Außenansicht Landesgeschaeftsstelle des PARITAETISCHEN Berlin - Foto: Petra Engel Paritaetischer Berliner Bär für besondere Ehrungen - Foto: Frederic Brueckel Foyer der Landesgeschaeftsstelle - Foto: Petra Engel

„Unser Handeln ist greifbarer geworden“

Wirkungsorientierung in der Jugendhilfe

In der Wohngruppe "Rückenwind" Foto: Jugendhilfe Lichtenberg gGmbH

Marcus Neuenfeldt-Kock arbeitet bei der JuLi gGmbH als Leiter der Wohngruppe Rückenwind. Im Rahmen des Projekts Wirkungsorientierung des Paritätischen Wohlfahrtsverbands mit Phineo hat er an einer Fortbildungsreihe teilgenommen. Dabei wurde am Beispiel der 5-Tage-Gruppe die Wirkung der Angebote für Kinder und Eltern in den Blick genommen – mit interessanten Ergebnissen für das ganze Team. Die Fragen stellte Nina Peretz.

Durch das Projekt ist das Bewusstsein für die tatsächliche Wirkung Ihrer Arbeit gewachsen. Was ist Ihnen aufgefallen?

Marcus Neuenfeldt-Kock: Wir haben uns in der Zeit der Fortbildung bewusster mit den inhaltlichen Zielen auseinandergesetzt. Denn wir haben gemerkt, dass die Ziele, die in den Dokumenten zur Hilfeplanung festgeschrieben sind, häufig so wenig konkret sind, dass weder die Familien noch die Mitarbeitenden der Wohngruppe sie ausreichend auf die Praxis anwenden konnten. Durch die Reflexion ist es uns gelungen, diese Ziele zu schärfen und sie praxisnäher zu formulieren. Entscheidend war auch die Auseinandersetzung mit den Indikatoren, welche Aufschluss darüber geben, woran eigentlich deutlich wird, dass ein Ziel erreicht wurde. Außerdem haben wir durch die Stakeholder-Analyse gemerkt, dass wir teilweise nicht alle Beteiligten im Hilfeverlauf ausreichend berücksichtigt hatten.

Wie sah die Zielschärfung im konkreten Fall aus?

Marcus Neuenfeldt-Kock: In der Hilfeplanung ist beispielsweise festgeschrieben, dass sich das Verhalten des Kindes in der Schule verbessern soll. So formuliert, ist ein Erfolg, ein Erreichen des Ziels, nur sehr schwer festzustellen. Was genau soll sich denn verbessern? Wir haben uns daran gemacht, das Ziel durch konkrete Fragen herunterzubrechen und in kleinere Einzelziele aufzuteilen. Geht es denn generell um das Verhalten des Kindes oder um sein Verhalten an einem bestimmten Tag bei einem bestimmten Lehrer?

Bei unserem Fall ging es um einen elfjährigen Jungen, der sich konkret bei einem bestimmten Lehrer nicht gut verhalten hat. Nachdem wir das ermittelt hatten, konnten wir uns gemeinsam mit den Eltern wöchentlich mit diesem Lehrer zusammensetzen und in Anlehnung an einen sogenannten Verstärkerplan konkrete Maßnahmen erarbeiten, deren Erfolg wir auch messen konnten. Das Vorhaben lautete dann beispielsweise: Wir haben Erfolg, wenn es uns gelingt, das Kind zum Mitmachen an dieser Unterrichtsstunde zu motivieren. Und auch für den Jungen gab es dann ein Erfolgserlebnis, wenn das Ziel so klar formuliert war und er einen Smiley-Stempel in seinem Heft hatte.

Haben Sie gegenüber den Eltern oder dem Team das Thema Wirkung thematisiert, oder welche Form der Kommunikation haben sie gewählt?

Marcus Neuenfeldt-Kock: Die Wirkung der Arbeit war regelmäßig Thema im Austausch mit den Kollegen. Wir haben gemerkt, dass man diese Herangehensweise auf weitere Bereiche der eigenen Arbeit übertragen kann. So haben wir uns bspw. unsere Teamsitzungen angeschaut und analysiert, zu welchem Zweck, tauschen wir welche Informationen aus und welcher zeitliche Rahmen ist hierfür notwendig bzw. angemessen.

Wir haben auch gemerkt, wie viel Zeit und Aufwand es kostet, die Wirkungsorientierung immer und überall mitzudenken. Während die Fortbildung parallel lief, ist uns das leichter gefallen als jetzt im laufenden Betrieb. Es stellte sich die Frage, inwiefern ein Instrument entwickelt werden kann, das wir auf unsere Arbeit anwenden können, was allerdings nur ansatzweise gelungen ist. Stattdessen ist der Blick auf die Wirkung ein Aspekt geworden, der uns bei der Arbeit immer im Hinterkopf bleibt und den wir anzuwenden versuchen.

Haben Sie ein Beispiel aus Ihrer Arbeit mit den Eltern?

Marcus Neuenfeldt-Kock: Wenn wir die Eltern zu einem gemeinsamen Kochabend in der Wohngruppe einladen, überlegen wir vorher: Was wollen wir mit diesem Vorhaben erreichen? Was muss erfüllt sein, damit die Veranstaltung ein Erfolg war. Im konkreten Fall ist das Ziel, dass möglichst viele Eltern sich an einem Ort begegnen und Zeit miteinander verbringen. Das ist die Grundlage dafür, dass sich die Eltern kennenlernen und eine Art Elterngruppe bilden.

Das Ergebnis war: Das Prinzip des Kochabends hat sehr gut funktioniert. Es kamen viel mehr Eltern als zu einem regulären Elternabend, und es wurde Kontakte geknüpft, die von Dauer waren. Inzwischen ist eine Gruppe entstanden, in der sich die Eltern gegenseitig unterstützen – und damit ist unser Wunsch der Aktivierung der Eltern umgesetzt worden.

Wie hat sich also Ihre Arbeit durch die Wirkungsorientierung verändert?

Marcus Neuenfeldt-Kock: Ich würde sagen, dass wir eine Haltung entwickelt haben, mit der wir unsere Arbeit bewusster auf unsere Ziele und die Einbeziehung aller Beteiligten hin überprüfen. Und wir schauen immer, ob die Ziele auch klar genug formuliert sind. Durch die Wirkungsorientierung ist unser Handeln einfach greifbarer geworden.

Mehr unter: www.juli-berlin.org

(vb)

Datum, 06 | 10 | 2017