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"Wir wollen diejenigen treffen, die noch nie was von Selbsthilfe gehört haben"

Fünf Fragen an Karin Stötzner, Berliner Selbsthilfe Kontakt- und Informationsstelle (SEKIS)

Foto: Amin Akhtar

Am 9. Juli findet das diesjährige Selbsthilfefestival auf dem Tempelhofer Feld statt, die jährliche große, gemeinsame Veranstaltung der Berliner Selbsthilfeverbände. Rund 100 Initiativen werden dort ihre Arbeit vorstellen, begleitet von Kultur- und Kunstaktionen. Wir haben mit der Leiterin der Berliner Selbsthilfe Kontakt- und Informationsstelle (SEKIS), Karin Stötzner, über das Festival gesprochen.

Karin Stötzner leitet SEKIS seit 1985. Die Soziologin stammt aus Frankfurt am Main, engagierte sich dort in der Studentenbewegung. Später arbeitete sie als Fachreferentin für Familienpolitik beim Gesamtverband des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, bis sie die Leitung von SEKIS in Berlin übernahm. Seit 2004 ist Karin Stötzner außerdem Patientenbeauftragte des Berliner Senats. Ende des Jahres geht Karin Stötzner in den Ruhestand. Die Fragen stellte Kathrin Zauter.

Frau Stötzner, diesmal findet das Selbsthilfefestival auf dem Tempelhofer Feld statt. Haben Sie Respekt vor dem großen Areal?

Karin Stötzner: Wir gehen bewusst dahin, weil wir diejenigen treffen wollen, die noch nie was von Selbsthilfe gehört haben. Wir wollen die Menschen in einer Situation ansprechen, in der sie Zeit haben und sich auch neugierig etwa Neues anschauen. Und wenn es wahr ist, dass am Wochenende 30.000 Leute auf dem Feld sind, dann ist das genau der richtige Ort. Das Problem ist, dass diese Größe für Menschen mit Behinderungen nicht ganz einfach zu bewältigen ist. Aber wir versuchen alles, um den Transport für sie zu erleichtern. Wir haben z.B. Rikschas für die weiten Wege organisiert. Auch Dolmetscher werden da sein, für Interessierte, die kein Deutsch sprechen.

Was erhoffen sie sich von diesem neuen Standort für das Selbsthilfefestival?

Karin Stötzner: Der Platz liegt am Rand von Bezirken Berlins, in denen sehr unterschiedliche Menschen wohnen. Menschen mit Migrationshintergrund auf der einen Seite, auf der anderen die hippen Jugendlichen aus Kreuzberg und dem neuen Neukölln, oder Familien in Tempelhof. Wir hoffen, alle anzusprechen, das ist die Idee.

Wird Selbsthilfe jetzt inzwischen anders wahrgenommen als noch vor 30 Jahren? Z.B. bei den Krankenkassen, den Ärzten.

Karin Stötzner: Ja, das hat sich völlig verändert. Als wir anfingen, war es tatsächlich noch so, dass es bei Fachleuten, z.B. Ärzten oder Therapeuten, große Vorbehalte gab. Da war die Befürchtung, dass Laien zusammenkommen, die am Symptom „herumdoktern“ und keine Kompetenz und das falsche Wissen haben. Heute ist jeder Arzt froh, denn vieles, das in Gruppen besprochen wird, kann die medizinische Versorgung so gar nicht leisten. Auch die Krankenkassen sehen die Selbsthilfe inzwischen als Partner. Im Jahr 2000 ist die gesetzliche Selbsthilfeförderung durch die Kassen eingeführt worden. Das ist der Erfolg der überzeugenden Selbsthilfe.

Was wünschen sie denn der Selbsthilfe für die Zukunft?

Karin Stötzner: Wichtig ist, dass die Selbsthilfegruppen weiterhin gemeinsame Anliegen finden und die dann auch geeint nach außen vertreten. Wichtig wäre auch, mehr junge Leute für die Form dieses Miteinanders zu gewinnen. Und schließlich wäre es gut, wenn es der Selbsthilfe gelänge, die Idee von Autonomie und Selbstbestimmung, die für die Selbsthilfe chronisch Kranker ganz selbstverständlich ist, auch für die Pflege lebendig zu machen. Viele Menschen wollen auch im Alter in ihrer Lebenswelt bleiben. Dafür brauchen wir mehr wohnortnahe, von Nachbarn getragene Unterstützungsnetze. Die Idee „wir organisieren uns hier gemeinsam“ kann auch das hohe Alter begleiten. Das ist eine große Herausforderung.

Sie hören Ende des Jahres auf. Gibt es rückblickend etwas, von dem Sie sagen: „Das war mein größter Erfolg“?

Karin Stötzner: Ich denke schon, dass ich stolz drauf sein kann, dass SEKIS diesen Platz in Berlin hat und das Zentrum für Selbsthilfe ist für die Betroffenen, die sich organisieren. Aber das Wichtigste ist, dass wir es geschafft haben, die Patientenbeteiligung als gesetzlich verankertes Recht von Betroffenen ins Gesetzgebungsverfahren zu bringen, und wir heute in allen wichtigen Gremien mitreden dürfen, z.B. im Gemeinsamen Bundesausschuss. Dadurch fließen die Erfahrungen der Betroffenen direkt in die Beratungen in den Gremien, in die Politik ein. Und dann ist da der fast unsichtbare Erfolg: Wir haben eine riesige Datenbank über die Selbsthilfe aufgebaut, in der man schnell jede Gruppe in Berlin finden kann. Da steckt sehr viel Arbeit drin und sie ist eine große Hilfe für die Betroffenen. Wenn auch weiterhin der schnelle Zugang zu Selbsthilfe gelingt, bin ich zufrieden.

selbsthilfe-festival-berlin.de

Datum, 06 | 07 | 2016