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Gleichberechtigung und Teilhabe ermöglichen

Beschäftigungsförderung für Menschen mit Beeinträchtigungen und/oder multiplen Vermittlungshemmnissen

Ulrike Pohl, Referentin des Paritätischen, beim Einrichtungsbesuch mit drei weiteren Personen

Beim Besuch einer Paritätischen Mitgliedsorganisation

In den verschiedenen Parteiprogrammen manifestiert sich die Entwicklung von Sozialunternehmen und Integrationsfirmen am Arbeitsmarkt für die Beschäftigung von arbeitsmarktfernen Zielgruppen beziehungsweise Menschen mit multiplen Vermittlungshemmnissen.

Konkurrenzfähig: Integrationsfirmen

Integrationsfirmen haben einen Anteil von schwerbehinderten Mitarbeitenden zwischen 25 und 50 Prozent. Deutschlandweit gibt es rund 700 Integrationsfirmen. Sie agieren auf demselben Markt wie alle anderen Unternehmen auch, in den verschiedensten Branchen, zum Beispiel im Handwerk, Garten- und Landschaftsbau, in der Gastronomie oder im Bereich Industriedienstleistungen. Auch sie müssen wirtschaftlich erfolgreich sein und sich im freien Wettbewerb des Marktes behaupten. Ihr primäres Ziel ist dabei die Schaffung von möglichst dauerhaften Arbeitsplätzen für besonders betroffene schwerbehinderte Menschen. Integrationsfirmen werden aus Mitteln der Ausgleichsabgabe nach Paragraf 134 SGB IX gefördert.

Der Paritätische Gesamtverband hatte gemeinsam mit dem Berliner Landesverband am 5. August 2015 wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie Fraktionsreferentinnen und -referenten der Koalitionsfraktionen zu Einrichtungsbesuchen bei Paritätischen Mitgliedsorganisationen eingeladen, um sich über die Herausforderungen bei der Beschäftigung und Qualifizierung von beeinträchtigten Personen zu informieren.

Nach der Sucht zurück auf den Arbeitsmarkt

Bei Vorortterminen in der Qualifizierungs- und Ausbildungstischlerei des Anti Drogen Vereins e. V. (ADV) und dem Ausbildungs- und Qualifizierungsprojekt im Gastronomiebereich „Roter Elefant“ im Bürgerzentrum Neukölln des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Berlin lernten die Anwesenden das Konzept des ADV e. V. zur erfolgreichen Integration von Rehabilitanden kennen. Das Angebot richtet sich an Langzeitarbeitslose mit mehrfachen Suchtproblemen.

Gerhard Schmidt-Burda, Geschäftsführer des ADV e. V., benennt als Erfolgskriterium für eine erfolgreiche Integration der Rehabilitanden:

  • eine umfangreiche Begleitung der Umschüler/innen während der Qualifizierung
  • moderne Arbeitswerkzeuge
  • attraktive Werkstattbedingungen und
  • eine Vorqualifikation als Orientierungsphase

ADV wendet teilweise einen Betreuungsschlüssel von 1:8 für die zu Qualifizierenden auf. Das alles kostet viel Geld und Zeit und kann nicht durch kurzzeitige Programme und Maßnahmen bewerkstelligt werden. Die Nutzung von Mitteln des Europäischen Sozialfonds und die Inanspruchnahme von Wirtschaftsförderungen sind unverzichtbar für die Gestaltung nachhaltiger berufsorientierender Qualifizierungen. Selbst die fehlende Zertifizierung der Berliner Berufsschulen nach Akkreditierungs- und Zulassungsverordnung Arbeitsförderung (AZAV), eine der Bedingungen zur Förderung der Maßnahmen durch den SGB II- und III-Träger, musste der Verein kompensieren. Statt des Besuchs der kommunalen Berufsschule werden die zukünftigen Tischlerinnen und Tischler nun durch zwei eigene Pädagogen auf die Prüfung bei der IHK vorbereitet. Das hat zwei Seiten: Die dualen Anteile der Ausbildung bleiben in einer Hand, die Rehabilitanden haben jedoch keine Möglichkeit, sich mit anderen Auszubildenden auszutauschen.

Die eigene Belastbarkeit ausprobieren

Die ajb GmbH bietet Zuverdienstmöglichkeiten in den Bezirken Friedrichshain-Kreuzberg, Treptow-Köpenick und Neukölln an. Zuverdienst ist Teil der gemeindepsychiatrischen, kommunalen Pflichtversorgung. Das Angebot richtet sich an Menschen mit Psychiatrieerfahrung oder psychischen Beeinträchtigungen, die wieder arbeiten wollen. Trotz dieses Ansatzes wurde die ajb GmbH bisher nicht als Integrationsunternehmen anerkannt. Besucht wurde die Wäscherei am Moritzplatz.

In bis zu 15 Stunden pro Woche können Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen die eigene Belastbarkeit und Fähigkeiten ausprobieren und sich etwas dazuverdienen (zur Sozialhilfe, Erwerbsminderungsrente, Arbeitslosengeld I und II oder einem anderen Grundeinkommen). Weil es sich beim Zuverdienst um keine sozialversicherungspflichtige Tätigkeit handelt, haben die Zuverdienstlerinnen auch keinen Anspruch auf begleitende Maßnahmen wie Weiterbildungen, Qualifizierungen oder andere Leistungen zur beruflichen Eingliederung, auf die erwerbsfähige Personen mit Arbeitnehmerstatus einen Anspruch haben. Gleiches gilt für den Minderleistungsausgleich, den Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber in Anspruch nehmen können. Eine Öffnung dieser begleitenden Hilfen im Arbeitsleben auch für beeinträchtigte Menschen im Zuverdienstsektor würde in vielen Fällen die Chancen auf Erweiterung der beruflichen Fähigkeiten und damit auch auf Erweiterung der Teilhabe am Arbeitsmarkt erhöhen.

Gesetzliche Rahmenbedingungen schwierig

Ein anderes Problem für Menschen mit psychischen Erkrankungen oder psychosozialen Behinderungen ist die aufgesplitterte Zuständigkeit für Teilhabeleistungen in unterschiedlichen Sozialgesetzbüchern – SGB II, IX und XII – je nachdem, für wie erwerbsfähig diese Menschen eingeschätzt werden. In dieser Beschäftigungspyramide hat ajb die unterschiedlichen Zuständigkeiten und Leistungen für Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen zusammengefasst, auch nachzulesen im Abschlussbericht des Projektes Cosmos.

Diese schwierige Gesetzeslage ist sicher auch ein Grund dafür, dass derzeit wieder verstärkt Menschen mit Beeinträchtigungen Berentungen empfohlen werden, die dann den begonnenen Weg der (Wieder)eingliederung in den Arbeitsmarkt beenden, so die Erfahrung der Geschäftsführerin der ajb GmbH.

Ein weiterer Haken aus Sicht der Zuverdienstler ist die geringe Entlohnung für die zum Teil körperlich schwere Arbeit, z. B. an der Heißmangel, von der wir uns überzeugen konnten. Die Zuverdienstler verdienen 1,50 Euro pro Stunde, d. h. ihr durchschnittlicher Hinzuverdienst beträgt bei zwei Vormittagen Arbeitsleistung pro Woche 36,00 Euro im Monat.

Erwerbstätigkeit bedeutet Teilhabe

Ein eigenes Einkommen aus Erwerbstätigkeit erzielen zu können, ist ein hoher Wert und eine Voraussetzung für gleichberechtigte Teilhabe, das wurde uns in allen drei Projekten sowohl von den Teilnehmenden als auch von den Fachkräften bestätigt.

Hier stehen wir – auch europaweit – noch am Anfang eines langen Weges. So verfügen innerhalb der Europäischen Union nur 38 Prozent der Menschen mit Behinderungen zwischen 16 und 34 Jahren über ein eigenes Erwerbseinkommen.

Hier wären

  • ein deutliches politisches Signal für den Vorrang der Teilhabe
  • eine Vereinfachung der Zuständigkeiten für Teilhabeleistungen
  • mehr Anreize innerhalb der Verwaltung für die Gewährleistung von Teilhabe
  • eine Flexibilisierung des Erwerbsfähigkeitsbegriffs sowie
  • mehr Durchlässigkeit der Systeme

richtige Schritte für mehr Teilhabe am Arbeitsleben.

Ulrike Pohl, Referentin Menschen mit Behinderungen, Paritätischer Berlin                          
Markus Pleyer, Beirat im Jobcenter Berlin, Geschäftsstelle Bezirke des Paritätischen Berlin

(Pe)


   

Datum, 10 | 08 | 2015