Außenansicht Landesgeschaeftsstelle des PARITAETISCHEN Berlin - Foto: Petra Engel Paritaetischer Berliner Bär für besondere Ehrungen - Foto: Frederic Brueckel Foyer der Landesgeschaeftsstelle - Foto: Petra Engel

„Ich möchte unbedingt als Erzieherin arbeiten!“

Ein Projekt des Vereins GIZ hilft Migrantinnen und Migranten, diesen Wunsch zu realisieren

Teilnehmende am Projekt von GIZ

Shalia Mustafa ist aufgeregt, als sie vor die gut 30 Leute tritt. Die 49-jährige gebürtige Irakerin erzählt, wie gut es ihr tat, dass sie die Erzieherin Petra Hanne immer fragen konnte, wenn sie etwas nicht verstanden hatte. Beide haben in den vergangenen Monaten in der Evangelischen Kita am Humboldthain zusammengearbeitet. Shalia Mustafa als Praktikantin, Petra Hanne hat sie angeleitet, an zwei Tagen die Woche. Heute gibt es das Praktikumszeugnis und eine lange Umarmung. Man spürt, beide waren ein gutes Tandem. Sie wollen in Kontakt bleiben, auch wenn das Praktikum nun vorbei ist.

Deutsch lernen im Kurs und in der Kita

In dem kleinen schlichten Lerncafé in Spandau sitzen noch weitere neun Tandems im Publikum. Alle absolvieren gerade den Kurs „Deutsch für pädagogische Berufe“ bei der Gesellschaft für interkulturelles Zusammenleben e.V. (GIZ). In dem Kurs verbessern sie nicht nur ihr Deutsch, sie lernen Fachbegriffe und bekommen erste Grundkenntnisse für die pädagogische Arbeit vermittelt. Ganz wichtig ist der enge Bezug zur Praxis. Drei Tage in der Woche lernen sie bei GIZ in Spandau, an zwei Tagen arbeiten die Teilnehmerinnen in einer Kita und sammeln dort Erfahrungen. Fast acht Monate liegen schon hinter ihnen. Heute erhalten alle ihre Praktikumsbeurteilung. Ende Juni ist der Kurs vorbei. Bis dahin wollen alle noch die B2-Sprachprüfung in Deutsch bestehen. Damit können sie eine Ausbildung zur Erzieherin beginnen. 

In Zeiten von Fachkräftemangel neue Chancen nutzen 

Die insgesamt zehn Kursteilnehmerinnen kommen unter anderem aus Syrien, dem Irak, Bulgarien oder dem Libanon. Einige sind als Geflüchtete in den vergangenen Monaten hierhergekommen, andere leben schon länger in Berlin, wie Shalia Mustafa, die seit 22 Jahren hier wohnt. Sie und ihr Mann mussten den Irak aus politischen Gründen verlassen. In ihrer Heimatstadt Sulaimaniya hatte Shalia acht Jahre als Grundschullehrerin gearbeitet, in Berlin wurde ihre Ausbildung nur als Realschulabschluss anerkannt. Eine Weiterbildung oder Ausbildung zur Erzieherin lehnte das Arbeitsamt immer wieder ab, weil es damals genug Erzieherinnen gab. Shalia arbeitete unter anderem als Taxifahrerin und zog ihre vier Kinder groß. Nun scheint der Fachkräftemangel ihr eine neue Chance zu geben. Jetzt fördert das Jobcenter die Qualifikation „Ich will unbedingt als Erzieherin arbeiten. Ich will die Ausbildung schaffen und endlich vom Jobcenter wegkommen“, sagt Shalia entschlossen. 

Zehn Kitas und ein Schulhort beteiligen sich am Projekt

Dane Krause von GIZ e.V. betreut das Projekt von Anfang an. 2016 ging es los, der erste Kurs war ein reiner Sprachkurs. Aber bald  habe man gemerkt, wie wichtig, der frühe  Einstieg in die Praxis ist, sagt sie. „Die Teilnehmerinnen bekommen hier nicht nur wichtige pädagogische Konzepte und Begriffe vermittelt, sie lernen auch, was es bedeutet, in einer Kita zu arbeiten, was von ihnen erwartet wird. Und sie erfahren auch, wie es ist, Familie und Beruf zu vereinbaren. Das ist für die meisten schon eine große Herausforderung.“ Alle Teilnehmerinnen seien motiviert und bemüht, so Dane Krause weiter. Aber viele Frauen brauchten Unterstützung, um die neuen Aufgaben zu bewältigen. Da sei es wichtig, dass es im Kurs und in der Kita feste Ansprechpartnerinnen gibt. Zehn Kitas und ein Schulhort beteiligen sich an dem Projekt, stellen Erzieherinnen und Erzieher für die Anleitung der Kursteilnehmerinnen frei. In der gegenwärtigen schwierigen Fachkräftesituation keine einfache Entscheidung, aber alle loben die tollen Erfahrungen mit den Teilnehmerinnen und GIZ e.V. Der Verein betreut die Kitas während der Praxisphase, organisiert zum Beispiel Treffen der Tandems und bildet diese fort. 

Blick auf andere Kulturen bereichert

Petra Hanne aus der Evangelischen Kita am Humboldthain betont, wie auch sie von dem Projekt und der Zusammenarbeit mit Shalia Mustafa profitiert und sie der Blick in eine andere Kultur bereichert hat. „Wir brauchen viel mehr solche Erzieherinnen und Erzieher.“ Und Barbara Müter-Zwisele, Geschäftsführerin bei der Kita Havel-Kids gGmbH ergänzt: „Sie sind auch eine Brücke zu den Eltern, die aus einem anderen Land, einer anderen Kultur hierhergekommen sind. Das hilft uns, diese Eltern besser zu verstehen.“   

Nach dem Deutschkurs startet die Erzieherausbildung

Insgesamt 17 Teilnehmerinnen  haben an den bereits abgeschlossenen Kursen teilgenommen. Acht haben eine Erzieherausbildung begonnen, eine arbeitet als Kitahelferin und eine hat ein Lehramtsstudium angeschlossen. Nun werden weitere zehn Teilnehmerinnen im Juni einen Kurs beenden. So wie Shalia Mustafa hat auch Jasmin Said fest vor, nach dem Kurs die Erzieherausbildung zu beginnen. Die 35-Jährige berichtet lächelnd, dass sie in ihrer Praktikums-Kita mit den Kindern schon eine Mahlzeit am Nachmittag vorbereiten und durchführen durfte. Auch Jasmin Said hatte in ihrem Heimatland, dem Libanon, bereits als Lehrerin gearbeitet. Auch sie lebt schon länger in Berlin. Das Jüngste ihrer drei Kinder geht jetzt in die Kita und nun will sie wieder arbeiten. Der Kurs helfe ihr nicht nur, Deutsch und insbesondere die Fachbegriffe besser zu lernen, sie verstehe nun auch, wie verschieden die Erziehungskonzepte in den Kitas sind. Das hilft ihr, sich zu orientieren. Jasmin Said will die nun kommende zweijährige Ausbildung zur Erzieherin unbedingt schaffen. Auch wenn es nicht einfach werden wird, Ausbildung und Familie unter einen Hut zu bekommen. 

Vielfalt der Stadt auch in Kitas widerspiegeln

Der Paritätische Wohlfahrtsverband Berlin hat das Projekt von Anfang an gefördert. Kita-Referent Torsten Wischnewski-Ruschin begründet, warum. „Wir können es uns bei dem derzeitigen Fachkräftemangel einfach nicht leisten, Menschen, die den Beruf ergreifen wollen, nicht zu unterstützen. Außerdem sind die Teilnehmerinnen auch Vorbilder für andere Frauen. Sie leisten einen Beitrag dazu, die Vielfalt der Stadt auch in der Kita widerzuspiegeln.“ 

Kurs stärkt das Selbstbewusstsein 

Nach den Dankesworten an ihre Betreuerin Petra Hanne sagt Shalia Mustafa noch: „Ich habe von dir auch gelernt, Nein zu sagen. Das ist für mich sehr wichtig.“ Andere Kursteilnehmerinnen nicken. Der Kurs und das Arbeiten in den Kitas haben auch das Selbstbewusstsein der Frauen gestärkt. 

Der nächste Kurs ist geplant – die Finanzierung aber noch offen

Am Ende der fröhlich-feierlichen Übergabe der Praxiszeugnisse gibt Projektkoordinatorin Dane Krause einen Ausblick. Der nächste Kurs soll Ende Sommer starten. Nicht nur Frauen, auch Männer sind dazu herzlich willkommen. Aber ob er wirklich beginnt, ist noch nicht ganz sicher. Denn für die Praxisanleitung gibt es noch keine Finanzierung. Die zuständige Bildungsverwaltung fördert ihr eigenes Ausbildungsprojekt „Ressourcen Geflüchteter nutzen – Erzieher/in werden“ und zeigt bisher wenig Interesse, auch das GIZ-Projekt zu unterstützen. Alle Anfragen blieben bislang unbeantwortet. Aber Dane Krause gibt sich kämpferisch. Wenn es in Berlin keine Mittel gibt, will sie sich an den Europäischen Sozialfonds (ESF) wenden und dort Geld beantragen. Denn schließlich brauchen wir doch jede Erzieherin und jeden Erzieher. 

Mehr unter: giz.berlin

Text: Kathrin Zauter

(za)

Datum, 12 | 06 | 2018