Kinder- und Jugendhilfetag 2014 - Foto: Christiane Weidner Jugendliche bei der Pädalogik gGmbH - Foto: Martin Thoma

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Ungleiche Bildungschancen mindern mit Jugendsozialarbeit an Schulen

Freie Träger der Jugendhilfe sind eine wichtige Säule des Landesprogramms Jugendsozialarbeit an Berliner Schulen

Die Jugendsozialarbeit an Schulen hat in den letzten Jahren im Schul- und Jugendhilfebereich enorm an Bedeutung gewonnen. Ausschlaggebend hierfür sind unter anderem gesellschaftliche Veränderungen, sehr ungleiche Lebensbedingungen und Bildungschancen von Kindern und Jugendlichen in Deutschland, eine wahrgenommene Zunahme von Problemen und Herausforderungen in den Schulen, eine Neubestimmung des Verhältnisses von Jugendhilfe, Schule und Familien. Auch bildungs- und jugendhilfepolitische Reformen spielen eine Rolle, Stichworte sind Ganztagsschule, Inklusion, multiprofessionelle Teams, Bildungslandschaften und Sozialraumorientierung. 

In fast allen Bundesländern bestehen vor diesem Hintergrund inzwischen entsprechende Landesprogramme der Jugendsozialarbeit an Schulen. 

Jugendsozialarbeit systematisch ausgebaut

Das Landesprogramm Jugendsozialarbeit an Berliner Schulen zeichnet sich dabei durch einen sehr systematischen Ausbau in den letzten Jahren, den bewussten Einsatz von freien Trägern der Jugendhilfe, die Absicherung der Kooperation über Kooperationsvereinbarungen, Zielvereinbarungen und Auswertungsgespräche, die Etablierung von Tandem- und Tridemfortbildungen sowie eine hohe Anerkennung in den Schulen aus.

Der bundesweite Ausbau der Jugendsozialarbeit an Schulen wird eng von bundesweiten Debatten zum Bildungsauftrag und zu den tatsächlichen Wirkungen der Jugendhilfe begleitet.

Nicht nur Wissensvermittlung, auch Persönlichkeitsbildung

Spätestens seit der Veröffentlichung des 12. Kinder und Jugendberichtes im Jahr 2005 wird auch über den Bildungsauftrag in der Jugendsozialarbeit an Schulen diskutiert. In dem Bericht wurde darauf aufmerksam gemacht, dass Bildung über die klassische Wissensvermittlung hinausgeht und unter anderem die Vermittlung von Lebenskompetenzen, die Persönlichkeitsbildung und die kritische Aneignung von Welt umfasst. Die Sachverständigenkommission konstatierte zudem eine Entgrenzung von Bildungs-, Betreuung- und Erziehungsaufgaben sowie -orten. Bildung findet demnach nicht nur in Schulen, sondern beispielsweise auch in der Jugendhilfe in nonformalen und informellen Settings statt.

Schule und Jugendhilfe sollen sich ergänzen

In dem Bericht wurde vor diesem Hintergrund eine bessere Kooperation der verschiedenen Akteure zur Kompetenz- und Persönlichkeitsbildung aller Kinder eingefordert. Welche Schlussfolgerungen bietet diese Debatte nun für die Träger der Jugendsozialarbeit an Schulen? Träger sollten das eigene Bildungsverständnis herausarbeiten, die Förderung von nonformalen und informellen Bildungsprozessen der Kinder und Jugendlichen explizit in den Blick nehmen, über eine weitere Öffnung gegenüber Schule nachdenken, sich in Bildungsdebatten und -landschaften vor Ort aktiv einmischen und nicht zuletzt die Interessen von benachteiligten und beeinträchtigten Kindern und Jugendlichen offensiv vertreten. Klar muss dabei sein, dass Schule und Jugendhilfe über unterschiedliche Bildungsverständnisse und -aufträge fungieren und diese Unterschiedlichkeit ein Gewinn für die Förderung von Kindern und Jugendlichen ist.

Jugendsozialarbeit ist wirksam

Wirkungen: Inzwischen liegen bundesweit eine Vielzahl an Studien vor, die anhand weicher und harter Kriterien verdeutlichen, dass die Jugendsozialarbeit an Schulen wirkungsvoll ist. Die aktuelle Evaluation des Landesprogramms Jugendsozialarbeit an Berliner Schulen hat bestätigt, dass Schulleitungen, Lehrkräfte, Schulaufsichten, Jugendämter, die freien Träger der Jugendhilfe sowie die Erzieherinnen und Erzieher vielfältige Wirkungen der Jugendsozialarbeit an Schulen wahrnehmen. 

Die Akteure beobachten Wirkungen mit Blick auf die Kinder und Jugendlichen, die Schulen und Lehrkräfte, die Jugendhilfe, den Sozialraum sowie die Kooperation zwischen den unterschiedlichen Institutionen. So wird beispielsweise berichtet, dass Kinder und Jugendliche in ihrer Lebensbewältigung und sozialen Kompetenzförderung unterstützt, die Elternarbeit intensiviert, Lehrkräfte für sozialpädagogische Sichtweisen geöffnet, das Schulklima verbessert sowie die Kooperation zwischen Schulen, Jugendhilfe und Sozialraum intensiviert werden konnten. 

Über diese subjektiven Einschätzungen hinaus weisen die Befunde der Evaluation aber auch auf statistisch nachweisbare Effekte des Berliner Landesprogramms bei der Reduzierung von Schuldistanz und der Zunahmen von Schulabschlüssen hin. Die Jugendsozialarbeit an Schulen wirkt also und sie wirkt auch auf Bildungsprozesse von Kindern und Jugendlichen. Die Frage ist daher weniger, was Jugendsozialarbeit an Schulen bewirken kann, sondern vielmehr, was sie unter bestimmten Rahmenbedingungen erreichen soll.

Prof. Dr. Karsten Speck, Institut für Pädagogik an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg

 

Praxisbeispiel für Jugendsozialarbeit an Schulen

Keiner wird zurückgelassen – die Reinhold-Burger-Schule wird unterstützt durch Sozialarbeiterinnen von Pfefferwerk Stadtkultur

Die Reinhard-Burger-Schule begrüßt ihre Gäste freundlich. Geht man durch die helle, gläserne Eingangshalle, wird man von orange gestrichenen Türen und bunten Stühlen empfangen. Auf dem Flur zum Schulsekretariat hängt ein Schild an einer Tür: „Jugendsozialarbeit“. Dahinter befindet sich die sogenannte Anlaufstelle: ein Büro mit Schreibtischen, Sitzecke und einem extra Beratungsraum. Hier arbeiten drei Sozialarbeiterinnen der Pfefferwerk Stadtkultur gGmbH, einem freien Träger der Jugendhilfe. Gerade hat die Diplompädagogin Katja Beyer Dienst und kümmert sich um Tamara  und Janine. Nach einem Gespräch mit Beyer haben sich die beiden 15 und 16 Jahre alten Schülerinnen in den Beratungsraum zurückgezogen. Hier sind sie ungestört. Beide brauchen gerade eine Auszeit vom Unterricht. Seitdem sie erfahren haben, dass es einem gemeinsamen Freund gesundheitlich sehr schlecht geht, können sie sich nicht mehr konzentrieren. Katja Beyer hat ihnen zugehört, jetzt schreiben sie einen Brief. 

In der Reinhold-Burger-Schule in Pankow lernen 430 Schülerinnen und Schüler, von der 7. bis zur 10. Klasse. Sie kommen auch aus Elternhäusern, in denen Bildung eine nicht so große Rolle spielt. 40 Prozent der Schülerinnen und Schüler sind von der Lernmittelzuzahlung befreit. Das sind mehr als in anderen Schulen in Pankow. Viele, die hier lernen, haben einen Migrationshintergrund, sind türkischstämmig, kurdisch, kommen aus Syrien oder Afghanistan. 

„Wir haben hier eine große Vielfalt“,  sagt Schulleiter Guido Landreh. Er leitet die integrierte Sekundarschule ohne gymnasiale Oberstufe seit rund acht Jahren. Auch wenn man es dem nicht sehr großen, eher schmalen Mann mit dem offenen und freundlichen Blick nicht ansieht: Guido Landreh ist ein Rebell und ein Kämpfer aus Überzeugung. Als er 2010 die Schule übernahm, war die Reinhold Burger noch eine Hauptschule mit autoritärem Führungsstil. Geguckt wurde vor allem nach den Defiziten der Kinder oder eben nach Fehlern, die es zu korrigieren galt. Der Ruf der Schule war eher mäßig. Dagegen stand Guido Landrehs Vision: eine Schule, in der jeder Mensch mit seinen Werten und seinem Potential anerkannt und gefördert wird. „Wir dürfen niemanden zurücklassen. Es darf in der Schule keine Verlierer geben“, sagt er.

Landreh bildete damals multiprofessionelle Teams, in denen Lehrkräfte und Sozialpädagoginnen begannen, zusammenzuarbeiten. Eine Herausforderung für beide Seiten. Sozialarbeiterin Katja Beyer erinnert sich noch gut daran. „Ungefähr die Hälfte der Lehrerinnen und Lehrer ist damals gegangen, weil sie das Konzept ablehnten.“ Katja Beyer blieb. Man habe angefangen voneinander zu lernen, die Lehrer von den Sozialarbeiterinnen und umgekehrt. Heute sind die multiprofessionellen Teams Normalität. „Die Sozialpädagoginnen gehen oft ganz anders an Probleme ran als die Lehrerinnen und Lehrer. Sie sind viel lösungsorientierter und sie haben vor allem Zeit zum Zuhören“, sagt Landreh. Vorhaben und Konflikte werden heute in regelmäßigen Teamsitzungen besprochen, Angebote gemeinsam entwickelt. Da gibt es zum Beispiel eine Tagesgruppe, in der Schülerinnen und Schüler aufgefangen werden, die es im Klassenverband nicht mehr schaffen zu lernen und eine besonders intensive Unterstützung brauchen. Oder da wäre das Fach Soziales Lernen für Schülerinnen und Schüler der 7. Klasse. Einmal in der Woche üben die Kinder, was es bedeutet, etwas gemeinsam zu tun. Sie bauen Türme oder gehen als Gruppe in eine sogenannte Gummizelle, einen geschützten Raum mit Gummiwand, wo einer den anderen auffängt. 

Das Ziel dieser Aktionen: Gemeinschaft fördern, Rücksichtnahme lernen, Individualität und Vielfalt akzeptieren. Dörte Koch leitet beim freien Träger Pfefferwerk Stadtkultur gGmbH die Abteilung Kooperation Jugendhilfe-Schule und ist damit auch zuständig für die Jugendsozialarbeit an der Reinhold-Burger-Schule. „Wir waren von Anfang an Teil der Entwicklung“ lobt sie. „Klar, gab und gibt es auch Differenzen, aber wir haben gemeinsam mit der Schule eine konstruktive Konfliktkultur entwickelt. Dabei geht es immer darum: Wie können wir unsere gemeinsamen Ideen verwirklichen.“ Schulleiter Guido Landreh schätzt die Zusammenarbeit mit dem freien Träger, den Blick der Sozialarbeiterinnen „von außen“, die nicht bei ihm angestellt sind und selbstbewusst agieren. Finanziert werden die Stellen der Sozialarbeiterinnen aus verschiedenen Töpfen: aus dem Landesprogramm Jugendsozialarbeit an Schulen, dem Programm Ganztag und vom Bezirk Pankow. Jedes Jahr müssen neue Anträge gestellt und bewilligt werden, damit die Arbeit weitergehen kann. Ein unbefristeter Kooperationsvertrag würde den jährlichen bürokratischen Aufwand senken, so ein Wunsch von Dörte Koch. 

Die Reinhold-Burger-Schule hat sich entwickelt. Aus der eher nicht so beliebten Hauptschule ist inzwischen eine „übernachgefragte“ Schule geworden. So heißt das, wenn sich mehr Schülerinnen und Schüler bewerben, als aufgenommen werden können. Dadurch verändert sich die Mischung, die jetzt stärker die soziale Realität abbildet und das findet Guido Landreh gut. Aber es ist nicht so, dass es gar keine Probleme mehr gibt. Auch hier herrscht wie in anderen Schulen Platznot und die neue Turnhalle nebenan wird ewig nicht fertig. „Unser BER“ witzelt der Schulleiter mit einer Portion Galgenhumor. 

Tamara und Janine, die beiden Schülerinnen, kommen aus dem Beratungsraum der Anlaufstelle. Sie haben ihre Gedanken aufgeschrieben und wollen zurück in die Klasse. Sozialarbeiterin Katja Beyer füllt für beide einen Zettel aus. Darauf steht, wie lange sie hier waren, damit die Lehrerin oder der Lehrer Bescheid wissen. 

„Braucht ihr noch was?“ fragt Katja Beyer. Die Beiden schütteln den Kopf. „Nein, wir kommen jetzt klar. Ist ok.“ 

Kathrin Zauter, Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim Paritätischen Berlin

(rs)

Datum, 04 | 03 | 2019