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„Menschen müssen gut leben können und würdig sterben dürfen“

Kategorie: Fünf Fragen, Hospize

Fünf Fragen an Dirk Müller, Leiter des Kompetenzzentrums Palliative Geriatrie im Unionhilfswerk

Dirk Müller; Foto: KPG

Herr Müller, das Kompetenzzentrum Palliative Geriatrie setzt sich dafür ein, bestehende Versorgungsangebote für ältere und sterbende Menschen zu verbessern. Wie sieht das konkret aus?

Wir machen das Thema zum Thema! Konkret: Wir waren wohl das erste so umfangreiche Praxisprojekt, das seit nunmehr zehn Jahren die Palliative Geriatrie und AltersHospizarbeit ins Bewusstsein der Bevölkerung und Fachöffentlichkeit rückte. Bis heute ist das nicht selbstverständlich. Aber unsere nach innen, ins Unionhilfswerk, und nach außen, in die weite Welt, gerichteten Projekte sind innovativ – noch heute. Wir denken dabei nicht spezialisiert, sondern wollen die sogenannte Regelversorgung verändern. Beispiele sind z. B. KPG Bildung, unser Bildungsbereich, der konsequent auf die Bedürfnisse von Hochbetagten und die sie Sorgenden ausgerichtet ist. Auch der Hospizdienst Palliative Geriatrie ist seit 2006 unterwegs – in Heimen, in Wohnungen, Demenz-WGs oder in Krankenhäusern. Unser Netzwerk Palliative Geriatrie mit den Projektwerkstätten ist nicht nur in Berlin aktiv, sondern Muster für Netzwerke anderer Kommunen. Zudem führen wir Forschungsprojekte durch bzw. beteiligen uns an diesen. Nicht vergessen will ich den von der Unionhilfswerk-Stiftung geförderte Palliativgeriatrischen Konsiliardienst für Pflegeheime sowie die haupt- und ehrenamtlich betriebene Patientenverfügungsberatungsstelle. Aber auch bürgernahe Veranstaltungen, wie unser Bürgertag zur AltersHospizarbeit oder der Ball der AltersHospizarbeit und unsere fast legendäre Fachtagung Palliative Geriatrie werden gerne angenommen. Die Palette unserer praktischen Aktivitäten ist wirklich groß. Und so verwundert es nicht, dass das KPG in 2015 auch die Fachgesellschaft Palliative Geriatrie für Deutschland, die Schweiz, Österreich und Luxemburg federführend auf den Weg brachte, inklusive einer neuen Zeitschrift für Palliative Geriatrie.

Nicht zuletzt finden sich unsere Ansätze mittlerweile in verschiedenen kommunalen und bundesweiten Leitlinien und Gesetzesinitiativen wieder, etwa in den Leitlinien zur Seniorenpolitik oder im Hospiz- und Palliativgesetz. Das KPG und dessen fachlicher Ansatz im Sinne von AltersHospizarbeit und Palliativer Geriatrie wurden nicht umsonst im Forum „Hospiz- und Palliativversorgung in Deutschland“ als Projektinstitution vorgestellt, die wegweisend für eine bessere Versorgung schwerstkranker Menschen ist. Das vom Bundesgesundheitsministerium initiierte Forum diskutiert den Ausbau und die Weiterentwicklung der Palliativ- und Hospizversorgung. Ein wichtiges Ergebnis war das Hospiz- und Palliativgesetz. Ein weiteres Beispiel für unsere gesellschaftspolitische Relevanz ist die Handlungsempfehlungen zur Umsetzung der „Charta der Rechte schwerstkranker und sterbender Menschen in Deutschland“, in der sich eins-zu-eins unser Ansatz Entwicklung von Hospizkultur und Palliativkompetenz in stationären Pflegeeinrichtungen wiederfindet. Wir haben uns in die Entwicklung der Handlungsempfehlungen wirklich rege eingebracht. Nun gilt es, die Handlungsempfehlungen flächendeckend umzusetzen!

Was sind die häufigsten Wünsche, die Menschen in der Sterbephase äußern, und wie können Ärztinnen, Pfleger oder Ehrenamtliche diese erfüllen?

„Leben können. Sterben dürfen.“ ist das Motto vom KPG. Und das ist ernst gemeint. Wir müssen dafür sorgen, dass Alte und Hochbetagte – auch die mit einer Demenz – gut und würdevoll leben können. Und sie müssen auch würdig sterben dürfen. Das wünschen sich die Menschen.

Wir wissen, dass beides, das gute Leben und Sterben der alten und hochbetagten Menschen, in Deutschland leider keine flächendeckende Realität ist. Ich höre das und erlebe das immer und überall – ob in den Heimen, WGs, Krankenhäusern oder zu Hause. Ausnahmen bestätigen leider die Regel. Die schlechte Versorgung der Alten ist häufig „Sterbehilfe“, wie wir sie uns alle nicht wüschen.

Was die Menschen angeht, die die Alten und Sterbenden umsorgen: Sie sollen mit Herz und Verstand begleiten, auch mal reflektieren, wie sie es im Sterben gerne hätten. Und sie müssen sich vor den unwürdigen Situationen, in denen sie häufig arbeiten müssen, wehren. In vielen Kursen, Qualifikationen, Reflexionsrunden oder Workshops lerne ich, dass es Menschenverstand braucht, Liebe und eine Portion Mut, sich gegen dieses qualitätsgesicherte, industrialisierte oder spezialisierte Sterben zu wehren.

Wie sieht die Zusammenarbeit mit ehrenamtlichen Hospizmitarbeitern aus? Welche Aufgaben haben diese Menschen und wie werden Sie darauf vorbereitet?

Dasein, sich für alte Menschen, auch für deren Nahestehende, einzusetzen und mitunter Liebe in Lebensendsituationen zu bringen, das ist ureigene Aufgabe der ehrenamtlich tätigen Frauen und Männer. Sie sind Teil einer wichtigen Bürgerbewegung, die sich bestenfalls gegen die „klassische“, häufig leider technokratisch, standardisierte und verbetriebswirtschaftlicht anmutende Versorgung stellt und mehr Mitmenschlichkeit und gesunden Menschenverstand in Sterbebegleitungen trägt. Dafür bereiten wir die Menschen vor. In erster Linie thematisieren wir hier mit ihnen das Alter und Sterben. Und wir schulen unsere Ehrenamtlichen darin, sich auf die hochbetagten Menschen in den unterschiedlichen Versorgungssettings einzulassen. Sie gehen ja nicht an die Orte eines Sterbens erster Klasse – ins Hospiz. Nein, sie gehen dorthin, worum Öffentlichkeit, manchmal auch die Hospizarbeit und Palliative Care einen Bogen macht: In die Heime, Geriatriestationen etc.

Wir wollen Zusammenarbeit zwischen Haupt- und Ehrenamt auf Augenhöhe. Unsere Ehrenamtlichen bieten aber auch über ein gesondertes Projekt seit Jahren Patientenverfügungsberatungen an. Das ist wichtig, denn die Leute sollen sich ja schon frühzeitig mit dem Lebensende beschäftigen. Ich schätze, dass im Kontext der neu einzuführenden „Gesundheitlichen Versorgungsplanung für die letzte Lebensphase“, § 132g im SGB V, auch die Ehrenamtlichen von Bedeutung sind. Denn wir können das Lebensende ja nicht auf medizinische bzw. pflegerische Probleme reduzieren.

Was war die Motivation dafür, zum 60-jährigen Jubiläumsjahr des Unionhilfswerk den inhaltlichen Schwerpunkt auf „Hospiz“ und „Palliative Geriatrie“ zu setzen? Was wollten Sie damit erreichen?

Jubiläen bieten immer eine gute Gelegenheit, neue Impulse zu setzen. Das Unionhilfswerk änderte damals ja u. a. auch seinen Claim und so entwickelten wir damals „Wir gestalten individuelle Lebensqualität“. Wenn man sich das auf der Zunge zergehen lässt, dann erkennt jeder darin zentrale Werte, welche Hospizarbeit, Palliative Care und die Palliative Geriatrie meinen und verkörpern: Individualität, Gestaltung, Lebensqualität, Wir. Nur wir gemeinsam, nie eine Profession oder Person alleine, können sorgebedürftigen Menschen, ob sterbend oder nicht, gut begleiten. Das ist eine Verantwortung aller.

Der palliativgeriatrische Ansatz zieht sich mittlerweile durch alle Körperschaften und den Verein, auch wenn bei uns noch einiges zu tun ist. Zudem organisierte die Unionhilfswerk-Stiftung seinerzeit im Konzerthaus Berlin das erste große Benefizkonzert zugunsten der AltersHospizarbeit. Auch der damals eingeführte Richard-von-Weizsäcker-Journalistenpreis trägt unsere gute Idee hinaus und ermutigt Journalisten, sich mit den Inhalten von Palliativer Geriatrie und AltersHospizarbeit zu beschäftigen. Das Jubiläumsjahr bot zudem einen guten Anlass, unsere Mitglieder- und Mitarbeiterzeitung „Wir für Berlin“ zu kreieren, auch unsere Themen haben hier immer Platz. Die Zeitung wird gerne gelesen, das kann ja nicht jede Betriebszeitung von sich behaupten.

Ich bin dem Unionhilfswerk und der Unionhilfswerk-Stiftung wirklich dankbar. Vieles von dem, was wir getan haben und tun, wäre ohne dieses Engagement nicht möglich.

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Was wünschen Sie sich für den Umgang mit dem Thema Sterben und Tod in der Gesellschaft/ Politik, beispielsweise mit Blick auf die Umsetzung der Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen?

Das, was ich mir schon seit mind. zwanzig Jahren wünsche und wofür ich gerne kämpfe: Gute Sterbebegleitung, Schmerztherapie, Ethik und Menschenwürde, Nahestehendenarbeit und ausreichende Ressourcenausstattung dürfen nicht nur in spezialisierten Diensten, wie in der SAPV oder im stat. Hospiz, möglich sein. Unsere Themen gehören in die Regelversorgung!

Wir setzen uns dafür ein und unterstützen div. Aktivitäten auf kommunaler und bundesweiter Ebene, welche die Handlungsempfehlungen der Charta umzusetzen helfen. Übrigens gehörten wir zu den ersten Berlinern, die die Charta zeichneten. Anlässlich des 3. Bürgertages zur AltersHospizarbeit unterzeichnete der Geschäftsführer der pflegerischen Gesellschaften im UNIONHILFSWERK unlängst noch einmal die Handlungsempfehlungen der Charta. Denn es gilt, den hospizlich-palliativen Ansatz, Palliative Geriatrie, allen alten und hochbetagten Menschen zu erschließen.

Kontakt:

Dirk Müller, MAS (Palliative Care)
Tel: 030 43365833, E-Mail: dirk.mueller(at)unionhilfswerk.de

Mehr unter: www.palliative-geriatrie.de

Foto: KPG

(vb)

Datum, 05 | 10 | 2017