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„Es gibt nur eins, was auf Dauer teurer ist als Bildung: keine Bildung“

Der John F. Kennedy zugeschriebene Satz gilt immer noch, sagt Dr. Andrä Wolter. Der Professor i.R. für Hochschulforschung an der Humboldt-Universität zu Berlin und Mitglied der Autorengruppe des Nationalen Bildungsberichts mit einer Bilanz der Bildungsentwicklung in Deutschland.

Prof. Dr. Andrä Wolter am Rednerpult

Prof. Dr. Andrä Wolter, Foto: Privat

In den letzten Jahrzehnten haben sich im deutschen Bildungssystem erhebliche Veränderungen vollzogen. Dies gilt ebenso für die Strukturen und Institutionen wie für die Bildungsentscheidungen von Eltern und ihren Kindern. Ein seit Jahrzehnten zu beobachtender Trend besteht darin, dass die Strukturen des Bildungssystems vom Bildungsverhalten der Bevölkerung gleichsam überrollt werden. Im Schulbereich ist das Gymnasium seit beinahe 20 Jahren zur am stärksten nachgefragten Einrichtung geworden – von der Elite- zur Normalschule. Die Mehrzahl der Jugendlichen schließt die Schulzeit heute mit einer Studienberechtigung ab, die nicht mehr nur am Gymnasium, sondern an einer Vielzahl von Schulformen erworben werden kann.

Die Hauptschule, einst die von der großen Mehrzahl der Jugendlichen besuchte Schulform, hat inzwischen bei Eltern, Jugendlichen und Arbeitgebern jede Akzeptanz verloren und ist in den meisten Ländern als eigenständige Schulform abgeschafft worden. Aus einer der heiligen schulpolitischen Kühe, dem insbesondere von konservativer Seite hochgehaltenen dreigliedrigen Schulsystem, ist in der großen Mehrzahl der Länder inzwischen ein zweigliedriges System geworden, in dem eine – unter unterschiedlichen Bezeichnungen geführte – Schulform neben dem Gymnasium steht. Beide Entwicklungen zeigen sich auch in Berlin: 2014 haben hier 57 Prozent der Schulabgängerinnen und -abgänger die (Fach-)Hochschulreife erworben. Und Berlin hat seit einigen Jahren mit Gymnasium und integrierter Sekundarschule ein zweigliedriges Schulsystem etabliert.

Dieser deutliche Wandel in der Bildungsbeteiligung hat längst auch das postschulische Qualifizie-rungssystem erreicht. Auffällig ist hier die Verlagerung der Ausbildungswünsche und -entscheidungen von der beruflichen Bildung zur Hochschule. Seit einigen Jahren ist die Zahl der Studienanfängerinnen und -anfänger  – unter Einschluss der internationalen Studierenden, die mit einer Studienaufnahme in Deutschland anders als früher immer häufiger eine Zuwanderung in den deutschen Arbeitsmarkt verbinden – höher als die Zahl der Neuzugänge in die betriebliche Berufsausbildung, die ja traditionell als das Rückgrat des Industriestandorts und der wirtschaftlichen Stärke Deutschlands gilt. Diese Entwicklung hat zu Engpässen bei Fachkräften mit betrieblicher Berufsausbildung geführt. Dem steht jedoch eine hohe Zahl von Jugendlichen gegenüber, die keinen Zugang zur Berufsausbildung erhalten und in den Übergangssektor einmünden. Der Anteil der Jugendlichen, die eine Ausbildung im Schulberufssystem beginnen, das insbesondere für Sozial-, Erziehungs- und Gesundheitsberufe von Bedeutung ist, bleibt in etwa gleich.

Diese Umschichtung in der Bildungsnachfrage ist primär eine Folge des steigenden Anteils der Stu-dienberechtigten in den jüngeren Alterskohorten, der vorrangig auf drei Faktoren zurückzuführen ist: die größere institutionelle Durchlässigkeit des deutschen Schulsystems, insbesondere an den Übergangsstellen, zum Beispiel nach der Grundschule oder zur gymnasialen Oberstufe, die sehr gute Situation von Hochqualifizierten auf dem Arbeitsmarkt und die mit einem Studium verbundenen überdurchschnittlichen Bildungserträge. Wie der neue Nationale Bildungsbericht zeigt, liegen die statistisch ausweisbaren durchschnittlichen Bildungserträge in der Gruppe der Erwerbstätigen mit Hochschulabschluss deutlich über denen aller anderen Qualifikationsgruppen, bei einigen Unterschieden nach Fachrichtung oder Beruf. Entgegen vielen pessimistischen Arbeitsmarktszenarien hat das starke Wachstum des akademisch qualifizierten Arbeitsmarktsegments bislang, von einigen Studienfachrichtungen abgesehen, keineswegs zu der oft prognostizierten Entwertung höherer Qualifikationen geführt.

Das starke Wachstum weiterführender Bildungsgänge im Schulbereich und der Hochschulausbildung zeigt eine formale Höherqualifizierung der jungen Bevölkerung an. Diese Entwicklung ist grundsätzlich bildungs- und arbeitsmarktpolitisch intendiert. Sie hat jedoch eine Schattenseite, nämlich eine deutliche soziale Polarisierung der Bildungschancen. Während gut die Hälfte der jungen Bevölkerung zu den Gewinnern der Bildungsexpansion zählt, findet sich auf der anderen Seite ein relativ stabiler Anteil von – je nach betrachtetem Indikator – zehn bis 20 Prozent, deren Situation sich am besten mit dem Begriff der Bildungsarmut umschreiben lässt: Sie verfügen über keine oder nur die niedrigsten Abschlüsse, und sie weisen in den wichtigen Kompetenzfeldern massive Defizite auf. 

Die Zugehörigkeit zu dieser Gruppe hängt mit den bekannten Risikofaktoren zusammen: Herkunft aus einer Familie mit ungünstigen Bildungsvoraussetzungen und/oder Zuwanderungsbiographie. Nach wie vor gilt in Deutschland in einem nur geringfügig gesunkenen Ausmaß: Das familiäre Bil-dungskapital ist die wichtigste Ressource für eine erfolgreiche Bildungslaufbahn. Und die Benachteiligung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund ist oft primär auf ihre sozioökonomische Situation, nicht ihren kulturellen oder ethnischen Hintergrund zurückzuführen. Hier zeigt sich, dass die größere institutionelle Durchlässigkeit im deutschen Bildungssystem noch nicht zu einer größeren sozialen Durchlässigkeit geführt hat. In Berlin ist der Anteil der Kinder und Jugendlichen, die in einer kulturellen oder sozioökonomischen Risikolage aufwachsen, nach Bermen sogar der zweithöchste im Bundesgebiet.

Die wachsende Bildungsbeteiligung, die sich in erster Linie in dem seit den 1950er Jahren relativ kontinuierlich gestiegenen Anteil der Studienberechtigten und der Studienanfängerinnen und -anfänger niederschlägt, ist in der letzten Zeit oft als Akademisierungswahn kritisiert worden. Wie sich an den monetären und nichtmonetären Bildungserträgen zeigen lässt, sind jedoch nicht die Hochschulabsolventinnen und -absolventen die Problemgruppe des deutschen Arbeitsmarktes, sondern die etwa 15 bis 18 Prozent Personen in den verschiedenen Alterskohorten, die über keinen Berufsabschluss verfügen und die Kerngruppe derjenigen bilden, die von prekären Beschäftigungsverhältnissen oder Arbeitslosigkeit und deren langfristigen sozialpolitischen Folgen betroffen sind. In Deutschland gibt es zurzeit kein Problem einer Über-, sondern eines der Unterqualifikation und des zwar noch nicht generellen, aber sektoralen und berufs- beziehungsweise fachspezifischen Fachkräftemangels.  

Ein zweiter Aspekt von Akademisierung betrifft die sukzessive Etablierung von Ausbildungsgängen im (Fach-)Hochschulbereich, die traditionell eher im (Berufs-)Fachschulbereich angesiedelt sind. Dies ist zum Beispiel bei den Erziehern/innen, bei den nichtärztlichen Gesundheits- und in Sozialberufen, auch in manchen kaufmännischen und technischen Bereichen zu beobachten. Oft geschieht dies in Form dualer Studiengänge, um den Praxisbezug der Ausbildung zu erhalten. Entgegen der Behauptung, diese Verlagerung sei nur ein Resultat falschen Anspruchs- und Statusdenkens, ist diese Entwicklung primär eine Folge der in vielen Berufen gestiegenen Qualifikationsanforderungen. So haben etwa Erzieherinnen und Erzieher heute neben ihren herkömmlichen Betreuungsaufgaben neuartige komplexe diagnostische, sprach- und förderpädagogische Aufgaben zu erfüllen.

So bleibt festzuhalten, dass eine wichtige bildungspolitische Aufgabe darin besteht, das deutsche Bildungssystem auf allen Ebenen – von der frühkindlichen Erziehung über die Schule und die post-schulische Ausbildung – auf die Herausforderungen des wissensgesellschaftlichen Wandels von Arbeit und Beschäftigung einzustellen, was auch mit einem deutlich steigenden Weiterbildungsbedarf einhergeht. Zwar wird es unter den Bedingungen einer offenen Gesellschaft und staatlich nicht regulierter, freizügiger Bildungsentscheidungen sowie eines nichtplanbaren volkswirtschaftlichen Arbeitskräftebedarfs keine harmonische Abstimmung zwischen Qualifikationsbedarf und -angebot geben. Das größere Problem in Deutschland ist aber der zu hohe Anteil der Geringqualifizierten, der dem nachhaltig veränderten Fachkräftebedarf auf allen Qualifikationsebenen widerspricht, und die anhaltenden sozialen Disparitäten in der Teilnahme an Bildung. Von daher gilt immer noch uneingeschränkt der John F. Kennedy zugeschriebene Satz: „Es gibt nur eins, was auf Dauer teurer ist als Bildung: keine Bildung.“ 

Den Nationalen Bildungsbericht finden Sie hier.

(rs)

Datum, 22 | 02 | 2019