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Freiwilliges Engagement – Quo vadis?

Die Zukunft des Ehrenamts ist vielfältig und digital

Engagiert im Alter: Gärtnern in Neukölln beim Freiwilligentag; Foto: Christian Sievert

Die Vielfalt und Komplexität der Engagementlandschaft in der Bundesrepublik sind außergewöhnlich. Laut dem letzten Deutschen Freiwilligensurvey aus dem Jahre 2014 engagieren sich mehr als 30 Millionen Menschen ab 14 Jahren ehrenamtlich in ihrer Freizeit, Tendenz steigend. Ob in Sportvereinen, sozialen Organisationen, der freiwilligen Feuerwehr, Senioreneinrichtungen, Initiativen, im Umweltschutz, in Kirchen und Moscheen, in Selbsthilfegruppen und Hospizen oder auch im Internet engagieren sich Menschen für das Gemeinwohl und setzen sich für einander ein.

Dieses Engagement ist nicht nur essentieller Bestandteil vieler Organisationen, sondern auch eine Basis einer aktiven Zivilgesellschaft in Deutschland. Die einzelnen Beteiligten profitieren vom freiwilligen Engagement, sie empfinden es als sinnstiftend bzw. unterstützend. Unsere Gesellschaft profitiert aber auch als Ganzes enorm, denn freiwilliges Engagement erfüllt eine Funktion von elementarer Bedeutung für den Zusammenhalt der Gesellschaft: nämlich die der sozialen Teilhabe.

Vielen Menschen ist nicht bewusst, wie umfangreich das Engagement ihrer Mitmenschen ist. Das liegt daran, dass ein gewichtiger Anteil des freiwilligen Engagements weit ab von der Öffentlichkeit stattfindet, teilweise in sehr privaten und auch in sehr sensiblen Bereichen. So erfordert z.B. die Arbeit bei der Telefonseelsorge oder in der Sterbebegleitung nicht nur ein hohes Maß an Einfühlsamkeit, sondern auch an Professionalität.

Manchmal zeigt sich aber auch ganz offen und für jeden ersichtlich, was engagierte Menschen alles leisten können. Die Bilder aus den deutschen Bahnhöfen im Spätsommer 2015 gingen um die Welt. Menschen, die vor Krieg und Verfolgung geflohen sind, wurden begrüßt von engagierten Menschen, die anpackten, organisierten und Unterstützung da leisteten, wo staatliche Strukturen an ihre Grenzen stießen.

Genauso vielfältig wie das freiwillige Engagement in Deutschland ist, sind auch die Herausforderungen, denen es gegenübersteht. Manche beschäftigen uns schon jetzt täglich. Zum Beispiel ist weder sinnvoll, noch können wir es uns leisten, dass auch heute noch durch die Rahmenbedingungen Menschen mit Behinderungen von freiwilligem Engagement und damit auch von sozialer Teilhabe ferngehalten werden. Ähnliches gilt auch für das Engagement von Geflüchteten. So müssen sie, selbst wenn Sie eine regelmäßige ehrenamtliche Aufgabe gefunden haben, für Termine und Maßnahmen vom Jobcenter zu jeder Zeit zur Verfügung stehen, sonst folgen unmittelbar Sanktionen.  

Manche Herausforderungen werden ihre volle Tragweite erst in den kommenden Jahren zeigen. Zum einen wird die Digitalisierung auch das freiwillige Engagement nachhaltig und umfassend verändern. Projekte wie die Online-Enzyklopädie Wikipedia haben nicht nur das Erledigen von Hausaufgaben für Schülerinnen und Schülern auf der ganzen Welt verändert, sondern auch gezeigt, was für Einflussmöglichkeiten digitales Engagement besitzt. Es ist wichtig, sich dieser Entwicklung ernsthaft anzunehmen.  Dazu gehört es auch sich anzuschauen, wie wirtschaftliche Unternehmen mit der Digitalisierung umgehen und welche Ansätze und Ideen in den Engagementbereich übertragbar sind.

Wenige Herausforderungen werden jedoch so sehr die Engagementlandschaft in Deutschland verändern wie der demografische Wandel. Ausgehend von dem Wandel in der Bevölkerung wird sich auch das Engagement anpassen. Es wird möglicherweise kurzfristiger und weniger zeitintensiv. Mehr ältere Menschen werden sich engagieren, vielleicht aber auch mehr Studierende, z.B. in Mehrgenerationenwohnprojekten, die Wohnen mit Engagement verbinden.

Beim Freiwilligentag machen Selbsthilfegruppen auf ihr Angebot aufmerksam; Foto: Anna Zagidullin

Der Konflikt zwischen staatlicher Verantwortung und freiwilligem Engagement kann sich durch diese Entwicklungen zuspitzen: Die Frage, wie viele Aufgaben der Staat an freiwillig engagierte Menschen abgibt und abgeben wird, wird weiter in den Mittelpunkt rücken. Staatliches Handeln im Bereich der Engagementpolitik muss weiter kritisch beobachtet und hinterfragt werden. So ist es z.B. unhaltbar, wenn sich getarnt als Engagement prekäre Lohnarbeit unterhalb des Mindestlohns etabliert wird. 

Auch muss der Moralisierung von freiwilligen Engagement durch staatliche Institutionen mit Vorsichtig begegnet werden. So ist eine umfassende Anerkennungskultur natürlich wichtig, sie darf aber nicht dazu führen, dass der Staat freiwilliges Engagement subtil zur Bürgerinnen- und Bürgerpflicht erklärt und sich dadurch der Verantwortung entzieht. Insbesondere im Bereich der Pflege kann man z.B. diese Entwicklung in den letzten Jahren beobachten.  

Wir dürfen all diese Entwicklung nicht unterschätzen und sollten schon jetzt uns auf den Weg machen, freiwilliges Engagement fit zu machen für die Zukunft.

Das bedeutet konkret:

  • Ehrenamtliche sollten öffentliche Verkehrsmittel vergünstigt nutzen können. Denn sonst können Menschen, die wenig Geld haben, sich Ehrenamt gar nicht leisten!
  • Wir fordern, dass Strukturen, die Ehrenamt unterstützen, wie Stadtteilzentren und Freiwilligenagenturen, ausgebaut und vor allem sicher finanziert werden.
  • Engagement muss für alle zugänglich sein, selbstverständlich auch für Menschen mit Behinderung! Das geht nur, wenn Assistenzleistungen auch für ehrenamtliche Einsätze bewilligt werden.
  • Ehrenamtliches Engagement hilft Geflüchteten, hier anzukommen. Geflüchtete müssen zudem die Chance bekommen, den Ort, an dem sie leben, aktiv mitzugestalten.

Die Bedeutung von freiwilligem Engagement in Deutschland können wir gar nicht hoch genug einstufen. Ohne eine engagierte und auch streitbare Zivilgesellschaft wäre das demokratische System der Bundesrepublik Deutschland nur eine leere Hülle.

Text:
Anne Jeglinski, Leiterin Geschäftsstelle Bezirke des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Berlin
Christian Sievert, Geschäftsstelle Bezirke des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Berlin

(vb)

Datum, 05 | 12 | 2017