Kiezreporter der Schulstation von Aufwind e.V. - Foto: Stefanie Lehmann Unionhilfswerk - Kindergartengruppe - Foto: Christiane Weidner Eine Breakdanceshow - Foto: Eberhard Auriga Kletterwald - Foto: Nachbarschaftsheim Schöne

Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an Oswald Menninger

Laudatio von Herrn Mario Czaja, Senator für Gesundheit und Soziales

Mario Czaja auf dem Paritätischen Jahresempfang

Mario Czaja auf dem Paritätischen Jahresempfang. Foto: W. Glucroft

Oswald Menninger wuchs mit zwei Brüdern auf dem Bauernhof seiner Eltern in der fränkischen Rhön auf. Das Leben in der Rhön war von schwerer, harter Arbeit in rauem Klima, erdverbunden und sehr christlich geprägt. Nach der Volkshochschule begann Oswald Menninger eine Lehre als Koch im südlichen Bayern – in Garmisch-Partenkirchen weit weg von zu Hause, allein auf sich gestellt.

Nach der Lehre ermöglichte der Besuch der Hotelfachschule die Erlangung eines Schulabschlusses, der den Schritt ins Studium der Betriebs- und Volkswirtschaftslehre ermöglichte.
Das Volkswirtschaftsstudium war damals ein rein sozialwissenschaftliches Studium, gerade an der FU Berlin. Halb marxistische, halb bürgerliche Philosophie. Das Denken wurde geschult. Und Oswald Menninger dachte gerne.

Der Weg bis zur Übernahme der Geschäftsführung des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Berlin prägte also schon früh sein späteres Wirken und trug zu seiner sozialgestalterischen Vorstellung bei, die auf Denkansätzen beruhten, die Oswald Menninger begeisterten.

Er arbeitete in zahlreichen Projekten, lebte in München und baute sogar ein ehemaliges Brauhaus in seiner Heimat aus. Weggefährten schildern ihn als unermüdlich, ausdauernd, begeistert und strebend, dabei mit einem feinen Humor und großem Sinn für kulinarische Genüsse ausgestattet. Kochen ist unter anderem für ihn eine große Leidenschaft geblieben, die ihm, wie so vieles, leicht von der Hand geht.
Was Oswald Menninger nicht kann, ist rumsitzen und warten. Er ist ein Macher. Macht er einen Schritt, führt ihn dieser zwangsläufig zum nächsten.

Dass Oswald Menninger von 1996 bis 2015 dann fast 20 Jahre den Paritätischen Wohlfahrtsverband Berlin geführt hat, hätte er selbst nicht gedacht. Mit der Abgabe der Geschäftsführung des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Berlin e.V. seit 1. Januar 2016 engagiert sich Herr Menninger in der Stiftung Parität. Doch das Erlernte gepaart mit seinen Wesenszügen und dem Verständnis für soziale Zusammenhänge haben spannende und erfolgreiche Gestaltungsprozesse ermöglicht.

Denn soziales Handeln und wirtschaftliches Denken schließen sich bei ihm nicht aus, oder stehen gar im Gegensatz, ganz im Gegenteil. Seine Auffassung ist: Die Wohlfahrtspflege muss sich nicht rentieren, wohl aber finanzierbar sein. Mit seinem Sinn für das Machbare, als Impulsgeber und dem Gespür für das Notwendige hatte das Land Berlin in ihm immer einen fairen und kompetenten Verhandlungspartner.
Dabei legte Oswald Menninger großen Wert auf politische Unabhängigkeit und scheute keine Kritik. Ihm geht es immer um die Sache und er will, dass es gut läuft.

Zu seinen Verdiensten gehört u.a., die Stiftung Parität aufgebaut und sicher gestaltet zu haben und auch mit der Abgabe der Geschäftsführung des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Berlin e.V. seit 1. Januar 2016 weiterhin zu begleiten.

Davon profitieren neue Projekte und junge Initiativen. So können neue Ideen ausprobiert werden. Die Stiftung ermöglicht sozusagen eine Frischzellenkur für den Paritätischen Wohlfahrtsverband Berlin und damit für die gesamte Soziallandschaft der Stadt. Dabei hat Oswald Menninger ein feines Gespür für neue Ansätze und ist voller Vertrauen in die Kraft des zivilgesellschaftlichen Engagements. Diese Aufgeschlossenheit und die Unterstützung haben viele Initiativen beflügelt und motiviert.

„Die Zahlen oder das Ökonomische alleine machen keinen Sinn, wenn man sie nicht bezieht auf die Ziele, die man verfolgt“, so Herr Menninger. Hier schöpfte er aus der Erkenntnis seiner vielen Betätigungsfelder und Arbeitsbezüge. Der Zweck des Unternehmens wurde von ihm in den Vordergrund gestellt, nicht allein die betriebswirtschaftlichen Ansätze.

Unter seiner Leitung sind die Häuser der Parität entstanden und haben sich zu einer Erfolgsgeschichte entwickelt. Inzwischen gibt es vier in Berlin. Ein fünftes wird gerade gebaut. Damit werden langfristig Mietflächen zu günstigen Preisen für soziale Projekte gesichert.

Oswald Menninger hat Maßstäbe gesetzt. So hat er z.B. die Qualitätsentwicklung in die Arbeit der Wohlfahrtsverbände eingeführt, gegen große Widerstände. Wettbewerb und soziales Engagement schließen sich für ihn nicht aus.
Oswald Menninger scheut sich nicht, den Empfänger von Sozialleistungen auch Kunde oder Klient zu nennen und ihn mit seinen Bedürfnissen auch so zu behandeln. Dabei geht es ihm vor allem darum, die Eigenverantwortung aller beteiligten Personen langfristig zu stärken. Sein Ziel: Hilfe zur Selbsthilfe, damit Menschen nicht dauerhaft von staatlichen Transferleistungen abhängig sind.

Auch wenn Oswald Menninger gut mit Zahlen umgehen kann, er ist kein Bürokrat oder „Kontrolletti“. Ganz im Gegenteil. Legendär ist sein Satz „Ich will von vielem nichts wissen – wenn ich nichts höre, scheint es zu laufen.“

Oswald Menninger lehnt Hierarchien ab. Seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern hat er möglichst große Freiräume in der inhaltlichen Gestaltung und der Organisation der Arbeit gelassen und hat damit gute Erfahrungen gemacht.
Der Paritätische Wohlfahrtsverband Berlin ist mit seinen Angeboten in vielen Bereichen, wie z.B. der Kindertagesstätten, der Eingliederungshilfe, der Nachbarschaftsarbeit, der Drogen- und Suchthilfe stark in Berlin vertreten.

Freiräume lassen, heißt für ihn auch, andere Meinungen und Entscheidungen zu akzeptieren, wenn sie gut begründet sind und die Mitarbeiter gegen Kritik von außen zu schützen und sich hinter sie zu stellen: „Mitarbeiter müssen jemanden in der Hierarchie deshalb akzeptieren können, weil er offen ist, ihre Interessen sieht, mit ihnen respektvoll umgeht und ihnen Freiräume lässt.“

In den Mitgliedsorganisationen des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Berlin hat Oswald Menninger ein ausgezeichneter Ruf.

Es schwingt fast ein wenig Ehrfurcht mit, wenn über die Zusammenarbeit mit ihm erzählt wird. Oswald Menninger ist ein Mann der Praxis, sehr unterstützend und ein guter Zuhörer. Und: auch wenn es mal Probleme gab, ihm fiel immer etwas ein, um das Projekt zu retten.

Unkonventionelle Wege machen ihm keine Angst, im Gegenteil, Gerade jungen neuen Ideen hat er eine Chance gegeben. Er hat die Kleinen gefördert, damit daraus Großes werden konnte. Mut machen, das zeichnet ihn aus. Und das hat den Paritätischen Wohlfahrtsverband Berlin zu dem werden lassen, was er ist: der größte Wohlfahrtsverband in Berlin mit über 700 Mitgliedsorganisationen.

Oswald Menninger brennt für das Ehrenamt. Er weiß um die Bedeutung von Bürgerschaftlichem Engagement für den Verband und seine Mitglieder. Die Förderung des Engagements sah er ab Mitte der 1990er Jahre als „genuinen Bestandteil wohlfahrtspflegerischer Arbeit“.

Die Gegnerschaft war groß, wurde doch eine neoliberale Sozialstaatsstrategie vermutet, die zur Entlastung des Staates beitragen sollte, indem Hauptamtliche durch Ehrenamtliche ersetzt würden. Aber Oswald Menninger, so sagt er, kann sich kein Land vorstellen, dessen Probleme ausschließlich von Hauptamtlichen bewältigt würden. Aus eigener Lebenserfahrung kann Herr Menninger beitragen, wie wichtig es ist, in der Not füreinander einzustehen, sich zu kümmern, Hilfe und Unterstützung zu bekommen. Dass man für andere Sorge trägt, das hat er auch in den Verband getragen und damit in die Soziallandschaft Berlins, die ihre Wurzeln in der Ehrenamtlichkeit hat. Ganz so, wie er sich das für das künftige Berlin vorstellt: „Für Berlin wünsche ich mir, dass alle gesellschaftlichen Gruppen, Kräfte und Akteure das gemeinsame Ziel einer offenen und vielfältigen Gesellschaft verfolgen und dabei trotz unterschiedlicher Interessen zusammenarbeiten, um dieses Ziel zu erreichen.

Oswald Menninger fordert und fördert nicht nur soziales Engagement, er lebt es auch.

Legendär sind seine jährlichen Einladungen zur Weihnachtsfeier. Dann bekochte und bewirtete er gemeinsam mit der Vorstandsvorsitzenden Barbara John das gesamte Team. Und es machte Oswald Menninger sichtlich Spaß. Das Menü war jedes Mal ganz besonders, exklusiv für Feinschmecker. Vielleicht wird er diese Tradition auch nach seinem Abschied als Geschäftsführer weiterführen. Die Mitarbeiter hoffen darauf.

Herr Menninger ist an der Entwicklung des sozialen Berlins maßgeblich mit größtem, über das Maß seiner Berufstätigkeit weit hinausgehenden Einsatz beteiligt, der heute mit dem Verdienstorden am Bande gewürdigt wird.

Herrn Menninger gelang es mit großem Engagement und Sachverstand, mit tiefem Respekt für die Leistungen der Menschen in den Mitgliedsorganisationen – ob professionell oder ehrenamtlich – und mit Fairness einen großen gesellschaftlichen Beitrag zu leisten. Dafür danken wir ihm.

Datum, 10 | 03 | 2016