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„Ich hätte nie gedacht, dass einem so viele Steine in den Weg gelegt werden“

Arbeitsassistenz im Regenbogenhaus, einer Kinder- und Jugend-Freizeiteinrichtung von FiPP e.V.

Arbeitsassistenz ist eine Form der personellen Unterstützung für Menschen mit Behinderung am Arbeitsplatz auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. Es ist eine Hilfestellung bei der Arbeitsausführung; es geht dabei nicht um die Erledigung der vom schwerbehinderten Arbeitnehmer oder der Arbeitnehmerin zu erbringenden arbeitsvertraglichen Tätigkeit selbst. Auftraggeber der Arbeitsassistenz bleibt in jedem Fall der arbeitende Mensch mit Behinderung. Arbeitsassistenz ist eine Leistung des Integrationsamtes und wird aus Mitteln der Ausgleichsabgabe finanziert. Ausgleichsabgabe zahlen Betriebe, die weniger als jeden 20. Arbeitsplatz mit einem schwerbehinderten Menschen besetzen. Die Ausgaben für die Arbeitsassistenz sind seit 2013 im Land Berlin stetig gestiegen, die Einnahmen des Landes Berlin aus der Ausgleichsabgabe allerdings auch.

Drei Stimmen aus dem Regenbogenhaus erzählen vom langen und kräftezehrenden Weg, bis die Arbeitsassistenz von Annika Stobernack endgültig bewilligt wurde. Wir erfahren, ob sich die Mühe gelohnt hat und wie es den Beteiligten jetzt damit geht.

Annika Stobernack, Sozialpädagogin mit Arbeitsassistenz: „Ihr habt mein Leben vor euch“

Zum Regenbogenhaus kam ich durch Mister Zufall. Ich wollte eigentlich zu einer Einrichtung, die sich im Obergeschoss befindet. Dann irrte ich mich in der Tür und war im Regenbogenhaus. Ich habe mich gleich verliebt in die normale Art der Kolleginnen und Kollegen. Es war diese nicht diskriminierende, maßlose Normalität, der direkte Augenkontakt, was sehr schön war. Das hast du nicht überall, denn diskriminierende Erfahrungen begleiten mich sonst auf Schritt und Tritt.

Erst ein paar Monate später habe ich mich beworben und hatte Glück. Ich konnte im Regenbogenhaus anfangen. Ich arbeite seitdem im offenen Bereich, hier kommen Kinder nachmittags unabhängig von speziellen Angeboten hin, hier können sie kickern, Billard spielen, Hausaufgaben machen, quatschen und streiten.Die Zeit bis zur Bewilligung meiner Arbeitsassistenz durch das Integrationsamt hätte ich ohne die Unterstützung meiner Kolleginnen, Kollegen und meiner Chefin Anett Hauf nicht überstanden. Die Bewilligung dauerte knapp ein Jahr und meine Stelle war auch an die Arbeitsassistenz gekoppelt.

Als die Bewilligung endlich erteilt war, kam für mich persönlich der Hammer hinterher: Die Arbeitsagentur legte Widerspruch ein. Das war heftig. Ihr feilscht um Stunden und Euros und habt doch mein Leben vor euch. Da war ich an dem Punkt angekommen zu sagen: „Ihr könnt mich doch alle mal! Dann bleib ich eben zuhause, bekomme Geld vom Staat und habe es viel bequemer.“ Schön war, dass mich alle unterstützten, sie ertrugen meine Tränen und sagten: „Komm, jetzt schaffen wir das auch noch!“

Die ersten Erfahrungen mit den Kindern waren Wahnsinn für mich. Erst dachte ich: „Na, die werden mich an der kurzen Leine halten, um niemanden zu überfordern.“ Aber ich konnte alles austesten mit den Kindern. Anett Hauf war immer in Reichweite, gab mir Sicherheit und war da, wenn ich etwas benötigte. Es gab zu Beginn auch Kinder, die vor mir wegliefen. Klar, das macht erstmal Angst, ein Ding, das auf einen zufährt und eine Kiste, die spricht.

Ich vertrete die Haltung, Kinder können mich alles fragen. Denn nur, wenn ich mit meiner Behinderung offen umgehe, kann das Kind ein Aha-Erlebnis haben und diese Erfahrungen eventuell woanders nutzen. Diskriminierende Situationen kommen doch oft daher, weil viele Menschen keine Berührung mit anders seienden Personen haben. Meine liebsten Fragen sind, „Wohnst du im Regenbogenhaus?“, „Schläfst du im Rolli?“ und natürlich auch „Wie gehst du auf Toilette?“. Fragen ja, ausprobieren, nein. Zum Beispiel möchte ich nicht, dass die Kinder mit meinem Sprachcomputer spielen. Dann sage ich: „Das ist meine Stimme. Ich spreche ja auch nicht mit deiner Stimme.“

Silke Titel, Mitarbeiterin: „Ich war sprachlos“

Wir haben bisher bei FiPP e.V. keine Mitarbeitenden mit ähnlichen Einschränkungen, insofern war die Einstellung von Annika Stobernack Neuland für uns. Den Antrag auf Bewilligung einer Arbeitsassistenz  hat Annika verfahrensgerecht im August 2016 gestellt. Dann hat es bis Anfang 2017 gedauert, bis eine Begehung und Begutachtung durch den Integrationsfachdienst stattgefunden hat. Im Frühjahr haben wir dann die Information bekommen, dass eine Begründung für eine Arbeitsassistenz nicht vorläge, was uns mehr als erstaunte. Alternativ wäre eine sogenannte personelle Unterstützung möglich, die jedoch so gering ist, dass Annika ihre Tätigkeit bei uns als Sozialpädagogin hätte beenden müssen.

Unsere gemeinsame Entscheidung lautete: Wir geben nicht auf und setzen uns weiter für Annika als Mitarbeiterin und die notwendige Arbeitsassistenz ein. Doch ab da wurde der Ball immer wieder zwischen den einzelnen Stellen hin- und hergeschoben. Es war schon sehr schwierig, zielführende Beratung zu erhalten. Selbst die zuständige Sachbearbeiterin konnte teilweise keine eindeutigen Aussagen machen. Darum sind wir mehrgleisig gefahren, haben uns im Paritätischen Wohlfahrtsverband beraten lassen, und Annika hat einen Rechtsanwalt hinzugezogen. Endlich folgte dann im Juni 2017 der Beschluss durch das Sozialgericht, die Arbeitsassistenz sei im vollen Umfang zu gewähren. Doch die Bundesagentur legte sofort Widerspruch ein. Erst vor dem Landessozialgericht wurde im Juli 2017 abschließend geklärt:  Die Arbeitsassistenz wird im beantragten, das heißt für Annika notwendigen Umfang genehmigt und die Kosten sind zu erstatten.

Als Arbeitgeber wollen wir Inklusion bei uns bewusst weiterentwickeln. Darum haben wir Annika Stobernack so in unser Bewerbungsverfahren genommen, wie wir es mit jeder anderen Bewerberin und jedem anderen Bewerber machen. Alle Beteiligten, von Geschäftsführung über die Fachbereiche bis zur Personalabteilung, haben an einem Strang gezogen. Dass der Weg sich so lange hinzog und bis vor das Landessozialgericht führte, macht mich heute noch sprachlos. Ich hätte nie gedacht, dass einem so viele Steine in den Weg gelegt werden.

Unserer Ansicht nach ist die Arbeitsassistenz ein notwendiges Instrument und ermöglicht es, dass Annika Stobernack trotz ihrer körperlichen Behinderung die Tätigkeit als Sozialpädagogin vollumfänglich ausüben kann.

Anett Hauf, Hausleiterin: „Miteinander ist das Zauberwort“

Bei der Einstellung unserer Mitarbeiterin Annika Stobernack und der Beantragung der Arbeitsassistenz stellte sich für uns gar nicht die Frage, ob diese bewilligt wird oder nicht, sondern wie schnell die Bewilligung kommt. Für uns lag einfach auf der Hand, dass sie eine Arbeitsassistenz braucht. Doch wir stellten schnell fest, dass das gar nicht so klar ist. Darüber hinaus war die Beantragung für uns ein sehr undurchsichtiges Verfahren, das bei mir und im Team viel Zeit und Energie gebunden hat. Das war für mich sehr verunsichernd und zermürbend.

Aber ich habe auch schnell bemerkt: Annika Stobernacks Arbeit bringt eine ganz eigene Qualität ins Regenbogenhaus. Sie bewirkt eine Art Entschleunigung bei den Kindern, das ist wunderbar. Egal, wie aufgewühlt die Kinder sind, sie müssen ruhig werden, um ihr zuzuhören und mit ihr in Kontakt gehen zu können. Das ist eine sehr wertvolle Qualität, die kann niemand anderes von uns leisten. Ich beobachte auch, dass die Kinder im Umgang mit Annika eine hohe Sensibilität und Empathie in Bezug auf ihr Handicap entwickeln. Die Kinder haben im Blick, wo liegt jetzt hier was herum, wo muss der Weg für Annika frei gemacht werden. Sie sind plötzlich sehr viel aufmerksamer und rücksichtsvoller.

Ich kann mich erinnern, zu Beginn war es für mich auch eine ungewohnte Situation. Ich war nicht besonders locker und entspannt. Ich ertappte mich, stärker gestikulierend, lauter und deutlicher sprechend und schließlich mir klar werdend: Das brauchst du doch überhaupt nicht. Es ist wichtig, immer das Signal zu geben, du kannst mich ansprechen, wenn du Hilfe brauchst, ohne dabei zu aufdringlich zu werden.
Das Team hat es mir und Annika sehr leicht gemacht: Miteinander ist das Zauberwort!

Mehr Infos zum Regenbogenhaus finden Sie unter: www.fippev.de/regenbogenhaus

Fotos und Text: Tim Zülch

(rs)

Datum, 21 | 03 | 2018