Kiezreporter der Schulstation von Aufwind e.V. - Foto: Stefanie Lehmann Unionhilfswerk - Kindergartengruppe - Foto: Christiane Weidner Eine Breakdanceshow - Foto: Eberhard Auriga Kletterwald - Foto: Nachbarschaftsheim Schöne

Inklusive Berufsbildung – ein riskantes Experiment?

Zugang zur Jugendberufsagentur und Berufsschulen würde Menschen mit Behinderungen und der gesamten Gesellschaft helfen

Symbolbild Inklusion. Quelle: Pixabay

Symbolbild Inklusion. Quelle: Pixabay

Wenn man die Begriffe Inklusion und Berlin googelt, erhält man den Eindruck, dass Inklusion hauptsächlich etwas mit Grundschulen zu tun hat und ein „riskantes“ Experiment ist. Inklusion setzt ein Menschenrecht um, das Menschenrecht auf gleichberechtigte Teilhabe in allen Lebensbereichen. Und das soll ein „riskantes Experiment“ sein? Aber darum soll es in diesem Artikel nicht zuerst gehen, sondern konkret um das Recht auf inklusive Berufsbildung.

Dabei kommt dem Übergang von der Schule in den Beruf und die Berufsausbildung eine besondere Bedeutung zu, weil gerade hier wesentliche Weichen gestellt werden. Das hat auch der Paritätische Fachtag Wege in Arbeit für Menschen mit Behinderungen im Mai 2018 bestätigt. Doch erhalten alle Schülerinnen und Schüler Berlins eine Chance, ein Praktikum auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu absolvieren? Die Umsetzung der Berufsorientierung obliegt allein den Schulen, das ergab eine schriftliche Anfrage an den Berliner Senat im April 2018.

Doch können für Praktika auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt für alle die notwendigen Ressourcen – möglicherweise Fahrdienste und Assistenz – bereitgestellt werden? Begegnung ist der erste Schritt zur Inklusion. Es lohnt sich also, in diese erste Begegnung zu investieren. Und das meine ich nicht nur finanziell. Zum Thema (keine) Weichenstellung: Auch im Jahr 2018 ist es in Berlin noch so, dass Schülerinnen und Schüler mit den Förderschwerpunkten Lernen und Geistige Entwicklung, die an Förderschulen unterrichtet werden, keinen Zugang zur Jugendberufsagentur haben. 

Eine andere interessante Fragestellung wäre an dieser Stelle: Welche baulichen und technischen Voraussetzungen müssen die Standorte der Jugendberufsagentur erfüllen? Denn Barrierefreiheit ist die Voraussetzung für Inklusion.

Irgendwann ist es für alle Schülerinnen und Schüler so weit: Der Übergang von der Schule in die Berufsausbildung steht an. An dieser Stelle möchte ich auf zwei Möglichkeiten hinweisen, die berufliche Ausbildung inklusiver zu gestalten: Beschäftigte der Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM) absolvieren zwei Jahre berufliche Bildung und erhalten zum Abschluss in feierlichem Rahmen im Roten Rathaus ein Zertifikat. Das ist eine begrüßenswerte, wertschätzende Geste – sowohl der Werkstätten als auch des Senats von Berlin. Dieses Zertifikat wird nur leider bisher nicht auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt anerkannt. Hier muss es also weitergehen, zum Beispiel mit einer Verzahnung der WfbM mit beruflicher Bildung und den Berufsschulen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. Das ist übrigens auch eine langjährige Forderung der Werkstattbeschäftigten Berlins. 

Eine andere Möglichkeit wäre, das Budget für Arbeit, also einen dauerhaften finanziellen Zuschuss und personelle Begleitung, auch für den Berufsbildungsbereich der WfbM zu öffnen. Das sieht das Bundesteilhabegesetz bisher nicht vor.

Mit dem Budget für Arbeit ist ein erster Schritt getan, das Stigma „voll erwerbsgemindert“ = „nicht auf dem ersten Ausbildungs- oder Arbeitsmarkt einsetzbar“ aufzulösen. Dieser Weg muss konsequent weitergegangen werden und das wird nicht leicht. Dieser Weg erfordert, Begutachtungen, die eben nicht gut darauf achten, was ein Mensch kann und für welchen Betrieb des allgemeinen Arbeitsmarktes das eine Bereicherung sein kann, konsequent zu überdenken.

Schließen möchte ich mit dem Gedanken, dass unsere Arbeitswelt davon lebt, dass Menschen sich ständig weiterbilden, niemand kann davon ausgehen, dass eine einmal absolvierte Ausbildung für ein ganzes Berufsleben reicht. Das heißt, wenn wir die Gleichberechtigung behinderter Menschen tatsächlich ernst nehmen, müssen wir dafür sorgen, dass Fortbildungen barrierefrei und mit der entsprechenden Unterstützung möglich sind.

Das ist kein riskantes Experiment, sondern ein nachhaltiger Gewinn für die gesamte Gesellschaft.

Ulrike Pohl, Referat Menschen mit Behinderungen beim Paritätischen Berlin

(aw)

Datum, 18 | 02 | 2019