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"Kinder brauchen schnelle und unbürokratische Hilfe"

Kategorie: Miguel-Pascal Schaar, Eltern, Kinder & Jugendliche, Fachöffentlichkeit & Politik, Kinderschutz, Qualifizierung & Fachlichkeit Miguel-Pascal Schaar

Fünf Fragen an Benita Eisenhardt von MenschenKind

Foto: Menschenkind

Benita Eisenhardt ist Diplom-Rehabilitationspädagogin, studierte an der Humboldt-Universität zu Berlin und arbeitet seit Anfang 2013 bei MenschenKind – Fachstelle für die Versorgung chronisch kranker und pflegebedürftiger Kindern unter Trägerschaft des Humanistischen Verband Berlin-Brandenburg. 

Frau Eisenhardt, was ist »MenschenKind«? In welchem Feld sind Sie tätig?

Benita Eisenhardt: MenschenKind ist eine Berliner Fachstelle, die sich für eine verbesserte Versorgung von chronisch kranken und pflegebedürftigen Kindern und Jugendlichen einsetzt. Familien mit schwer kranken Kindern stehen einem zergliederten Hilfesystem gegenüber, das stark zwischen medizinischen, therapeutischen, pflegerischen, pädagogischen und psychosozialen Hilfeleistungen unterscheidet. Schwer chronisch kranke Kindern haben aber oftmals in allen diesen Bereichen einen Hilfebedarf und die Familien benötigen viel Kraft und Zeit, um die passenden Hilfen für ihre persönliche Situation zu finden. MenschenKind knüpft Versorgungsnetzwerke und wirkt so der Zergliederung des Hilfesystems entgegen, bündelt Informationen und stellt diese allen an der Versorgung Beteiligten zur Verfügung. Zeigen sich dabei strukturelle Versorgungsengpässe, greifen wir sie auf und melden sie an die jeweiligen Akteure im Hilfesystem und an politische Entscheidungsträger zurück.

Vor dem Hintergrund der zahlreichen internationalen Krisenherde nimmt auch die Zahl von Flüchtlingskindern mit Behinderung in Berlin stark zu. Welche Überschneidungen hat ihre Stelle zu dieser Thematik?

Benita Eisenhardt: Unsere Stelle kam im Februar 2013 das erste Mal mit dieser Thematik in Berührung, als wir von einem Kinder- und Jugendgesundheitsdienst um Unterstützung bei einer Fallbegleitung gebeten wurden. Es ging um den damals 12-jährigen Hisham, der seit einer Virusinfektion in seinem zweiten Lebensjahr schwerstbehindert ist. Die Infektion konnte damals aufgrund von Bombenangriffen auf die Heimatstadt der Familie nicht rechtzeitig behandelt werden. Bis heute ist sein Gesundheitszustand kritisch. Hisham hat eine spastische Tetraparese, Epilepsie, und benötigt rund um die Uhr umfassende Pflege und Unterstützung. Geflohen vor der Gewalt, der auch der Vater des Jungen zum Opfer fiel, hoffte die Mutter in Deutschland auf medizinische Hilfe für Hisham. Im Rahmen der Fallbegleitung mussten wir feststellen, dass die Versorgung des Jungen mit den notwendigen Hilfen jedoch nicht so ohne weiteres möglich ist, weil im Rahmen des Asylbewerberleistungsgesetzes nur eine medizinische Notfallversorgung vorgesehen ist. Anträge für pflegerische Unterstützung und Pflegehilfsmittel zogen sich über Monate in die Länge, wurden abgelehnt, gingen in ein Widerspruchsverfahren, wurden erneut abgelehnt und so weiter. Letztendlich ist Hisham bis heute, zwei Jahre nach seiner Ankunft in Berlin, noch immer nicht ausreichend versorgt. So fehlt beispielsweise ein speziell angepasster Rollstuhl, obwohl niemand bezweifelt, dass er ihn braucht.

Wie begegnet Ihre Einrichtung dieser Herausforderung?

Benita Eisenhardt: Während der Fallbegleitung von Hisham hörten wir von vielen anderen Hilfeanlaufstellen mit ähnlichen Schwierigkeiten bei der Versorgung von Flüchtlingskindern mit Behinderung. Daher griffen wir das Thema in einem Fachaustausch mit Mitarbeitern aus Kinder- und Jugendgesundheitsdiensten, Jugendämtern, Sozialpädiatrischen Zentren und Beratungsstellen im Dezember 2013 auf. Dabei zeigte sich, dass Hisham kein Einzelfall ist. Allein durch die Teilnehmer des Fachaustausches wurden 42 ähnliche Fälle beschrieben. Fast alle Familien warteten monatelang auf Hilfeleistungen, oder die Hilfen wurden ganz abgelehnt. Wegen der Überlastung aufgrund des starken Anstiegs der Flüchtlingszahlen waren die Sachbearbeiter der Leistungsstelle kaum zu erreichen. Auch wurde beklagt, dass bei vielen Kindern eine nachhaltige Hilfeplanung aufgrund des unsicheren Aufenthaltes nicht möglich sei. Die Hilfeanlaufstellen äußerten den Wunsch nach einer speziellen Anlaufstelle für diese Familien, da für die sehr zeitaufwendige Fallbegleitung sowohl das nötige Fachwissen im Bereich des Asylrechtes als auch die Ressourcen fehlen würden. Sinnvoll sei für diese Familien ein professionelles Fallmanagement. MenschenKind suchte mit den Ergebnissen des Fachaustausches das Gespräch mit dem Landesamt für Gesundheit und Soziales und mit Berliner Abgeordneten und brachte das Thema in verschiedene Netzwerktreffen ein. Im November 2014 griffen wir als Einrichtung des Humanistischen Verbands Berlin-Brandburg gemeinsam mit der Lebenshilfe Berlin und dem Berlin Global Village e. V. das Thema erneut im Rahmen eines Fachsymposiums auf. In den verschiedenen Expertenbeiträgen wurde die strukturelle Problematik der Unterversorgung dieser Kinder deutlich, da Flüchtlingskinder über das Asylbewerberleistungsgesetz nur einen begrenzten Zugang zum hiesigen Hilfesystem haben. Wie die Experten im Fachsymposium herausarbeiteten, besteht jedoch auch für Flüchtlingskinder mit Behinderung über die EU-Verfahrensrichtlinie für Asylsuchende, die UN-Behindertenrechtskonvention und nicht zuletzt über die UN-Kinderrechtskonvention ein Versorgungsanspruch, der auch über das Asylbewerberleistungsgesetz (§ 6 AsylblG) gedeckt werden könnte. Eine Benachteiligung der Flüchtlingskinder gegenüber Kindern mit deutscher Staatszugehörigkeit dürfte demnach nicht passieren. MenschenKind wird das Thema an politische Entscheidungsträger herantragen und sich weiter für eine bessere Versorgung von Flüchtlingskindern mit Behinderung einsetzen.

Woher kommen die von Ihnen beschriebenen Flüchtlingskinder und welche Bedürfnisse haben sie aufgrund ihrer Behinderung?

Benita Eisenhardt: In den meisten uns bekannten Fällen fliehen die Familien aus Krisenregionen, um ihre Kinder vor Gewalt, Verfolgung und Hunger zu schützen. Sie kommen aus Ländern wie Syrien, Afghanistan, Iran und Tschetschenien und haben oft traumatisierende Erfahrungen hinter sich. Die Kinder brauchen schnelle und unbürokratische Hilfe, um mit den Erfahrungen und der neuen Situation fertig zu werden. Sie wachsen und entwickeln sich, und deswegen ist Zeit ein gänzlich anderer Faktor als bei erwachsenen Menschen. Wenn ein Kind bis zu zwei Jahre nicht in die Schule kann, weil der Rollstuhl nicht bewilligt wurde, hat diese fehlende Versorgung Auswirkungen auf die Entwicklung des Kindes, unter Umständen beeinflusst dies das gesamte weitere Leben negativ. Wie andere Kinder auch, haben Flüchtlingskinder mit Behinderung Bedürfnisse nach Sicherheit und Gemeinschaft und nach Möglichkeiten der Entwicklung. Darüber hinaus haben Kinder mit Behinderung je nach Ursache und Ausprägung behindertenspezifische Bedürfnisse. In der UN-Kinderrechtskonvention ist die Sicherung dieser Bedürfnisse festgeschrieben, und Deutschland hat sich verpflichtet, die Rechte der Kinder unabhängig ihrer Herkunft und Nationalität anzuerkennen. Diese Rechte umfassen unter anderem den Schutz im Krieg und auf der Flucht, die Gleichbehandlung aller Kinder, das Recht auf Gesundheit und deren Sicherung, das Recht auf Bildung und auch das Recht auf besondere Fürsorge und Förderung bei Behinderung (unicef.de).

Woran fehlt es in der Betreuung von Flüchtlingskindern mit Behinderung? Was muss im Versorgungsnetz verbessert werden?

Benita Eisenhardt: Aus meiner Sicht sind diese Kinder so schnell wie möglich in das reguläre Hilfesystem zu integrieren. Bis dies möglich ist, könnte eine Ausführungsvorschrift für den Paragraphen 6 des Asylbewerberleistungsgesetzes die Berücksichtigung der UN-Kinderrechte sowie der UN-Behindertenrechtskonvention sicherstellen. Dies lässt sich auf Landesebene umsetzen. Zudem braucht es beschleunigte Leistungsverfahren bei den zuständigen Stellen. Zur Vereinfachung der angemessenen medizinischen Versorgung von Geflüchteten wäre eine Gesundheitschipkarte nach dem Bremer Modell sicher auch eine hilfreiche Maßnahme. Aus bezirklicher Sicht führt die Unterversorgung durch die Bewilligungslage zu einer Überforderung der Kinder- und Jugendgesundheitsdienste, der Sozialpädiatrischen Zentren und anderer Anlaufstellen, da die Versorgung dieser Kinder nur mit sehr zeitaufwändiger Hilfe von Fachkräften der sozialen Arbeit geleistet werden kann. Diese Dienste müssten entweder mehr Ressourcen für die Fallbearbeitung zur Verfügung gestellt bekommen, oder besser noch durch eine extra Anlaufstelle für das Fallmanagement dieser Kinder ergänzt werden. Daneben sind Schul- und Kitabesuch auch für Flüchtlingskinder mit Behinderung zu sichern, und den pädagogischen Einrichtungen sollten ebenfalls zusätzliche Ressourcen für die Betreuung von hochtraumatisierten Flüchtlingskindern zur Verfügung gestellt werden. Die Unterbringung erfolgt auch für die Familien mit beeinträchtigten Kindern über die Berliner Unterbringungsleitstelle des Senats. Diese steuert bisher jedoch nicht ausreichend die Unterbringung in barrierefreie Wohnheime bei entsprechendem Bedarf, zumal es kaum solchen Wohnraum für Asylsuchende in Berlin gibt. Eine schnellstmögliche Unterbringung dieser Kinder und ihrer Familien auf dem freien Wohnungsmarkt ist sinnvoll, damit das Hilfenetzwerk um das Kind herum nicht wieder zerbricht, sobald die Familie die Unterkunft wechseln muss (vom Erstaufnahmewohnheim in ein Folgewohnheim und weiter in eine eigene Wohnung). Legt man die Sicherung der Kinderrechte bei allen, die Kinder betreffenden Angelegenheiten zugrunde, ist eine bessere Versorgung dieser Kinder möglich.

 

Weitere Informationen unter menschenkind-berlin.de.

 

Miguel-Pascal Schaar ist Leiter der Verbandskommunikation beim Paritätischen Berlin.

Der Beitrag ist zuerst im Rundbrief Januar/ Februar 2015 des Paritätischen Berlin erschienen.

Datum, 12 | 02 | 2015