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Angebotsumstellungen durch Corona-Lockdown

Ergebnisse einer Umfrage unter Mitgliedsorganisationen aus dem Bereich Anti-Gewalt-Arbeit und Ein-Eltern-Familien

Alleinerziehend, Foto: meny witte/ SHIA e.V.

Alleinerziehend, Foto: meny witte/ SHIA e.V.

Der Lockdown des öffentlichen Lebens war ein Stresstest für das Hilfe- und Unterstützungssystem von Menschen in besonderen Lebenssituationen wie gewaltbetroffene Frauen aber auch Alleinerziehende. Wie konnten die Einrichtungen ihre Beratungsangebote umstellen, welche Schwachstellen zeigten sich in den Hilfsstrukturen und welche Erkenntnisse lassen sich für die Zeit nach Corona mitnehmen? Wir haben dazu unsere Mitgliedsorganisationen der Anti-Gewalt-Arbeit sowie Ein-Eltern-Familien befragt.

Durch die Corona bedingten Schließungen für die Öffentlichkeit mussten viele Frauen- und Familienor-ganisationen ihre Beratungs- und Unterstützungsangebote auf digitale Formate umstellen wie Online-Chat, Videoberatung oder auch selbsterstellte Informationsvideos zu ausgewählten Themen.

Einrichtungen als Seismografen

Die größte Herausforderung stellten die Schließungen von Kitas, Schulen, Jugendfreizeiteinrichtungen und Jugendclubs dar. Sie sind als Rückmeldeweg im Kontext Gewalt besonders wichtige Orte, in denen erste Anzeichen der Gewalt wahrgenommen und an die Polizei, Jugendämter, Krisen- und Beratungs-stellen gemeldet werden. Die Frauen- und Familienorganisationen haben demnach schnell reagieren und die technischen Voraussetzungen für die digitalen Angebote schaffen sowie datenschutzkonforme Anbieter finden müssen.
Die Krisensituation zeigte allerdings auch deutlich, dass persönliche Beratungen unersetzbar sind. Es wurden deshalb auch kreative Formate genutzt wie die Durchführung von Gesprächen im eigenen Gar-ten oder während eines Spaziergangs im Park – jeweils unter Einhaltung der Abstandsregeln.

Kostenlose Angebote fehlten

Übereinstimmend berichten die Mitgliedsorganisationen, dass die Einschränkungen der Corona-Pandemie die Personen besonders stark treffen, die auf kostenlose Angebote wie kostenfreies Mittagessen angewiesen sind. Das betrifft auch Alleinerziehende, die auf soziale Beziehungen und Kontakte zur Bewältigung ihres Alltags mit Kind angewiesen sind oder auch Menschen mit psychischen Belastungen etwa durch Gewalterfahrungen. Hier wurden bestehende Notlagen verschärft, was sich in intensiven Beratungsgesprächen wiederspiegelte.

Beratungsbedarf stieg um bis zu 40 Prozent

In der Zeit der Ausgangsbeschränkungen stieg besonders die Nachfrage nach Angeboten deutlich an, die bereits vor der Corona-Krise weitreichend bekannt waren, zum Beispiel anonyme und kostenfreie Onli-ne-Beratungen (Chats), zentrale Notrufnummern und/oder E-Mail-Kontakte. Hier liegt der Anstieg der Anfragen zwischen 20 und 40 Prozent. Die Nachfrager sind Eltern, Kinder, Jugendliche und das familiäre Umfeld in unterschiedlichen Notlagen wie häusliche Gewalt, sexualisierte Gewalt, psychische Belas-tungssituationen, erhöhtes Streit- und Konfliktpotenzial.

Fazit: Beratung online und mit Präsenz

In Zukunft bedarf es deshalb auch weiter kombinierter Beratungs- und Leistungsangebote – online und mit Präsenz – um die Zugangsbarrieren abzubauen. Dafür müssen die Frauen- und Familienorganisatio-nen im Rahmen ihrer jeweiligen Finanzierungsstrukturen mit öffentlichen Fördermitteln entsprechend gut ausgestattet und geschult werden.  

Neben der grundsätzlichen Finanzierung entstanden den Trägern allerdings weitere Kosten, etwa durch Desinfektionsmittel, Schutzkleidung oder die Beschaffung von Informationstechnologie. Die Übernahme dieser Kosten ist weiterhin unklar.

Behörden zeitnah erreichen können

Die Frauen- und Familienorganisationen wünschen sich für die Zukunft einen besseren und intensiveren Austausch mit der Senatsverwaltung und den Behörden wie Jugendämtern und Familienhilfen, um Be-darfe von Hilfsbedürften adäquat und zeitnah zu entsprechen. Die Erreichbarkeit der öffentlichen Stel-len und Abstimminstanzen hat sich in der Krisenzeit als eine besondere Hürde im Hilfeprozess gezeigt. Auch die bestehenden Standards sollten nach der Corona-Pandemie auf ihre Wirksamkeit und Zweck-mäßigkeit überprüft werden. Hier kam insbesondere aus den Trägern mit Zufluchtswohnungen die Rückmeldung, dass eine Belegung nach sozialverträglichen Kriterien erfolgen sollte, um beispielsweise Konflikte und Belastungssituationen unter den Bewohnerinnen zu vermeiden.

Astrid Lück, Bereich Familie, Frauen und Mädchen und Anna Zagidullin, Hilfen zur Erziehung und Familie/ Frauen, beide beim Paritätischen Berlin

(ne)

Datum, 07 | 08 | 2020