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Sterbebegleitung muss in die Verträge in der ambulanten Pflege

Gekürzter Artikel aus der Rechtsdepesche 7/8, 2019 von Dr. Christiane Panka und Michael Nehls.

Dr. Christiane Panka, Foto: privat

Sterbebegleitung ist mit keinem Wort im Leistungskomplexsystem erwähnt. Auch im Rahmenvertrag für die ambulante Pflege ist sie eher nebenbei thematisiert. Gestorben wurde doch schon immer sagen die Kostenträger, was soll sich da verändert haben? Dieser Frage sind wir nachgegangen. Gefordert wird sie unter anderem im Hospiz- und Palliativgesetz und in der „Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen“ sowie in deren Handlungsempfehlungen. 

Längst hat die Pflegefachlichkeit in wissenschaftlich begründeten Zusammenhängen ihre Handlungskompetenzen formuliert, so dass sie schon vor der Reformierung des  Pflegeberufereformgesetzes als „ausschließlich von Fachkräften wahrzunehmende Tätigkeiten“ in ordnungsrechtliche Regelungen auf Landesebene ihren Platz gefunden haben.  Auf pflegefachlicher Ebene hat sich mit dem Palliative Care Kurs für Pflegende nach dem Curriculum eine auf die Sterbesituation spezialisierte pflegerische Fachkompetenz etabliert, die in Ihrer Kernkompetenz die Lebensqualität und Leidenslinderung am Lebensende fokussiert. Die Umsetzung dieser palliativpflegerischen Fachkompetenz hinsichtlich einer in der Pflegeversicherung ergänzend aufgenommenen Sterbebegleitung als Leistungsbestandteil, kann daraus folgend nur im Rahmen des Pflegeprozesses als individuelle Pflegeplanung mit der Erhebung des individuellen Pflegebedarfes, den erreichbaren Pflegezielen, der die Planung, Durchführung und Evaluation der Leistung betrifft, verortet sein. Diese Aufgaben sind im Rahmenausbildungsplan, der kürzlich auf Bundesebene veröffentlicht wurde, als Vorbehaltsaufgaben der Pflege formuliert.

Folgende Falldarstellung soll die Tragweite der stärkeren Verantwortung der Pflege aufzeigen: Ein betagter Patient leidet im Rahmen einer schweren chronischen Lungenerkrankung unter schwere Luftnot. Seine Mobilität ist zusätzlich durch eine fortgeschrittene Arthrose stark eingeschränkt. Der Patient äußert sich der Pflegekraft gegenüber, dass er nicht mehr essen und trinken möchte. Essen und Trinken ist jedoch für den Menschen eine wesentliche, lebenserhaltende Maßnahme. Die Fähigkeit Essen und Trinken zu können, ist darüber hinaus kein medizinischer Betrachtungsgegenstand, sofern dabei keine Störungen auftreten und alles regelrecht abläuft.

Was passiert nun in dem Fall, wenn ein Mensch, dessen Willensbildung nicht eingeschränkt ist, keine Nahrungsmittel mehr zu sich nehmen möchte? Es ist zu klären, was die Hinter- und Beweggründe für die Entscheidung des Patienten sind und ob evtl. medizinisch relevante Aspekte bei der weiteren Beratung und ggf. die Optionen medizinisch therapeutischer Interventionen mit zu erwägen sind.
Im Pflegeberufegesetz schreibt der Gesetzgeber die Bewertung dieser Fragen ausschließlich der fachlichen Expertise der Pflege zu. Unabdingbar ist eine interprofessionelle Zusammenarbeit mit den ärztlichen Berufen. Der Arzt darf aufgrund des im Gesetz festgelegten Aufgabenvorbehaltes (§ 4 Abs. 2 PflBG) auch in dem Bereich “Essen und Trinken“, sofern dieser im Zusammenhang mit dem Pflegebedarf steht, keine Erhebungen und Festlegungen durchführen. Erst, wenn Fragen zu klären sind, ob ein medizinischer Eingriff, wie z.B. die Anlage einer Sonde, ist der Arzt wieder zu involvieren.
Die Pflegenden haben nun die Aufgabe, die Hintergründe zu erfahren, die zu dem Entschluss geführt haben, das Essen und Trinken einzustellen. Es ist zu prüfen, ob die Verweigerung der Aufnahme von Nahrungsmitteln zum Beispiel aufgrund sozialer Isolation getroffen wurde und somit mit pflegefachlichen Hilfen und Maßnahmen revidiert werden kann. Außerdem muss geklärt werden, ob die Entscheidung des Patienten aufgrund mangelhafter Informationen erfolgt ist.Hierbei kommt es darauf an, dass der Patient über die möglichen Folgen, informiert ist. Die Flüssigkeits- und Nahrungsaufnahme am Lebensende verdeutlicht diese Problemlage in besonderer Weise. Am Lebensende entstehen ethische Konflikte nicht nur schneller, sie verstärken sich tendenziell, wenn weitere Akteure wie etwa Angehörige hinzutreten.

Bei einer lebensbedrohlichen Erkrankung sind Indikationen zu Pflegemaßnahmen aus Sicht der Palliativversorgung anders zu stellen als Indikationen zu Pflegemaßnahmen in sonstigen Fällen der Pflegebedürftigkeit. Information, Beratung und Anleitung stehen dabei an erster Stelle. Zudem ergeben sich bei den pflegerischen Diagnosequalifikationen in der Sterbebegleitung durchaus Überschneidungen mit der ärztlichen Diagnosekompetenz. Hieraus resultiert ein Koordinationsauftrag, soweit ärztliches Handeln auf pflegerisches Handeln abzustimmen ist.

Sterbebegleitung in der Pflegeversicherung ist damit mehr, als schon immer gemacht. Der Gesetzgeber hat die Sterbebegleitung nicht allein als Konkretisierung in die Pflegeversicherung geschrieben. Es herrscht durch ihn die Verpflichtung, sie in die Rahmenverträge und Vergütungssystematiken in der ambulanten Pflege mitaufzunehmen. Die Sterbebegleitung soll die bisherige pflegerische Versorgung ergänzen.

Dr. Christiane Panka und Michael Nehls

Dr. Christiane Panka ist Referentin der Ambulanten Pflege imParitätischen Wohlfahrtsverband Berlin. Michael Nehls war zur Zeit der Erscheinung der Rechtsdepesche Referent bei der Diakonie und jetzt Geschäftsführer der Diakoniestation Schöneberg.

(rs)

Datum, 30 | 09 | 2019