Außenansicht Landesgeschaeftsstelle des PARITAETISCHEN Berlin - Foto: Petra Engel Paritaetischer Berliner Bär für besondere Ehrungen - Foto: Frederic Brueckel Foyer der Landesgeschaeftsstelle - Foto: Petra Engel

„Wir bieten Yogakurse, Supervision und Weiterbildungen“

Ein Interview mit Stephan Lehmann, Pflegedienstleitung von Felix Pflegeteam gGmbH, über Mitarbeitergewinnung in der Pflege

Stephan Lehmann, Foto: Felix Pflegeteam

Die ambulante Pflege ist eine wichtige Säule im Pflegebereich. Aber auch hier können viele offene Stellen nicht besetzt werden. Was bedeutet dieser Mangel ganz konkret für seine Einrichtung, die Mitarbeiter und die pflegebedürftigen Menschen? Der Pflegedienstleiter über die Auswirkungen, seine Verbesserungsideen – und darüber, wie sein Haus um neue Mitarbeiter wirbt.

Wie hoch ist der Fachkräftemangel in Ihrer Einrichtung?

In Bezug auf die Pflegefachkräfte hält sich der Mangel glücklicherweise noch in Grenzen. Das liegt daran, dass wir nur so viele Pflegebedürftige annehmen, wie wir auch versorgen können. Einen stärkeren Mangel haben wir an Pflegekräften, da wir unsere bewährten Pflegekräfte sehr gerne berufsbegleitend zu examinierten Altenpflegerinnen und Altenpflegern ausbilden und sie anschließend ihren Tätigkeitsbereich wechseln. 

 

Wie macht sich der Mangel bemerkbar – bei den Pflegebedürftigen und in Ihrem Haus?

Bedauerlicherweise mussten wir die Versorgung langjähriger Klienten aus Kapazitätsgründen kündigen, uns aus verschiedenen Stadtteilen komplett zurückziehen und unsere Versorgung standortnah konzentrieren. Die in der Versorgung befindlichen Klienten bekommen vom Arbeits- und Fachkräftemangel glücklicherweise nichts mit, da wir auf die Beschäftigung von Leasingkräften verzichten. Aktuell führt der Fachkräftemangel dazu, dass wir etwa zwei Drittel der Anfragen für behandlungspflegerische Tätigkeiten ablehnen müssen. Auf Stellenanzeigen erfolgt so gut wie keine Resonanz. Das größere Problem im Moment ist für uns die Akquirierung von Pflegekräften. Hier mussten wir unsere Ansprüche an persönliche Eignung, Vorqualifikation und Sprachkenntnisse gravierend absenken und versuchen seither diese neuen Kolleginnen und Kollegen mit intensiver Einarbeitung und Qualifizierung bei laufendem Arbeitsvertrag fit für die Pflege zu machen.

Unter diesen Umständen: Was können Sie für das Wohlergehen Ihrer Mitarbeiter tun? Wie motivieren Sie sie?

Grundsätzlich versucht unser Team Patientenzahlen und Mitarbeiterressourcen in Balance zu halten, so dass es nicht zu Überlastungen der Mitarbeitenden kommt. Zudem fahren wir ein betriebliches Gesundheitsmanagement. Da bieten wir Yogakurse am Arbeitsplatz, einen Obsttag pro Woche, monatliche Team-Supervisionen, flexible Arbeitszeitmodelle, Empowerment, Sonderregelungen für Eltern und Alleinerziehende und vieles mehr.

Mit welchen Strategien gewinnen und halten Sie dennoch Fachkräfte?

Die größten Erfolge haben wir durch persönlichen Kontakt zu Auszubildenden der Krankenpflegeschulen, die bei uns ihre mehrwöchigen Praktika absolvieren. Diese kurze Zeit nutzen wir um uns als angenehmer, fairer, die Eigenverantwortung stärkender Arbeitgeber zu präsentieren. Die Auszubildenden bekommen für die Zeit des Praktikums eine feste Ansprechpartnerin oder einen festen Ansprechpartner zugeordnet. Es hat sich gezeigt, dass positive Rückmeldungen kamen und sie diese Erfahrungen in ihren Schulen weiter verbreitet haben. So kam es auch schon zu Bewerbungen und Einstellungen von Absolventinnen und Absolventen, die Felix Pflegeteam selbst gar nicht kannten, sondern nur positive Erfahrungsberichte ihrer Kommilitoninnen und Kommilitonen hörten.Um Kolleginnen und Kollegen langjährig an den Betrieb zu binden, bieten wir ihnen, je nach persönlicher Präferenz, eine Weiterqualifizierung für unsere Spezialgebiete an. Das sind die spezialisierte ambulante Palliativversorgung (SAPV) und die ambulante psychiatrische Pflege (APP).  Zudem bieten wir Qualifizierungs- und Aufstiegsmöglichkeiten für die mittlere Leitungsebene. Die Pflegekräfte erhalten die Möglichkeit der gerontopsychiatrischen Zusatzausbildung. Alle Mitarbeitenden können pro Jahr ein festes Budget für Fort- und Weiterbildungen plus Freistellung nutzen.

Welche Forderungen haben Sie an die Politik, um dem Fachkräftemangel zu begegnen? 

Um die Arbeitsbedingungen weiter zu verbessern, benötigen wir nicht nur höhere Vergütungen mit Weitergabeklauseln an die Mitarbeiter, sondern Spielraum, um der Arbeitsverdichtung entgegenzuwirken. Der Zeitdruck stellt eine erhebliche Belastung dar. Weiterhin muss nicht nur die Pflegedokumentation entbürokratisiert, sondern auch die Pflegefinanzierung grundlegend reformiert werden. Unsere Mitarbeitenden leiden unter der Vielzahl vertraglicher Vorgaben mit den Kostenträgern. Bemühungen das Tätigkeitsfeld Pflege attraktiv zu machen, dürfen nicht nachlassen. Dazu gehört für mich auch das Verbot von Zeitarbeit in der Pflege, weil hier Beitragsgelder an profitorientierte, nicht dem Wirtschaftlichkeitsgebot unterliegende Firmen weitergereicht werden.

Der Beitrag ist erschienen im Paritätischen Rundbrief 2/2018

(aw)

Datum, 29 | 06 | 2018