Kiezreporter der Schulstation von Aufwind e.V. - Foto: Stefanie Lehmann Unionhilfswerk - Kindergartengruppe - Foto: Christiane Weidner Eine Breakdanceshow - Foto: Eberhard Auriga Kletterwald - Foto: Nachbarschaftsheim Schöne

Schon alt oder noch jung?

Auszüge aus der Rezension zur Festschrift 40 Jahre Theater der Erfahrungen

„Wenn ich an die Produktionen des Theaters der Erfahrungen, kurz TdE, denke, so nehme ich als erstes wahr, wie meine Mundwinkel nach oben gehen.“ (Orsolina Bundi-Lehner, Schauspielerin, Regisseurin, Dozentin).

40 Jahre Theater der Erfahrungen haben die beiden Leiterinnen Eva Bittner und Johanna Kaiser zum Anlass genommen, eine „Festschrift“ herauszugegeben, in der 15 Unterstützende und Fördernde mit Rat, Tat und auch Geld, Kollegen und Kolleginnen sowie Spielende ihr manchmal jahrzehntelanges Begleiten und Mitstreiten hinter den Kulissen beschreiben. Die Lektüre des Büchleins,67 Seiten dick, mit den tollen Fotos ist ein sehr lohnenswerter Spaziergang durch die bunte Landschaft der „Berliner Graswurzelkultur“ (Arno Paul, Prof. a. D. Theaterwissenschaft, FU Berlin), über „Hochschule, Nachbarschaftsarbeit, Hospize und Kindertagestätten“ (Irene Ostertag, Geschäftsführerin Bund Deutscher Amateurtheater e.V.) sowie Senat, Veranstaltende, Berufs- und Wohlfahrtsverband.

Beim TdE können Sie das heutzutage arg gebeutelte Wort „authentisch“ in seiner eigentlichen Bedeutung wiederfinden. Prof. Dr. Hans-Wolfgang Nickel (Theaterpädagogik UdK Berlin) schreibt: „… die [Spielenden] steigen gleichsam als die, die sie „sind“, in Situationen und Aktionen ein; sie „leben“ darin (…) Das gibt den Aufführungen des TdE ihre besondere Lebendigkeit.“  Stefan Schütz, Leiter des ambulanten Hospizdienstes beim Nachbarschaftsheim Schöneberg, berichtet von der Zusammenarbeit zwischen Hospiz und Theater in der Produktion „Bertha, stirb endlich!“. Sie wollten probieren, „ob es möglich sei, auf der Bühne vom Tod zu erzählen und gleichzeitig Gelächter zu erzeugen.“. Es war möglich. Aber schließlich erkrankten wie im Stück „[Spielende] und deren Angehörige, und, als eine Hauptdarstellerin starb, wurde aus dem Spiel Ernst. Durch die vorangegangene Auseinandersetzung mit dem Thema, so schien es mir aber, konnte die Gruppe offener mit der Situation umgehen, leichter der Trauer und dem Gedenken Raum geben – aber das Stück nicht aufzuführen, daran war nicht zu denken.“

Denn so ist es sowieso immer: „Sie werden mit ihrer Sache … nicht fertig. Klar, das verwundert nicht bei dieser Art von Themen. Sie tun auch nicht so, als würden sie mit ihr fertig oder sind enttäuscht, dass sie es nicht werden. Sie stellen die Sache hin und sind damit zufrieden.“ (Rüdiger Bittner) Dabei gilt: „Das Theater der Erfahrungen war und ist nie unpolitisch, nie nur mit sich selbst befasst. Aktive Teilhabe am Leben in der Gesellschaft und damit verbundene kulturelle Auseinandersetzungen zeigen sich schon vielfach an den Themen der Theaterstücke.“ (Eberhard Löhnert, Beirat Theater der Erfahrungen und ehem. Leitung der Geschäftsstelle Bezirke des Paritätischen Berlin).

Was ist das jetzt, was macht das TdE?  Sozial -, Kultur- oder Sozialkulturelle Arbeit? Existiert sozialkulturelle Arbeit überhaupt? Oder ist sie schon immer Kulturarbeit? Jedenfalls war Georg Zinner, ehem. Geschäftsführung Nachbarschaftsheim Schöneberg e.V., der Ansicht: „Kulturarbeit ist also die beste Sozialarbeit.“ Auch Dr. Dieter Hopf, Prof. a.D. Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, ist davon überzeugt, dass das TdE weiterleben wird, solange „das Theatermachen das Wesentliche ist, dass man sich hierauf konzentrieren muss und nicht in Versuchung gerät, durchs Theater bewusst Sozialarbeit zu betreiben. Denn die Kraft geht vom Theater aus.“ Barbara John, Vorstandsvorsitzende des Paritätischen Berlin, spricht von der „Normalisierung interkultureller Arbeit im Theater und darüber hinaus, hier im Land Berlin“, für die das TdE stehe. Sie haben richtig gelesen: „Normalisierung“! Und wie immer: „… das Theater verzichtet auch hier auf den pädagogischen Zeigefinger.“ (Barbara John).

Beim Lesen der Festschrift wird einem schier schwindlig bei so viel Vernetzung und Kooperation mit Politik, Wohlfahrt, Stadtteilzentren, Theaterverbänden, Veranstaltenden, Künstlern und Künstlerinnen, Kitas, Schulen und Wissenschaft.  Und das macht auch nachdenklich, denn es ist alles andere als selbstverständlich. Könnte das TdE sein Jubiläum feiern, wenn es weniger umtriebig gewesen wäre? Waren und sind die Vernetzungen nicht überlebensnotwendig?

Die Festschrift lässt ahnen, was für eine immense Arbeitsleistung in dem „Projekt“, wie man in den 80ern sagte, steckt, wenn die Finanzierung bestenfalls alle paar Jahre neu gesichert werden muss. Es ist anstrengend und schwer, immer flexibel zu sein, sich nie auf den Lorbeeren auszuruhen, regelmäßig Finanzierungsanträge für neu geschmiedete Pläne zu schreiben und dabei das Kerngeschäft nicht aus den Augen zu verlieren. Ein langer Applaus für „die zwei Powerfrauen“ Eva Bittner und Johanna Kaiser!
(Eberhard Löhnert)

Dies sind Auszüge aus der Rezension der Festschrift von Ursula Kohler (Januar 2021), Fördervereinsmitglied des Theaters der Erfahrungen.  Haben wir Ihr Interesse geweckt? Die vollständige Rezension sowie die Festschrift gibt es hier zum Lesen und Herunterladen.

Das Theater der Erfahrungen in Trägerschaft des Nachbarschaftsheim Schöneberg e. V. ist ein Altenkulturprojekt mit gesamtstädtischem Charakter. Unter seinem Dach spielen die drei Schauspielgruppen Spätzünder, OstSchwung und Bunte Zellen. Daneben werden die generationsübergreifende und transkulturelle Theaterarbeit gepflegt. Die Kombination praktischer mit universitärer Kulturarbeit wird durch eine Kooperation mit der Alice Salomon Hochschule gefördert. Darüber hinaus wurden in mehreren Stadtteilzentren neue kreative Gruppen –Trommeln, Singen, Pantomime und natürlich Theater - initiiert.

Ursula Kohler, Fördervereinsmitglied Theater der Erfahrungen

(rs)

Datum, 15 | 03 | 2021