Kiezreporter der Schulstation von Aufwind e.V. - Foto: Stefanie Lehmann Unionhilfswerk - Kindergartengruppe - Foto: Christiane Weidner Eine Breakdanceshow - Foto: Eberhard Auriga Kletterwald - Foto: Nachbarschaftsheim Schöne

Kirche und Homosexualität: „Mit unserer Situation ist eine Frage der Gerechtigkeit berührt“

Fünf Fragen an Markus Gutfleisch, Ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche

Markus Gutfleisch, geboren 1966 in Mannheim, hat drei Jahre katholische Theologie und anschließend Sozialarbeit studiert. Er engagiert sich seit vielen Jahren in der Ökumenischen Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche und war dort einige Jahre Vorstandsmitglied. Zurzeit koordiniert er die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Vereins und die AG Katholische Kirchenpolitik. Er lebt in Recklinghausen. Die Fragen stellte Miguel-Pascal Schaar.


Herr Gutfleisch, die Ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche (HuK) e.V. ist Mitglied des Paritätischen Berlin geworden. Welche Erwartungen haben Sie an den Verband?

Markus Gutfleisch: Wir in der Ökumenischen Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche freuen uns sehr, dass wir seit Anfang 2013 zum Paritätischen Landesverband Berlin gehören. In Berlin wurde unsere Gruppe gegründet und hier besteht unsere größte Regionalgruppe. In Berlin möchten wir auch 2017 unser 40-jähriges Bestehen feiern, wie 1977 bei einem Evangelischen Kirchentag.
Die Suche nach einem passenden Dachverband beschäftigte uns mehrere Jahre. Wir haben Kontakt zum Paritätischen geknüpft, weil ihm schon zahlreiche Gruppen von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Trans-Menschen und Intersexuellen angehören und er da ein klares Profil zeigt. Als ökumenische Gruppe sehen wir uns weder in einem katholischen, noch in einem evangelischen Dachverband so richtig aufgehoben, abgesehen von der Tatsache, dass ein katholischer Wohlfahrtsverband wie die Caritas uns wohl nicht aufgenommen hätte. Zudem ist der Paritätische traditionell Dachverband für kleine Initiativen und Gruppen, da passen wir also bestens hin.
Wir möchten unsere gesellschaftspolitischen Vorstellungen in den Verband einbringen und hoffen, seine Unterstützung zu bekommen, falls wir das mal benötigen.

Selbsthilfe, Betroffenenorganisation oder politische Aktionsgruppe, was ist die HuK genau?

Markus Gutfleisch: Wir sind zunächst mal ein Treffpunkt, bei uns kann man christliche Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans-Menschen und Intersexuelle treffen, sich an thematischer und kirchenpolitischer Arbeit beteiligen, miteinander feiern (auch den Glauben) und sich mit weiteren Gruppen und Initiativen vernetzen. Bei Kirchentagen beispielsweise ist diese Bandbreite sehr schön erlebbar. Jede und jeder ist willkommen, die, die miteinander Kaffee trinken ebenso wie diejenigen, die Kirche und Gesellschaft verändern wollen. Unsere (kirchen-)politische Arbeit kommt aus der Mitte des Vereins, aus zahlreichen Erfahrungen vor Ort.

Wie steht es um die Rechte von Lesben und Schwulen in der Kirche heute?

Markus Gutfleisch: In den meisten Evangelischen Landeskirchen in Deutschland hat sich viel getan. Dort werden gleichgeschlechtliche Paare kirchlich gesegnet, Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans-Menschen und Intersexuelle sind in vielen Gemeinden sichtbar und aktiv, können alle kirchlichen Ämter ausüben und dürfen mit Partner beziehungsweise Partnerin im Pfarrhaus leben. Gesellschaftspolitisch ist das nichts Revolutionäres, aber vor 25 Jahren war das alles noch nicht möglich. Es wurde Schritt für Schritt erkämpft. Wir konnten Menschen an der kirchlichen Basis und später in den Entscheidungsgremien davon überzeugen, dass mit unserer Situation eine Frage der Gerechtigkeit berührt ist und dass Kirchen von der Vielfalt profitieren. Sie erleben das zum Beispiel beim Christopher Street Day, wenn Menschen den Gottesdienst mitfeiern, die sonst keine Verbindung zur Kirche haben.
Es gibt noch mehrere Landeskirchen, die die Segnung lesbischer und schwuler Paare ablehnen, und in den meisten Freikirchen ist die Situation ebenfalls schwierig. In der römisch-katholischen Kirche klafft eine Riesenlücke zwischen wachsender Akzeptanz an der Basis und den offiziellen Stellungnahmen der Kirche. Beschäftigte in katholischen Einrichtungen (da geht es nicht nur um die Kirche selbst, sondern auch um pädagogische und soziale Einrichtungen, Krankenhäuser, Wohnheime, ambulante Dienste), die eine eingetragene Lebenspartnerschaft eingehen, werden gekündigt. So haben es die Bischöfe in Deutschland entschieden. Wir beobachten, dass sich immer mehr Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans-Menschen und Intersexuelle in der katholischen Kirche outen, aber es entscheiden sich auch viele fähige Leute für einen Job, bei dem sie nicht von der katholischen Kirche abhängig sind, oder gar für einen Kirchenaustritt.

Welcher Aufbruch in der Kirche macht Ihnen am meisten Mut für Ihre Arbeit?

Markus Gutfleisch: Der neue Papst hat die Kirche aufgerufen, weniger zu urteilen, und mit einer weltweiten Umfrage wollte er herausfinden, was von der kirchlichen Lehre eigentlich beim Volk ankommt. Er scheint einen völlig anderen Leitungs- und Kommunikationsstil als seine beiden Vorgänger zu pflegen. Doch bis zu mutigen Reformen ist es in der katholischen Kirche noch ein weiter Weg. Unsere Sorge ist es, dass der Kurs von Papst Franziskus, der ja auch den Reichtum der Kirche kritisiert, von der mittleren Ebene, vor allem den Bischöfen, nur bedingt unterstützt wird. Das alte Denken ist noch sehr mächtig. Die Bischöfe reden gern von Dialog und Aufbruch, aber zu konkreten Schritten fehlt ihnen der Mut. Sehr gerne würden wir mit den Bischöfen, die etwas bewegen wollen, kooperieren, aber der Faden des Dialogs ist total dünn.
Wir hoffen auf jeden Fall, dass der „Franziskus-Effekt“ anhält, dass die Bescheidenheit, Glaubwürdigkeit und die sozialpolitischen Aussagen des Papstes die Kirche wirklich verändern!

Mit Papst Franziskus ist für viele eine Hoffnung auf einen Neubeginn oder zumindest eine Öffnung der römischen Kirche verbunden. Auch für die HuK?

Markus Gutfleisch: Die Aufbrüche in den Kirchen kommen meist nicht mit einem Paukenschlag daher. Sie brauchen lange Zeit, da sind die Kirchen wie schwerfällige Ozeandampfer. Ich persönlich freue mich über kleine Aufbrüche. Wir treten heute in den Kirchen nicht mehr als Bittsteller auf, sondern führen vernünftige Gespräche. Wir werden als Expertinnen und Experten angefragt. Sehr viele Menschen verstehen das Zögern und Zaudern der Kirchenleitungen nicht mehr. Dieser Aufbruch im Kirchenvolk und in der Theologie ist nicht mehr zu bremsen. Das geht quer durch die Bank, umfasst Junge und Alte. Dieser Aufbruch zeigt, dass die kirchliche Basis weiter ist als es den Oberen so recht ist.

In den letzten drei Jahren konnten wir konstruktive Gespräche mit katholischen Bischöfen und mit dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken führen. Es ist gelungen, altes Misstrauen auf beiden Seiten abzubauen. Seit zwanzig Jahren hat die HuK einen Info-Stand bei Katholikentagen, inzwischen sind weitere LSBTI-Gruppen mit eigenen Ständen vertreten.

Die Orientierungshilfe der Evangelischen Kirche Deutschlands „Zwischen Autonomie und Angewiesenheit“ von 2013 nimmt die Vielfalt biblischer und theologischer Erfahrungen ebenso ernst wie den Wandel heute existierender Formen von Zusammenleben. Die evangelische Kirche unterstützt diese Vielfalt von Lebensformen, spricht den Menschen Gottes Segen zu. Sie hat keine Angst vor dem Wandel – zumindest gilt das für eine Mehrheit in der evangelischen Kirche. Auch die Befragung aller Katholikinnen und Katholiken durch den Papst ist etwas Bahnbrechendes. So etwas gab es in den letzten Jahrhunderten nicht.

Weitere Informationen: huk.org

(RS)

 

 

Datum, 24 | 06 | 2014