Außenansicht Landesgeschaeftsstelle des PARITAETISCHEN Berlin - Foto: Petra Engel Paritaetischer Berliner Bär für besondere Ehrungen - Foto: Frederic Brueckel Foyer der Landesgeschaeftsstelle - Foto: Petra Engel

Potenziale in der Krise – unsere Mitgliederversammlung 2020

Kann es eine Mitgliederversammlung geben, bei der sich die Mitglieder nicht versammeln? Der Paritätische Wohlfahrtsverband Berlin hat es am 18. November 2020 gezeigt.

Viel Technik: Mitgliederversammlung mit Livestream. Foto: Martin Thoma

Der Ort, das bcc Berlin Congress Center am Alexanderplatz, war groß genug erschienen für ein Treffen der Mitglieder mit Hygienekonzept und unter Wahrung der Sicherheitsabstände. Doch nach der Verschärfung des Infektionsgeschehens ging das nicht mehr. Also waren nur Vorstand, Geschäftsführung, Beirat, Wirtschaftsprüfer, Gebärdendolmetscherinnen, Produktionsteam und technische Helferinnen und Helfer anwesend, die für eine reibungslose Übertragung des Ereignisses als Stream auf Youtube sorgten. Über 150 Mitglieder verfolgten es dort live.

In zwei Videobotschaften grüßten der Vorsitzende des Gesamtverbandes, Prof. Dr. Rolf Rosenbrock, und Andreas Kaczynski, Vorstandsvorsitzender des Paritätischen Landesverbands Brandenburg. Sie gratulierten dem Berliner Verband zum 70. Jubiläum, dessen geplante Feier in der Berliner Philharmonie im Mai ebenfalls nicht stattfinden konnte, und beschrieben die Unverzichtbarkeit der freien Wohlfahrtspflege gerade in der Pandemie. Außerdem stellten sich die Kandidatinnen und Kandidaten für den Wahlausschuss in kleinen Filmen vor. Was bisher vor Ort entschieden wurde, wird dieses Mal per Briefwahl entschieden. Die offizielle Zustimmung der Mitglieder über die Besetzung des Wahlausschusses und die Entlastung des Vorstands stehen deshalb noch aus.

„Corona bringt die Eigenschaften hervor, die ein Mensch hat, die er aber nicht zeigen muss, wenn er nicht in der Krise ist“, wandte sich Prof. Barbara John, die Vorstandsvorsitzende des Paritätischen Berlin, an die Mitglieder. Beim Paritätischen habe die Krise vorhandene Potenziale geweckt: dass man sich gut kennt und einander hilft, um wiederum anderen Menschen zu helfen.

Der Paritätische Berlin ist weiter gewachsen auf 803 Mitgliedsorganisationen, die ihrerseits wachsen und für steigende Einnahmen durch Mitgliedsbeiträge sorgen. Der Verband finanziert sich hauptsächlich über diese Beiträge. Die Geschäftsführerin, Dr. Gabriele Schlimper, betonte, dass dieser Umstand seine wirtschaftliche Unabhängigkeit gegenüber der Politik garantiere und ihn gleichzeitig als Dienstleister für seine Mitglieder verpflichte.

Was #berlinbessermachen, so der neue Hashtag des Paritätischen Berlin, konkret bedeutet, führte sie in einer Zusammenfassung beispielhafter Projekte aus verschiedenen Arbeitsbereichen aus: vom Berliner Behindertenparlament bis hin zur gemeinnützigen Wohnungsbaugenossenschaft, die von 15 Mitgliedsorganisationen und dem Landesverband gegründet wurde.

Gabriele Schlimper beschrieb den »Drahtseilakt« im Umgang mit dem Coronavirus: Kitas im Notbetrieb und geschlossene Schulen. »Bitte bleiben Sie zu Hause« als Motto – aber was aber sollen beispielsweise obdachlose Menschen tun? Und viele andere Fragen: Was plant der Bund? Was das Land? Was bedeutet die Schließung von Werkstätten, die zentrale Orte des sozialen Kontakts für die Menschen sind, die dort arbeiten? Wo kriege ich Schutzausrüstung her? Wer darf in Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen noch rein?

„Sie, die Leistungserbringer, waren in allen sozialen Feldern mit einer Situation konfrontiert, die von heute auf morgen Veränderungen erzwang. Dies haben Sie hervorragend gemacht“, stellte Gabriele Schlimper fest. Dass die Leistungen, die weiter erbracht werden – wenn auch anders als ursprünglich vereinbart –, auch weiter finanziert werden, konnte der Paritätische durchsetzen und in die Covid-Verordnung einbringen.

Als „absolut inakzeptabel gerade in dieser Zeit“ bezeichnete es Gabriele Schlimper, dass Berlin die Hauptstadtzulage nur für seine eigenen Bediensteten zahlt. In einer großen Protestaktion hat der Paritätische bereits 65.000 Beschwerdepostkarten an Abgeordnete der Regierungsfraktionen übergeben. „Aber das wird es noch nicht gewesen sein!“, so Gabriele Schlimper.

Was lasse sich aus der Pandemie lernen? Erstens funktioniere die soziale Arbeit auch in der Krise – aber anders. Zweitens zeigten sich bestehende Strukturprobleme nun in einem hellen Licht. Positiv sei Corona als Türöffner für die Digitalisierung. Auch dass die Paritätische Mitgliederversammlung in dieser Form möglich ist, hätte sie nie gedacht.

In deren weiteren Verlauf stellte Ingo Fehlberg, Wirtschaftsprüfer der Mazars GmbH & Co. KG, die geprüfte Jahresrechnung 2019 vor und erteilte ihr einen uneingeschränkten Bestätigungsvermerk. Von der Arbeit des Beirats berichtete dessen Vorsitzende Ria Schneider. Dr. Gabriele Schlimper beschrieb den Wirtschaftsplan für 2021: 153.000 Euro Bilanzgewinn sind geplant. Im aktuellen Wirtschaftsjahr sieht die Situation so gut aus, dass der Vorstand erneut beschließen konnte, den Mitgliedsorganisationen 600.000 Euro für allgemeine Investitionen und zusätzlich 200.000 Euro für die Digitalisierung zur Verfügung zu stellen.

Zum Schluss dankte Prof. Barbara John allen, die vor Ort und per Livestream bei dieser ungewöhnlichen Premiere anwesend waren, und fügte hinzu: „Ich wünsche mir in dieser Form aber keine weitere Aufführung.“ Und so lässt sich hoffen, dass sich bei der Mitgliederversammlung 2021 wieder hunderte Menschen am gleichen Ort versammeln können.

Martin Thoma

Fotos von der Mitgliederversammlung gibt es hier.

(Pe)
 

Datum, 23 | 11 | 2020