Kiezreporter der Schulstation von Aufwind e.V. - Foto: Stefanie Lehmann Unionhilfswerk - Kindergartengruppe - Foto: Christiane Weidner Eine Breakdanceshow - Foto: Eberhard Auriga Kletterwald - Foto: Nachbarschaftsheim Schöne

Krise als Chance: Die Corona-Pandemie zwingt uns noch schneller in Digitalisierung

Kategorie: Aus dem Verband

Video-Beratungen, Telefonkonferenzen, Hilfe-Hotlines: innerhalb von Tagen sind Einrichtungen auf neue digitale Formen des Kontakts umgestiegen. Was gut lief, welche Grenzen das hat

Einblick in eine Videokonferenz: Vorbereitungen für die Gemeinsame Sache – Berliner Freiwilligentage, Foto: Anne Jeglinski

Über die vergangenen Wochen hinweg haben zahlreiche Mitgliedsorganisationen Schreiben von Ämtern und Verwaltungen erhalten mit der Aufforderung und auch der Bitte, bisherige Angebote auf digitale Angebote umzustellen. Wo es möglich ist, sind unsere Mitgliedsorganisationen natürlich dabei, umzustellen. Unter Hochdruck wurden innerhalb von Tagen Angebote wie Beratungen, Weiterbildungen, und Gespräche mit Klientinnen und Klienten in den digitalen Raum verlegt. Es werden Videokonferenzen abgehalten, zusammen auf Pads gearbeitet, Konferenzen geplant und auch online abgehalten. Zahlreiche Mitgliedsorganisationen tauschen sich auch über diese Wege aus, beraten sich gegenseitig und unterstützen sich mit Wissen, aber auch mit Sachmitteln.

Bei Zuwendungen Spielraum ermöglichen

Für einen Teil der Organisationen, insbesondere aus dem Bereich der Zuwendungen, ist die Umstellung allerdings alles andere als einfach. Durch oft starre finanzielle Vorgaben, die nur in seltenen Fällen Raum für Investitionen in geeignete Hardware und Software lässt.
Wie man als Zuwendungsgeber in einer Krisensituation damit umgehen kann, hat zum Beispiel die Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales gezeigt. In einem Schreiben an ihre Zuwendungsempfangenden, hat sie mitgeteilt, dass Fördersummen umverteilt werden können und davon auch Mobiltelefone oder Laptops gekauft werden können, um Angebote wie Beratungen weiter durchführen zu können. Ein pragmatischer Ansatz, der Schule machen sollte – nicht immer ist das der Fall.
Aber nicht nur Hardware, sondern auch die Beschaffung entsprechender Software und dazugehörige Weiterbildungen für Mitarbeitende, stellen viele Organisationen vor große Herausforderungen in einem sehr engen Zeitfester.

Online agieren und Fragen des Datenschutzes

Insbesondere das Thema Datenschutz bei der Onlinekommunikation mit Klientinnen und Klienten ist bei vielen Organisationen mit Unsicherheiten verbunden. Allein die Frage, ob die Anwendung dieses oder jenes Tool datenschutzkonform nutzbar ist, spült bei gängigen Suchmaschinen hunderttausende Treffer in den Browser – inklusive verschiedenster Aussagen und Bewertungen.

Als Berliner Dachverband sind wir hier natürlich in der Pflicht, gemeinsam mit der Paritätischen Akademie Berlin zu unterstützen und zu beraten. Die Komplexität des Themas macht allerdings deutlich, dass es mit einmaligen Workshops und Weiterbildungen nicht getan ist. Wir werden uns hier andere Instrumente überlegen und auch von anderen Stellen einfordern müssen.

Finanzierung von Digitalstrukturen

Wie schwierig die Lage ist, verdeutlicht auch noch einmal ein Aufruf zahlreicher sozialer Organisationen und Social-Start-Ups wie Ashoka Deutschland, betterplace.org, Phineo, dem Social Entrepreneurship Netzwerk Deutschland e. V. und vielen anderen. In dem Aufruf „Corona-Krise: Die Zivilgesellschaft braucht staatliche Unterstützung“ wird auch an dieser Stelle explizit dazu aufgefordert, Kernfinanzierungen für den Aufbau von Digitalstrukturen zu schaffen und zumindest in der gegenwärtigen Lage Umwidmungen von Zuwendungen in diesem Kontext zu ermöglichen.

Können Zielgruppen die Angebote überhaupt annehmen?

Diese Frage kann derzeit nur mit Jein beantwortet werden. Ein Teil der Herausforderung ist, dass Organisationen das Know-how dafür entwickeln, ihre Angebote zum Beispiel in das Internet zu überführen. Es stellt sich aber weiterhin die Frage, ob die neuen Angebote überhaupt bei allen Zielgruppen ankommen können. Denn an dieser Stelle wird die „digitale Kluft“ offensichtlich. Zahlreiche Menschen in Deutschland haben keinen Zugang zum Internet oder dessen Inhalten, sei es aufgrund von technischen, sprachlichen oder anderen Hürden und Gründen. Eine Studie der Initiative D21 von 2018 schätzt, dass bis etwa 16 Millionen Menschen in Deutschland teils gar nicht, oder nur in sehr geringem Umfang an der digitalen Welt partizipieren.

Biete Hilfe, suche Hilfe – Matching-Plattformen

Wie man diese Herausforderung, gerade in der Corona-Pandemie, angehen kann, zeigt etwa das Projekt „Machbarschaft“ (machbarschaft.jetzt), erarbeitet im Rahmen des Hackathon #wirvsvirus der deutschen Bundesregierung. Das Projekt nimmt über eine Hotline telefonische Hilfegesuche entgegen, die automatisch in digitale Anfragen umgewandelt werden. Über eine App können diese Gesuche von hilfsbereiten Menschen in der Nachbarschaft gesehen werden und so kann zum Beispiel der Gang zur Apotheke übernommen werden.
Stolz sind wir auch auf die gemeinsam mit der Senatskanzlei, der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freiwilligenagenturen (bagfa) und dem Verein für sozial-kulturelle Arbeit (VskA), mit Trägern der Nachbarschaftsarbeit und Freiwilligenagenturen entwickelten Telefonhotlines für Hilfebedarfe und Hilfegesuche in allen Berliner Bezirken. Auch hier gehen klassisches Telefonieren und digitales Matching über eine Plattform Hand in Hand. Mehr über das ad hoc geknüpfte Netzwerk der bezirklichen Koordinierungsstellen finden Sie im folgenden Text. 

#wirmachenweiter – Öffentlichkeitsarbeit

Von jetzt auf gleich hat uns das Virus auch im Landesverband digitale Beine gemacht. Intern verständigen wir uns in Telefon- und Videokonferenzen, nutzen Messenger-Dienste, um schnell Gruppennachrichten auszutauschen. Fernsehinterviews absolviert unsere Geschäftsführerin via Skype. Auch Videostatements wurden tagesaktuell veröffentlicht, wie der Dank unserer Referentinnen und unseres Referenten zur Kita-Notbetreuung oder die Forderung unserer Geschäftsführerin nach einer gesonderten finanziellen Unterstützung und Schutzkleidung für Pflegekräfte. Wir merken: es geht. Auch wenn sich Abläufe erst einspielen müssen und es noch mehr Disziplin bedarf, in einer Telefonkonferenz wirklich nur das zu sagen, was alle interessiert. Wir sind am Lernen und Ausprobieren. Es zahlt sich jetzt aus, dass wir schon länger auf Facebook und Twitter präsent sind und darüber auch Kontakte zur Politik haben, um Informationen und unsere Positionen zu verbreiten. Was uns besonders freut: wir merken, dass wir ein stabiles Netzwerk in analogen Zeiten aufgebaut haben. Wir werden angerufen oder erfahren per E-Mail, wo wir unsere Mitglieder in der Öffentlichkeitsarbeit unterstützen können. Unseren Jahresempfang zum 70-jährigen Jubiläum des Verbandes mussten wir leider absagen, aber wir wollen wenigstens die dazu geplante Fotoausstellung zeigen und überlegen jetzt, wie wir sie mit überarbeitetem Konzept digital zugänglich machen können, als virtuelle Ausstellung. Corona hat den Start unseres Projektes #berlinbessermachen etwas verzögert, aber jetzt ist die Website berlinbessermachen.de online und wird sukzessive gefüllt und aktualisiert. Sie zeigt, wie wichtig die Arbeit unserer Mitglieder für ein lebenswertes Berlin ist.

Wo stehen wir jetzt?

Die Digitalisierung hat an Schubkraft gewonnen, weil es auf einmal nicht mehr anders geht. Die einen werden sagen, sie wurden davon überrollt und mussten sich darauf einlassen. Die anderen werden sagen, sie wollten das vielleicht schon immer ausprobieren.
Auch intern im Verband haben wir reagiert – und wo es möglich war, mobiles Arbeiten gefördert, virtuelle Telefonkonferenzräume gebucht, ein internes Video- und Chat-Tool installiert und wir prüfen mit Blick auf die Zukunft auch digitale Konferenz-Software.
Wir sind dabei, in vorher nicht vorstellbarer Geschwindigkeit Angebote und Leistungen anzupassen. Dabei werden Fehler passieren. Hier gilt, dass wir uns klar machen: Innovation ohne Fehler geht nicht. Innovativ sein heißt, lernen und sich gemeinsam entwickeln, im Inneren und in den Strukturen, mit den Zielgruppen und untereinander.

Unser Fazit: Wir testen zwar neue digitale Konzepte bereits seit einigen Monaten – wir dachten aber, dass wir mehr Zeit für die Umsetzung haben. Jetzt rollen wir alles auf einmal aus. Das ist herausfordernd, kann aber auch eine große Chance für unseren Verband und seine Mitgliedsorganisationen sein.

Anne Jeglinski, Leiterin Geschäftsstelle Bezirke, Innovation und Wirkung,
Kathrin Zauter, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit,
Christian Sievert, Digitalisierung

Wissenswertes
Hier finden Sie Tipps und Hinweise zu digitalen Tools:
Vom Paritätischen Berlin
vom Paritätischen Gesamtverband
von der Verbraucherzentrale, Bundesverband

(rs)

Datum, 18 | 05 | 2020