

Mit Blick auf die Kinder, was nehmen Sie in Ihrer Arbeit wahr?

Georg Milzner: Die Kinder begreifen oft nicht ganz, warum Erwachsene sich um ihr Gedeihen so viele Sorgen machen. Sie lernen die digitalen Medien, die ja nun mal überall sind, kennen und das erleben sie als ganz selbstverständliches erkundendes Spiel. Sie fühlen aber auch den besorgten Blick auf sich ruhen, und ihnen entgeht nicht, dass Eltern und Erzieher diese Erkundung nicht gutheißen. So stehen sie zwischen Baum und Borke: Ihre Umwelt spielerisch zu erkunden entspricht ihrem natürlichen Drang, und da die digitalen Medien unsere Umwelt prägen, gehören sie eben dazu. Aber sie möchten auch, dass ihre Eltern bejahen und gut finden, was sie tun, und das erleben sie zu selten. Kinder bekommen Lob, wenn sie ein Bild malen. Wenn sie in einem Game ein bestimmtes Level erreichen, was ja auch eine Leistung ist, bleibt das Lob meist aus.

Und mit Blick auf die Eltern?

Georg Milzner: Die Eltern sind besorgt, ungewöhnlich besorgt. Viele von ihnen sind in einem regelrechten Panikmodus gefangen, der sie ihnen Kindern gegenüber in ihrer elterlichen Entfaltung behindert. Das liegt zum einen daran, dass ihnen die Referenzerfahrungen fehlen: Die allermeisten Eltern sind ja selbst nicht mit Computern groß geworden und können daher ganz selbstverständliche Einordnungen – wie etwa bei Fahrradunfällen oder auch beim ersten Vollrausch, den wir ja alle einigermaßen unbeschadet überstanden haben – nicht vornehmen. Zum anderen sind sie aber auch durch die sehr grellen Warnungen einiger weniger Experten aufgeschreckt, die den Eindruck zu erwecken vermochten, alles Digitale sei Gift für die Entwicklung unserer Kinder.

In wenigen Worten für unsere Leser und Leserinnen die eine Empfehlung: Wie kann man der Hysterie begegnen?

Georg Milzner: Durch Auseinandersetzung und Anteilnahme. Bis jetzt hat die Menschheit noch jeden Kulturwandel überstanden. Daher ist es unwahrscheinlich, dass ausgerechnet die digitale Revolution uns an die Wand fahren wird. Kinder, die heute die digitale Welt für sich entdecken, setzen sich einfach mit ihrer Umgebung auseinander. Anstatt das argwöhnisch zu beobachten würde ich empfehlen, lieber gemeinsam diese neue Welt zu erkunden und zum Beispiel Spiele zu erlernen, die auch die Kinder spielen.

Wenn Sie auf die aktuellen Entwicklungen der Digitalisierung schauen, was ist eine der nächsten Herausforderungen, der wir uns stellen müssen?

Georg Milzner: Ganz klar die Frage nach der Aufmerksamkeitssteuerung. Indem wir uns die digitale Welt zunehmend vertrauter machen, passen wir uns ihr in einem evolutionären Sinn auch an. Da die digitale Welt aber mit einer ungeheuren Zahl von Reizen daherkommt, ist das Verweilen der Aufmerksamkeit bei einer und nur einer Sache für viele, nicht nur für Kinder, zu einer Herausforderung geworden. Ich glaube daher, dass in Zukunft so etwas wie Selbstkompetenz erheblich wichtiger werden wird als die so oft beschworene Medienkompetenz.

rs


Datum, 06 | 07 | 2016