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Patenschaften: „Verlässlichkeit ist ein hoher Wert in diesen unbeständigen Zeiten“

Kategorie: Aktuelles, Fünf Fragen, Jugendhilfe

Fünf Fragen an Andrea Brandt, Koordinatorin des Patenschaftsprogramms von biffy e.V. Berlin

Andrea Brandt von biffy e.V.; Foto: Privat

Andrea Brandt hat das biffy-Patenschaftsprogramm als eines der ersten seiner Art bundesweit aufgebaut. Seit 2001 hat die gebürtige Berlinerin zusammen mit Kolleginnen und Kollegen etwa 1000 Patenschaften in ganz Berlin vermittelt und begleitet. Damit ist sie eine der erfahrensten Koordinatorinnen in Deutschland. Dank ihres Know-hows wird sie immer wieder von Projekten um Beratung gebeten. Sie ist gleichzeitig seit 2004 Leiterin der FreiwilligenAgentur KreuzbergFriedrichshain und dadurch mit allen Aspekten des Freiwilligenmanagements vertraut. Die Fragen stellte Nina Peretz.

Frau Brandt, seit 2004 organisiert biffy Berlin e.V. Patenschaften und blickt damit auf über zehn erfolgreiche Jahre Engagement zurück. Nun ist das Projekt in Gefahr. Wie steht es gerade um die Zukunft von biffy Berlin?

Andrea Brandt: Wenn wir keine neue stabile Finanzierung – durch die Bewilligung eines Antrags und höhere Spendeneinnahmen – hinbekommen, sieht es für 2016 nicht gut aus. Seit September arbeiten wir alle bereits ehrenamtlich: eine Koordinatorin und ein Koordinator, unser Kollege der Öffentlichkeitsarbeit und der Vorstand. Das heißt, wir begleiten über 230 aktive Patenschaften, nehmen neue interessierte Familien, Patinnen und Paten auf, vermitteln sie, kümmern uns gemeinsam um finanzielle Perspektiven und unser Fortbestehen ohne Bezahlung. Wir tun das, weil wir uns den biffy-Kindern, den Eltern, Paten und Interessierten verpflichtet fühlen und sie mit ihren Anliegen nicht allein lassen wollen. Außerdem erleben wir jeden Tag, wie viele alleinerziehende Familien unser Angebot brauchen, gerade in Zeiten, in denen die Familienhilfeleistung für die Einzelnen immer weiter gekürzt wird, weil so viele weitere Familien Unterstützungsbedarf haben. Auch deren Hoffnungen wollen wir nicht enttäuschen.

Denn mit einer Patenschaft gewinnen alle Seiten: Die Kinder eine zusätzliche Bezugsperson und Anregungen, die Eltern(teile) eine Atempause im oft so erschöpfenden Alltag, die Patinnen und Paten Erlebnisse und schöne Stunden mit Kindern.

Wie könnten wir also ein so wunderbares Angebot einfach sterben lassen, das so viele erfolgreiche Patenschaften hervorgebracht hat, mit denen Kinder über Jahre heranwachsen durften? Wir können aber die viele damit Arbeit, die damit verbunden ist, nicht dauerhaft ehrenamtlich leisten, denn dann fehlt uns die eigene Lebensgrundlage.

Wie genau funktioniert eine Patenschaft, wie wird man Pate oder Patin bei biffy?

Andrea Brandt: Ein Pate oder eine Patin engagiert sich zunächst für ein Jahr einmal wöchentlich für ein Kind oder einen Jugendlichen bzw. eine Jugendliche, verbringt und gestaltet mit ihm oder ihr Freizeit, je nach dem, was beide interessiert und ihnen Spaß macht. Manche treiben Sport, andere kochen gemeinsam, sind kreativ oder tauschen sich aus. Sie lernen dabei von- und miteinander, entdecken Neues, können sich ausprobieren. Durch die gemeinsamen Aktivitäten entsteht mit der Zeit Verbindung, Vertrauen und Freundschaft.

Über 40 Prozent unserer Patenschaften sind heute drei Jahre und älter. Warum? Weil nach einem Jahr viele so „zusammengewachsen" sind, dass sie wissen, was sie einander bedeuten, und ihre Beziehung gerne fortsetzen wollen. Patinnen und Paten werden Menschen, die eine Familie unterstützen möchten, ein Kind ernst nehmen und unsere Rahmenbedingungen erfüllen: An einem Erstgespräch, einem vorbereitenden Workshop und Begleitveranstaltungen teilnehmen und uns regelmäßig über den Verlauf ihrer Patenschaft informieren. Außerdem müssen sie in kniffligen Patenschaftssituationen auch mal zu einem Klärungsgespräch bereit sein. Ziel ist stets, dass alle Seiten miteinander zufrieden sind.

Weshalb ist es für die Jugendlichen – und auch für die Paten – so wichtig, dass die Arbeit im Programm langfristig und nachhaltig erfolgen kann?

Andrea Brandt: Weil sie kontinuierliche Begleitung mit beständigen Ansprechpersonen brauchen, wie unsere Erfahrung zeigt. Sie bauen über lange Zeit eine Beziehung auf, in der es, wie in allen Beziehungen, auch mal Konflikte gibt. Wenn wir diese mit ihnen bearbeiten und klären können, stabilisiert das die Patenschaften. Wie Studien bestätigen, sind die positiven Wirkungen umso größer, je länger die Beziehungen dauern. Für uns ist es zudem eine wichtige Form der Anerkennung, die Patinnen und Paten in ihrem Engagement zu unterstützen und zu stärken. Viele von ihnen betreuen Kinder mit verschiedenen Problemen. Da ist es notwendig, dass wir den Freiwilligen mit Rat zur Seite stehen und Wege zeigen.

Natürlich möchten Familien und Patinnen über ihre persönlichen Empfindungen und Einschätzungen lieber mit einer Person sprechen, die ihnen vertraut ist. Mit permanent wechselnden Ansprechpartnern geht das nicht, dann müssten sie diese sensiblen Situationen ja ständig neuen Personen schildern. Unsere Beständigkeit ist die Voraussetzung für beständige Patenschaften, dadurch fühlen sich viele der Beteiligten an unser Team gebunden. Sie wissen, worauf sie sich stützen können, was sie erwarten dürfen und können, nämlich: Dass wir anfangs geduldig suchen, bis die passende Konstellation gefunden ist, ihnen danach zuhören, sie verstehen, ihnen Rat geben. Diese Verlässlichkeit ist doch ein hoher Wert in diesen unbeständigen Zeiten, finde ich.
Und es ist schön zu sehen, wie sich die Kinder entwickeln und von der Zuwendung ihrer Patinnen und Paten profitieren.
Neulich schrieb uns ein Mädchen: „Das, was meine Patin für mich bedeutet, ist nicht in Worte zu fassen.“ Und ein Junge sagte zu seinem Paten nach ihrem Treffen: „Heute war der schönste Tag in meinem Leben!“

Was müsste von Seiten der Politik und Verwaltung passieren, damit ein Patenschaftsprogramm wie biffy langfristig planen und damit erfolgreich arbeiten kann?

Andrea Brandt: Ich möchte diese Frage zunächst auf eine gesellschaftliche Dimension erweitern, die uns alle betrifft: Wir alle müssen neu darüber nachdenken, was uns unser Sozialwesen und Gemeinschaft wert sind. Seit Jahrzehnten glauben wir das – leider überwiegend von der Politik – verbreitete Credo, der soziale Bereich sei zu teuer. In der Folge wurde überall in der Kinder- und Jugendarbeit und in der Bildung eingespart, viele Regelfinanzierungen sind gestrichen und nur noch Projekte gefördert worden. Eigentlich hatte Projektförderung mal den Sinn, etwas zu erproben, um es dann, wenn es sich bewährt hat, in ein Regelangebot zu überführen. Bedauerlicherweise reihen sich aber inzwischen endlos Projektfinanzierungen aneinander, die obendrein nur mit größeren Anteilen von Eigenmitteln erreichbar sind.

Was das in der Praxis bedeutet, zeigt unser Beispiel biffy Berlin e.V. überdeutlich: Ein kleiner Verein mit hoch engagierten Menschen ist immer wieder existenzbedroht, weil das Eigenkapital nicht ausreicht oder die errungene Projektförderung befristet ist und nach ein bis drei Jahren wieder endet. Obendrein soll für letztere immer wieder ein neuer innovativer Ansatz gefunden werden. Und das, obwohl das bestehende Angebot hoch nachgefragt ist und sich – wie in unserem Fall – über 15 Jahre bewährt hat.

Die meisten sozialen Träger in unserer Situation beenden ein solches Angebot, sobald es nicht mehr finanziert wird, und fangen mit einem neuen Projekt von vorne an. Wir dagegen erhalten die Kontinuität aufrecht, ernten aber Ablehnungen, weil unsere Förderanträge angeblich zu nah am bestehenden Angebot lägen. So kommt es zu der absurden Situation, dass wir einem steigenden Bedarf gegenüberstehen, aber immer wieder ehrenamtlich arbeiten!
Wir tragen schon sehr viel bei, finden wir. Viele unserer Patinnen und Paten spenden sogar neben ihrer Zeit auch noch ihr Geld an den Verein. Und obwohl viele Familien mit sehr wenig auskommen müssen, tragen einige auch finanziell etwas bei. Politik und Verwaltung könnten endlich umdenken und ihren Beitrag zu einer Grundfinanzierung unseres Programms leisten. Immerhin beantworten wir einen gesellschaftlichen Bedarf für eine überproportional von Armut betroffene Gruppe: Alleinerziehende und Familien mit Migrationserfahrung.

Wir brauchen eine Politik die ihre eigenen Aussagen, Kinder seien unsere Zukunft und das Engagement der Zivilgemeinschaft läge ihr am Herzen, ernst nimmt und konsequent danach handelt.

Der Verein startet gerade eine „500 Freunde“-Kampagne. Wie genau können Interessierte unterstützen und helfen, damit es mit diesem erfolgreichen Programm auch in Zukunft weitergeht?

Andrea Brandt: Die „500 Freunde“-Kampagne beruht auf einer Modellrechnung: Wenn 500 Menschen uns monatlich 15 Euro spenden, könnten wir unser derzeitiges Jahresbudget inklusive aller Kosten für Koordination, Öffentlichkeitsarbeit und Infrastruktur weitgehend abdecken. Zugleich hätten wir eine Grundlage für Projektanträge, für die wir Eigenmittelanteile nachweisen müssen.
Wer also Teil eines fürsorglichen Berliner Netzwerks sein will, das Kinder fördert und Verantwortung verteilt, kann einer von 500 Freunden werden. Dabei hilft uns jeder Betrag. Natürlich sind uns auch alle willkommen, die sich als Pate oder Patin engagieren möchten. Oft haben Interessierte aber auch eigenen Ideen. Wir sind für verschiedenste Formen von Engagement dankbar und ansprechbar.

Mehr: biffy-berlin.de

(vb)

Datum, 16 | 12 | 2015