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Krim: Lage Substituierter ungewiss

Fünf Fragen an Frieder Alberth, Gründer von Connect plus e.V., einer Mitgliedsorganisation des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Berlin. Der Finanzwirt und Sozialpädagoge leitete 14 Jahre die Aids-Hilfe in Augsburg und gründete 2001 Connect Plus. Der Verein ist vor allem in der Ukraine aktiv. Für seine Arbeit in Osteuropa wurde er unter anderem mit dem „Bambi“ im Bereich Engagement ausgezeichnet.

Was macht Ihre Organisation in Deutschland?

Frieder Alberth: Connect plus arbeitet seit 2001 in Osteuropa in der Ausbildung und Qualifikation sowie in der Vernetzung von Experten und Aktivisten im Bereich Hiv und Aids. Durch die mittlerweile 13jährige Arbeit besteht ein großes Netzwerk zu staatlichen und vor allem nichtstaatlichen Organisationen in der Ukraine. Der Verein wurde aus der Aids-Hilfe-Bewegung heraus gegründet und hat sich zum Ziel gesetzt, Organisationen in Osteuropa zu unterstützen, die mit Menschen, die von HIV und Aids (in der Zwischenzeit auch mit Ko-Infektionen Tuberkulose und Hepatitis) betroffen sind oder betroffen sein könnten zu unterstützen. Ein wichtiger Ansatz ist es, Praktiker aus Deutschland mit Praktikern in der Ukraine zu vernetzen, und so nachhaltig Entwicklungsmöglichkeiten zu verankern. Daher konzentriert sich die Arbeit in Deutschland auf die Identifikation und Betreuung dieser Fachleute. Sitz der Organisation ist Augsburg.

Seit wann engagieren Sie sich in der Ukraine und welche Herausforderungen sind dort zu meistern?

Frieder Alberth: Seit 2001 engagiert sich Connect plus in der Ukraine im Bereich Hiv/Aids. Epidemiologisch betrachtet konzentrieren sich die Hiv-Infektionen auf bestimmte Randgruppen. Drogengebrauchende, Sexarbeiterinnen und Männer, die Sex mit Männern haben, sind am häufigsten von Hiv/Aids betroffen. Dabei spielt nicht nur das fehlende Wissen eine Rolle, sondern vor allem der gesellschaftliche Umgang mit diesen Gruppen, welche stark stigmatisiert und diskriminiert werden. Diese Situation wird verstärkt durch ein postsowjetisches, zentralistisch geprägtes Weltbild, durch staatliche Institutionen, die wenig auf Dialog setzen und eine hohe Personalfluktuation aufweisen, sowie durch eine schwache oder nicht vorhandene Zivilgesellschaft. 

Neben der politischen Entwicklung unter Viktor Janukowitsch in den letzten zwei bis drei Jahren führte auch das Reduzieren von Fördermittel von Seiten internationaler Organisationen und bilateraler Partnern wie Deutschland dazu, dass sowohl die Partner vor Ort, als auch Connect plus schwierige Arbeitsbedingungen vorfanden. Ganze Projekte und vielversprechende Initiativen mussten eingestellt werden, weil sie entweder keine finanziellen Möglichkeiten mehr hatten oder sich politisch in große Gefahr gebracht hätten.

In diesem Zusammenhang bestätigte sich die Entscheidung von Connect plus, verstärkt mit Akteuren der Zivilgesellschaft zusammenzuarbeiten. Während die Arbeitskontakte zu staatlichen Stellen vollkommen ruhten, konnte in den letzten Jahren die Arbeit mit der Zivilgesellschaft im Rahmen der Möglichkeiten fortgesetzt werden.

Wie hat sich im Laufe der Zeit Ihr Engagement in der Ukraine verändert?

Frieder Alberth: Mit Unterstützung von deutschen Stiftungen wie Aktion Mensch oder Robert-Bosch-Stiftung wurden Mitarbeitende aus Zivilgesellschaften, staatlichen Beratungsstellen und Aids-Zentren ausgebildet. Partner dabei waren Kliniken und Hochschulen. Aufgrund der schwierigen Situation in den staatlichen Stellen - zum Beispiel ständiger Wechsel der Ansprechpartner und Korruption - wurden nur noch verlässliche Akteure der Zivilgesellschaft vor Ort als Partner ausgewählt. 

Wie erleben Ihre Mitarbeitenden die politische Situation vor Ort?

Frieder Alberth: Die gegenwärtige Situation in der Ukraine ist sowohl von außen als auch von innen schwer zu durchschauen und zu bewerten. Vor fünf Monaten war es für beinah alle  Ukrainer noch unvorstellbar, dass der damals amtierende Präsident Viktor Janukowitsch vier Monate später nicht mehr im Amt sein wird. 

Es herrscht derzeit eine große Verunsicherung in der ukrainischen Bevölkerung. Viele haben Angst vor bewaffneten Auseinandersetzungen oder Einberufungen bei Mobilmachung. Einige unserer Partner vor Ort beschreiben die aktuelle Lage mit den Worten, „sich im Krieg zu befinden“.

Am Dramatischsten stellt sich die Situation natürlich auf der Krim dar. Beispielsweise  werden die 800 Personen, die sich in Substitutionsprogrammen befanden, diese nicht mehr bekommen. Substitution ist in Russland verboten. Aber auch in anderen Regionen der Ukraine sind unsere Partner vor Ort stark verunsichert. Aufgrund der wirtschaftlichen und finanziellen Krise existieren dramatische Engpässe der Programme und Projekte. Die zukünftige Ausrichtung der staatlichen Hiv/Aids-Strategie ist ungewiss und bisherige Ansprechpartner in den staatlichen Stellen können und werden nach den zu erwartenden Veränderungen vermutlich nicht mehr so zur Verfügung stehen. 

Parallel dazu beobachten wir jedoch auch eine nicht unbedeutende oder zu vernachlässigende Hoffnung bei unseren Partnern vor Ort, dass sich gesellschaftlich Rahmenbedingungen verändern und sich die Situation deutlich verbessert. Insbesondere richtet sich diese Hoffnung auf eine grundlegende Reform des Gesundheitswesens. Dabei geht es um einen realen Anspruch auf Behandlung und eine freie Wahlmöglichkeit bei medizinischen Angeboten für jeden ukrainischen Bürger. Darüber hinaus sollten staatliche (Gesundheits-)Ausgaben besser kontrolliert, zivilgesellschaftliche Akteure stärker unterstützt und eine Kooperation zwischen staatlichen und nicht-staatlichen Stellen auf Augenhöhe gewährleistet werden.

Unter welchen Bedingungen werden Sie Ihre Arbeit einstellen und wie soll es weitergehen?

Frieder Alberth: Unser  Ziel liegt in der Ausbildung  von Fachleuten und Akteuren der Zivilgesellschaft. Gerade in der momentanen kritischen Situation brauchen die Partner vor Ort Unterstützung und die entsprechenden Rahmenbedingungen, um an einer deutlichen Verbesserung des Gesundheitswesens sowie am Aufbau von demokratischen Strukturen mitarbeiten zu können. Dies bedeutet Vereinbarungen mit Partnern eingehen zu können und finanzielle Unterstützung zu erhalten.  Der Umbruch in der ukrainischen Gesellschaft birgt große Chancen die Gesellschaft demokratischer zu gestalten und durchgreifende Reformen auf den Weg zu bringen.

Auf der Krim, die jetzt Teil der Russischen Föderation ist, wird dies nicht mehr möglich sein. In Russland fehlen Gesetze, die Substitution ermöglichen. Im Rahmen der gegenwärtigen Gesetzgebung stellt die Substitution illegalen Drogenhandel dar. Die Arbeit von ausländischen Nichtregierungsorganisationen (NGO) wird als Agententätigkeit eingestuft, direkte finanzielle Unterstützungen sind nicht möglich. Erschwerend kommt hinzu, dass für Russland ein Visum beantragt werden muss. Es ist davon auszugehen, dass Mitarbeitende von westlichen NGOs keine Einreise auf die Krim bekommen.

Connect plus versteht sich in der Hauptsache als kontinuierlicher und verlässlicher Partner von zivilgesellschaftlichen Akteuren in der Ukraine. Daher stellt sich die Frage nach dem Einstellen der Arbeit so nicht. Jedoch können politische Entwicklungen die operative Arbeit begünstigen oder behindern.

Vielen Dank.

Die Fragen stellte Miguel-Pascal Schaar. Mehr zur Organisation:

www.connect-plus.org

Datum, 24 | 03 | 2014