Außenansicht Landesgeschaeftsstelle des PARITAETISCHEN Berlin - Foto: Petra Engel Paritaetischer Berliner Bär für besondere Ehrungen - Foto: Frederic Brueckel Foyer der Landesgeschaeftsstelle - Foto: Petra Engel

Der Paritätische Berlin fördert ein Forschungsprojekt der Charité – Universitätsmedizin Berlin

Das Projekt beschäftigt sich mit der Gesundheit wohnungsloser Menschen

Foto: Symbolbild/ Unsplash; Fotograf: Mihaly Koles

In Deutschland mangelt es an systematischen wissenschaftlichen Arbeiten zur Gesundheit wohnungsloser Menschen in Deutschland. Dabei wären valide Daten für den Aufbau einer bedarfsgerechteren Versorgung dringend notwendig. Aktuellen Schätzungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe zufolge waren 2018 in Deutschland bis zu 678.000 Menschen ohne Wohnung, davon lebten ungefähr 41.000 Menschen auf der Straße.

Wohnungslose und obdachlose Menschen sind eine höchst vulnerable Bevölkerungsgruppe, deren prekäre Lebensbedingungen eine hohe Prävalenz schlechterer körperlicher und psychischer Gesundheit mit sich bringt. Der Zusammenhang von Wohnungslosigkeit und Gesundheit wird in einigen Studien deutlich. Allerdings sind diese Studienergebnisse aufgrund von geringen Fallzahlen, regionalen und einrichtungsbezogenen Selektionseffekten, Unterrepräsentation von Frauen, Minderjährigen und jüngeren Erwachsenen sowie Menschen mit Migrationshintergrund nur begrenzt allgemein aussagekräftig.

Das Forschungsprojekt „GIG – Gesundheit Wohnungsloser in Berlin. Eine retrospektive Bestandsaufnahme im Gesundheitszentrum für Obdachlose (GZO) der Jenny De la Torre-Stiftung im Zeitraum 2008 bis 2020 am Institut für Medizinische Soziologie und Rehabilitationswissenschaft der Charité – Universitätsmedizin Berlin“ versucht, eben diese Forschungslücke zu schließen. Im Rahmen des Projektes, welches vom Paritätischen Berlin für drei Jahre gefördert wird, erfolgt basierend auf ungefähr 3500 Patientenakten aus dem GZO eine retrospektive Erfassung sozial-anamnestischer und medizinischer Daten von wohnungs- und obdachlosen Patientinnen und Patienten. Das GZO befindet sich in Berlin Mitte und umfasst eine Arztpraxis mit Fachärztinnen und -ärzten aus verschiedenen Bereichen, eine Zahnarztpraxis und eine Augenarztpraxis. Neben der niederschwelligen medizinischen Versorgung im GZO ist auch die (über-)lebensnotwendige Basisversorgung, wie Essen, Trinken, Ausruhen, Gelegenheit zur Körperhygiene, Kleiderkammer und ein Friseurbesuch möglich. Eine psychologische, soziale und rechtliche Beratung zur Einbindung in die Hilfestrukturen der Wohnungsnotfallhilfe runden das interdisziplinäre Angebot ab.

In den Akten werden neben sozio-demografischen Merkmalen auch Auslöser für die Wohnungslosigkeit, der aktuelle Versicherungsstatus, Art der Unterkunft, Haft- und Migrationserfahrungen, Einkommensquellen, soziale Netzwerke, Häufigkeiten akuter und chronischer somatischer und psychischer Erkrankungen, Medikation sowie die Inanspruchnahme weiterer Versorgungsstrukturen und Hilfesysteme dokumentiert.

Im Rahmen des GIG-Projektes werden Patientendaten anonym in einer gesicherten Online-Datenbank dokumentiert. Seit Juni 2020 übertragen zwei Studentinnen die Daten aus den Akten in die Datenmaske. Dies geschieht vor Ort im GZO.

Ziel des Projektes ist es ein besseres Verständnis für die gesundheitliche und soziale Situation von wohnungs- und obdachlosen Menschen in Berlin zu bekommen. Eine Stärke des Projekts liegt darin, dass Daten von einer schwer erreichbaren und hoch vulnerablen Bevölkerungsgruppe ausgewertet werden, die in der Realversorgung von Ärzten und medizinischem Personal erhoben wurden. Dies ermöglicht eine valide Datengrundlage auf deren Basis Versorgungsbedarfe von wohnungs- und obdachlosen Menschen in Berlin abgeleitet werden können. Die Ergebnisse sind ressortübergreifend für Akteurinnen und Akteure aus den Bereichen Gesundheit, sozialer Arbeit und Politik von großer Relevanz und werden sozial- und gesundheitspolitische Impulse liefern.

Autorinnen:
Sonia Lech, Charité-Universitätsmedizin Berlin, Institut für Medizinische Soziologie und Rehabilitationswissenschaft; Daniela Radlbeck, Referat Wohnungsnotfallhilfe und Wohnungspolitik beim Paritätischen Berlin

Wissenswertes:
Mehr über die Jenny De la Torre Stiftung und das Projekt GIG erfahren Sie auf der Internetseite:
www.delatorre-stiftung.de

(ik)

Datum, 08 | 10 | 2021