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„Menschen in Verzweiflung ermutigen, offen über lebensmüde Gedanken zu sprechen“

Fünf Fragen an Cornelia Praetorius vom Berliner Krisendienst

Cornelia Praetorius, Leiterin Berliner Krisendienst Region Nord

Cornelia Praetorius, Leiterin Berliner Krisendienst Region Nord; Foto: Karin Riedesser

Suizid ist bis heute ein Tabuthema in der Gesellschaft. Am Welttag der Suizidprävention am 10. September soll jedes Jahr auf die weitgehend verdrängte Problematik der Suizidalität aufmerksam gemacht werden. Cornelia Praetorius ist Diplom-Psychologin und Leiterin des Berliner Krisendienstes der Region Nord. Sie ist zudem Mitglied im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention (DGS). Im Gespräch mit Karin Riedesser berichtet sie, was Hilfesuchende brauchen und welche Angebote der Berliner Krisendienst bereithält.

Frau Praetorius, braucht man eigentlich einen Welttag der Suizidprävention?

Ich finde es wichtig, dass es diesen alljährlichen Gedenktag gibt. Vor allem soll natürlich die gesellschaftliche Aufmerksamkeit auf die Problematik der Suizidalität gelenkt werden. Durch Aufklärung und Information kann es leichter sein, Suizidalität zu erkennen und darauf zu reagieren.
Der 10. September ist aber auch ein Tag der Trauer und des Gedenkens an durch Suizid Verstorbene. Das ist auch nötig, wenn man bedenkt, dass in Deutschland deutlich mehr Menschen durch Suizid als durch Verkehrsunfälle, Mord und Totschlag, illegale Drogen und Aids zusammen sterben. Das sind über 10.000 Personen im Jahr. Etwa 100.000 Menschen üben jährlich in Deutschland Suizidversuche aus. In Berlin wurden zuletzt 470 Fälle für das Jahr 2015 registriert. Das sind 100 Menschen mehr als im Vorjahr, was ich mit Sorge und Erstaunen zur Kenntnis nehme.

Wünschenswert wäre, dass es noch mehr Aufklärung und Öffentlichkeit gäbe, damit dieses Thema eben nicht nur an diesem einen Tag in den Fokus rückt. Und dass Suizidprävention gelingen kann, sieht man daran, dass es seit den 80er-Jahren einen deutlichen Rückgang der Suizide gegeben hat, was neben vielen Faktoren auch auf die verbesserte medizinische und psychosoziale Versorgung zurückzuführen ist. Dazu gehört auch die Schaffung von niedrigschwelligen Angeboten.

Was brauchen Hilfesuchende?

Es ist wichtig, dass sich Betroffene in ihrer Not ernst genommen fühlen. Menschen in Verzweiflung möchte ich ermutigen, offen über lebensmüde Gedanken zu sprechen. Das Sprechen über Suizidalität kann bereits große Entlastung bringen. Daher finde ich das diesjährige Motto des 10. September auch sehr passend: „Nimm dir Zeit, sprich an, hör zu, gib Hoffnung“. Wer sich um jemanden sorgt, sollte das Thema offen ansprechen und auf Hilfsangebote aufmerksam machen. Es ist ein Irrtum zu glauben, dass durch das direkte Ansprechen von Suizidalität erst jemand auf den Gedanken kommt, sich etwas antun zu wollen.

Gesprächsangebote müssen für Betroffene in ihrem Lebensumfeld mit möglichst geringem Aufwand verfügbar sein. Dazu zählen Hilfeangebote, die durch niedrigschwellige Zugänge, wie Telefon, Mail, Chat und durch gute Erreichbarkeit in der Wohnnähe leicht genutzt werden können. Hilfe muss schnell, unbürokratisch und kostenlos verfügbar sein. Auch die Möglichkeit anonym beraten werden zu können, senkt die Hürde, sich Hilfe zu holen.

Häufig treten suizidale Krisen auch im Rahmen von psychischen Erkrankungen auf, wie beispielsweise Depression, Sucht oder Psychose. Dann ist es wichtig, Betroffene über Behandlungsmöglichkeiten aufzuklären, Ängste und Vorbehalte zu nehmen bzw. entsprechend im Hilfesystem zu vermitteln und zu begleiten.

Wie hoch ist die Suizidalität bei den Hilfesuchenden im Berliner Krisendienst insgesamt?

Der Anteil von Gesprächen mit suizidalen Klienten lag im Jahr 2016 zwischen fünf und sechs Prozent, je nach Dienst und Standort. Das können hin und wieder Gedanken daran sein oder aber ganz konkrete Suizidpläne. In 2016 haben allein in den Spätdiensten (täglich 16 bis 24 Uhr an neun Standorten) knapp 2200 Gespräche stattgefunden, in denen Suizidalität beim Betroffenen zum Thema wurde. Vermutlich ist der Anteil tatsächlich höher, da manche ihre Suizidalität (noch) nicht zugeben (können), aber trotzdem durch ein Gespräch Entlastung finden. Hinzu kommen häufig Beratungsgespräche mit Angehörigen und professionellen Helfern, die sich wegen eines suizidalen Menschen sorgen und sich deswegen an den Krisendienst wenden.

Welche Maßnahmen zur Suizidprävention bietet der Berliner Krisendienst?

Die direkteste Form der Suizidprävention ist natürlich die Krisenberatung selbst. Die speziell ausgebildeten und erfahrenen Fachkräfte beraten Betroffene, Angehörige und professionelle Helfer. Die Beratung ist telefonisch oder persönlich ohne Voranmeldung möglich. Im Notfall werden auch mobile Einsätze an den Ort der Krise gefahren.

Der Einschätzung der Suizidalität wird insgesamt eine hohe Priorität eingeräumt, weswegen sich auch
häufig Polizei oder professionelle Helfer an den Krisendienst wenden. Bei akuter Suizidalität ist zunächst zu prüfen, ob der Betroffene zu seinem Schutz und zur Behandlung in die Klinik eingewiesen werden muss. In dem Fall können wir auf unsere in Rufbereitschaft stehenden Fachärzte zurückgreifen. In seltenen Fällen werden Menschen auch gegen ihren Willen untergebracht. Letztlich ist das dann auch eine suizidpräventive Maßnahme, die natürlich nur auf Grundlage des Gesetzes über Hilfen und Schutzmaßnahmen bei psychischen Krankheiten (Psych KG), also mit richterlicher Zustimmung, geschehen darf. In den meisten Fällen gelingt es jedoch, ambulant die Krise durch verlässliche Absprachen und Gespräche zur Unterstützung abzufangen. Dabei versuchen die Mitarbeiter gemeinsam mit dem Hilfesuchenden die Krise zu verstehen, Hoffnung zu vermitteln und Wege aus der Krise zu erarbeiten. Hilfreich kann dabei auch der Einbezug des sozialen Umfelds sein. Das können die Familie, Freunde oder Kollegen sein.

Auch Angehörige, die einen nahestehenden Menschen durch Suizid verloren haben, finden im Krisendienst Unterstützung. Zum einen können sie in ihrer Trauer durch die Gespräche im Krisendienst begleitet werden. Zum anderen sind zuweilen auch die Angehörigen gefährdet suizidal zu werden, was die Gesprächsangebote umso wichtiger macht. Ebenso begleiten wir Menschen nach einem Suizidversuch. Zum einen gehören diese Personen dadurch einer Risikogruppe an und es ist wichtig, präventiv immer wieder abzuschätzen, ob eine Zuspitzung der Krise und damit eine Gefährdung vorliegt. Zum anderen geht es dann darum, den Suizidversuch zu verarbeiten und gemeinsam Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln, wie sich die Person besser schützen kann, beispielsweise indem man Krisen- und Notfallpläne erstellt.

Über die Krisenberatung hinaus beteiligt sich der Berliner Krisendienst an allgemein präventiven Maßnahmen wie Schulungen zu psychischen Erkrankungen und zum Erkennen von Suizidalität, z.B. bei der Polizei, in Jobcentern, Betreuungseinrichtungen, Selbsthilfezentren. Durch aktive Öffentlichkeitsarbeit werden Menschen, die Suizidgedanken haben und verzweifelt sind, auf den Krisendienst in ihrer Nähe aufmerksam gemacht.

Gibt es auch Möglichkeiten der längerfristige Krisenbegleitung?

Neben einmaligen Interventionen bieten wir auch strukturierte längerfristige ambulante Krisenbegleitung in Form von Folgegesprächen mit einem festen Ansprechpartner an. Das wird dann angeboten, wenn das einmalige Gespräch nicht ausreichend ist und auch keine anderen professionellen Hilfen wie beispielsweise eine Psychotherapie schnell verfügbar sind. Häufige Krisenanlässe sind dabei unter anderem: Trennungen, beginnende psychische Störungen, erkrankte Angehörige, familiäre Krisen, biografische Einbrüche, Trauerfälle und wie gesagt eigene Suizidversuche oder Suizidalität bei Angehörigen.

Folgegespräche können gerade für suizidale Klienten eine Möglichkeit sein, über einen längeren Zeitraum Unterstützung zu bekommen. In manchen Fällen werden Klienten im Anschluss an die Folgegespräche an weiterführende Angebote oder Behandlungen vermittelt. Manche brechen natürlich einfach ab, was das sehr niedrigschwellige und anonyme Angebot eben auch möglich macht. In vielen Fällen genügen aber auch die Gespräche, um zumindest die aktuelle Krise gut bewältigen zu können.

Beratung im Berliner Krisendienst – 365 Tage, rund um die Uhr 

Anonym und kostenlos. Persönlich, telefonisch, mobil aufsuchend täglich von 16 bis 00 Uhr in neun Beratungsstellen mit ärztlicher Rufbereitschaft.

Überregionaler Bereitschaftsdienst aller Regionen in der Beratungsstelle in Berlin-Mitte:

Nachts von 00 bis 8 Uhr; an Wochenenden und Feiertagen von 8 bis 16 Uhr

Montags bis freitags von 8 Uhr bis 16 Uhr nur telefonische Information, Situationsklärung und Weitervermittlung

Telefonnummern: 030 - 39063-10, -20, -30, -40, -50, -60, -70, -80, -90

Mehr unter www.berliner-krisendienst.de

(vb)

Datum, 28 | 09 | 2017