Kiezreporter der Schulstation von Aufwind e.V. - Foto: Stefanie Lehmann Unionhilfswerk - Kindergartengruppe - Foto: Christiane Weidner Eine Breakdanceshow - Foto: Eberhard Auriga Kletterwald - Foto: Nachbarschaftsheim Schöne

„Es gibt endlich ein politisches Interesse an bürgerschaftlichem Engagement“

Kategorie: Fünf Fragen, Bürgerengagement, Ältere Menschen

Fünf Fragen an Dr. Susanna Kahlefeld, Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus

Susanne Kahlefeld

Susanne Kahlefeld; Foto: Bündnis90/Die Grünen

Dr. Susanna Kahlefeld hat 1999 an der Freien Universität Berlin in Philosophie promoviert. Seitdem hatte sie diverse Lehraufträge an der FU Berlin inne, seit 2000 ist sie Dozentin für Deutsch als Zweitsprache.
Für Bündnis 90/Die Grünen ist Susanna Kahlefeld seit 2011 im Berliner Abgeordnetenhaus. Sie ist unter anderem Vorsitzende des Ausschusses für Bürgerschaftliches Engagement. Die Fragen stellte Nina Peretz.

Seit wann gibt es den Ausschuss für bürgerschaftliches Engagement im Berliner Abgeordnetenhaus und womit hat er sich schwerpunktmäßig bisher beschäftigt?

Dr. Susanna Kahlefeld: Der Ausschuss tagte am zweiten September 2013 das erste Mal, damals noch unter dem Vorsitz meines Fraktionskollegen Martin Beck. Mittlerweile sind wir bei der 22. Sitzung: Was wir bisher getan haben? Jede zweite Sitzung findet außerhalb des Abgeordnetenhauses statt, um die Bedingungen für Freiwilliges Engagement vor Ort zu besuchen. Das freiwillige Engagement der Berlinerinnen und Berliner ist enorm vielfältig. Am 18. Januar haben wir die Berliner Bahnhofsmission besucht – ein wichtiger Termin, besonders zu dieser Jahreszeit. Wir waren bei der Feuerwehr, aber auch auf dem Rathausturm Neukölln, um uns die Arbeit der Freifunker erklären zu lassen, die seit Jahren hochprofessionell und ehrenamtlich Einrichtungen mit kostenlosem Internetzugang versorgen. Davon profitieren Senioreneinrichtungen ebenso wie Flüchtlingsunterkünfte. Wir haben uns die Beratung von selbstmordgefährdeten Jugendlichen durch Jugendliche vorstellen lassen, aber auch über Strukturen und Grundsatzpapiere wie die Charta für Bildung der Landesarbeitsgemeinschaft diskutiert. Die Vielfalt und die Qualität des freiwilligen Engagements werden in den Tagesordnungen deutlich. Deutlich wird aber auch, dass es an allen Ecken und Enden an Unterstützung durch den Senat fehlt: Unsere Verwaltung ist nicht eingestellt auf die Zusammenarbeit mit Freiwilligen, Förderstrukturen sind mühsam, Entschädigungen und Fahrtgeld ein Problem…Da kommt sehr viel zusammen.

Welche Motive haben ältere Menschen, sich ehrenamtlich zu engagieren?

Dr. Susanna Kahlefeld: Nach meiner Erfahrung ist das sehr unterschiedlich. Es gibt ganz viele Menschen, die ihr Leben lang engagiert waren, in einem Verein oder auch an immer neuen Orten, und die im Engagement älter geworden sind. Für sie gehört das zu einem aktiven Leben, sie sind am Gemeinwohl interessiert und haben wohl auch Freude am Zusammensein und an dem Einfluss, den jede und jeder hat, der sich einmischt. Sei es in der Pflege, im Sport oder einem Bildungsprojekt. Andere fangen erst nach der Berufstätigkeit, oder wenn die Ansprüche der Familie nicht mehr so groß sind, an, sich zu engagieren. Nochmal etwas tun, wozu man vorher nie Zeit hatte. Oder einen dringenden Bedarf erkennen und dann aktiv werden, z.B. in der Betreuung und Begleitung oder in der Hausaufgabenhilfe.

Was müsste in Berlin geschehen, um das bürgerschaftliche Engagement von älteren Menschen weiter zu unterstützen?

Dr. Susanna Kahlefeld: Einfach gesagt: Die Unterstützung muss so vielseitig sein wie das Engagement selbst. Fahrtgelder sind ein Problem für Menschen mit einer kleinen Rente. Der Senat könnte für den kleinen Preis eines Fahrscheins die wertvolle Zeit und den Einsatz eines Menschen für die Belange der Stadt gewinnen. Wichtig sind aber auch Räume, eine an der Situation älterer Menschen orientierte Ehrenamtsbegleitung und Koordination. Das ist in den Bezirken sehr unterschiedlich organisiert. Da kann sicher noch viel mehr geschehen.

Welche Überlegungen hat der Ausschuss, um die Anerkennungskultur bei älteren Menschen zu fördern?

Dr. Susanna Kahlefeld: Wir arbeiten derzeit an einer neuen Gestaltung der Ehrenamtskarte: Geplant ist, dass es zukünftig verschiedene Typen von Ehrenamtskarten geben soll. Eine, mit der eher kulturelle Angebote vergünstigt werden, eine, die Vergünstigungen für Freizeitangebote enthält usw. Dabei wird hoffentlich auch ein Anteil mit BVG-Karten sein, so dass wir künftig mit der Anerkennung, die die Karte bedeutet, auch den Interessen und Bedürfnissen der Ehrenamtlichen besser entsprechen können.

Mit welchen Indikatoren ist Ihrer Meinung nach ehrenamtliche Arbeit messbar?

Dr. Susanna Kahlefeld: Man kann natürlich die von Freiwilligen geleistete Arbeit nach Qualifikation und Zeitumfang wie eine bezahlte Arbeit ansetzen und ihren Wert dann anhand des Honorars errechnen, das nötig wäre, diese Arbeit zu bezahlen. Dann kommt man auf astronomische Summen. So würde ich das dennoch nicht machen. Und zwar, weil der Wert freiwilligen Engagements für die Gesellschaft noch viel größer ist als diese Summe. Wer sich engagiert, weiß, wo es brennt, wo etwas fehlt, was andere brauchen. Engagement ist innovativ und bringt uns gesellschaftlich voran. Außerdem ist unbezahlte Arbeit unabhängig und frei. Wenn ich keinen Chef habe, dann gestalte ich mein Engagement in Absprache mit der Gemeinschaft, in der ich mich engagiere, so, wie ich das möchte – sei es ein Verein, ein Krankenhaus, eine Schule oder eine Initiative. Ich kann aus- und einsteigen, ich kann Veränderungen anregen und neue Ideen umsetzen. Das ist unbezahlbar.

Ich vermisse diese Freiheit, weil ich mich aus vielen Initiativen zurückziehen musste, seit ich im Abgeordnetenhaus bin, denn es fehlt mir die Zeit. Aber ich habe immer noch Ideen für Projekte und Initiativen und würde gern wieder loslegen, Mitstreiterinnen und Mitstreiter suchen und etwas aufbauen. Ich bin begeistert von der gut organisierten und verlässlichen Arbeit der Flüchtlingsinitiativen. Außer dem, was sie für die Geflüchteten leisten, haben sie auch unsere Gesellschaft wärmer und herzlicher gemacht und unser Bild in der Welt enorm verbessert. Das ist mit nichts zu bezahlen. Ich habe derzeit den Eindruck, dass auch die anderen Bereiche ehrenamtlicher Arbeit von dieser Anerkennung profitieren, denn es gibt dadurch endlich eine Öffentlichkeit und ein politisches Interesse an bürgerschaftlichem Engagement. Diese Gunst der Stunde sollten wir für längerfristige Verbesserungen, zum Beispiel die Erarbeitung einer Engagementstrategie für Berlin, nutzen. Dafür setze ich mich ein.

Das  Interview mit Dr. Susanna Kahlefeld ist Teil des Themenhefts der Fachgruppe ‚Ältere Menschen‘, das der Paritätische im Frühjahr 2016 herausgibt.

Datum, 04 | 02 | 2016