Kiezreporter der Schulstation von Aufwind e.V. - Foto: Stefanie Lehmann Unionhilfswerk - Kindergartengruppe - Foto: Christiane Weidner Eine Breakdanceshow - Foto: Eberhard Auriga Kletterwald - Foto: Nachbarschaftsheim Schöne

Engagement hat viele Gesichter

250 Aktionen, 13 Partner und tausende Freiwillige machten den Berliner Freiwilligentag zu einem besonderen Erlebnis

Aufräumaktion im Nachbarschaftshaus Orangerie des Kiezspinne e.V.; Foto: Günter Rehfeld

Abdul Ghafar trägt große, bunte Polster ins Freie und platziert sie auf dem Holzgestell im Hof. Aus groben Paletten wird eine gemütliche Sitzgelegenheit. Die Polster passen perfekt – kein Zufall, denn Abdul Ghafar hat sie extra für diesen Zweck hergestellt und die Bezüge maßgeschneidert. In seiner Heimat, dem afghanischen Kundus, hat er viele Jahre als Schneider gearbeitet. Jetzt freut er sich, dass er  seine Fähigkeiten anwenden und zur Verschönerung der Unterkunft für Geflüchtete beitragen kann. Noch lieber würde er in einer Schneiderei arbeiten. „Aber das ist schwierig, ich habe keine Ausbildung gemacht, sondern das Schneidern einfach so gelernt", erklärt er.

So ist er also erst einmal hier in der Flüchtlingsunterkunft aktiv. Was „Ehrenamt" bedeutet, das hat Abdul schon verinnerlicht. Vielleicht weil ehrenamtliches Engagement beim Unionhilfswerk, dem Träger der Flüchtlingsunterkunft, großgeschrieben wird. Beim Berliner Freiwilligentag dabei zu sein, ist für die Organisation eine Ehrensache. Und so stellen die Einrichtungen des Unionhilfswerk 14 der insgesamt 250 Mitmach-Aktionen, die am 8. und 9. September in der ganzen Stadt stattfinden. In der Unterkunft in der Treskowstraße bauen rund 20 freiwillige Helferinnen und Helfer Hochbeete im Hof des Gebäudes. Sie schleppen säckeweise Erde herbei, befüllen die Holzkästen und pflanzen Sträucher und Blumen. „Mit Pflanzen zu arbeiten und Natur um sich zu haben, das tut Menschen einfach gut", sagt Vivien Hein. Sie hat aus einem Zeitungsartikel von der Mitmach-Aktion erfahren und sich daraufhin gemeldet. Einen Garten in einem Flüchtlingsheim zu errichten, noch dazu in der eigenen Nachbarschaft, das findet die Gartentherapeutin eine tolle Idee – daher hat sie sich entschieden, hier mit anzupacken.“

„Die Sitzbänke haben wir im Rahmen unseres Männercafés gebaut", berichtet Ralf-René Gottschalk, Freiwilligenkoordinator der Gemeinschaftsunterkunft. Er steht in Hemd und Anzugshose zwischen Schubkarren und Pflanzentöpfen. Und er packt tatkräftig mit an, seine Hose ist ganz staubig und seine Hände sind voller Erde. Nebenan entsteht ein Sandkasten für die Kinder in der Unterkunft. Eine große Gruppe vom Deutschen Verein packt mit an, außerdem drei Angestellte von Leonardo Hotels. Sie haben für den Ehrenamtstag freibekommen. „Engagement ist bei uns im Unternehmen sehr wichtig", erzählt eine Mitarbeiterin. „Es gibt sogar einmal im Jahr einen CSR-Award, also eine besondere Auszeichnung für das Team, das sich am besten und meisten engagiert hat." Dass Engagement so gefördert, findet Ralf Gottschalk begrüßenswert. Für viele Angebote ist er auf ehrenamtliche Helferinnen und Helfer angewiesen. Rund 40 Ehrenamtliche sind regelmäßig in der Gemeinschaftsunterkunft aktiv, hinzu kommen noch zahlreiche Patenschaften. Der Freiwilligentag ist eine Gelegenheit, auf die Bedeutung des Ehrenamts aufmerksam zu machen.

Politische Töne beim Friedensfest

„Ohne Ehrenamt sind wir gar nichts“, mit diesen Worten eröffnet Peter Meusel, Bezirksvorsitzender der Volkssolidarität in Pankow das Friedensfest anlässlich des Berliner Freiwilligentages. Gemeinsam mit vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern wird bei Kaffee und Kuchen gefeiert. Zwei Wochen vor der Bundestagswahl stehen dabei auch politische Themen im Mittelpunkt des Festes. Zu Gast auf einem politischen Podium sind die Bundestagskandidaten für den Bezirk, Klaus Mindrup (SPD), Stefan Liebich (Die Linke) und Stefan Gelbhaar (Bündnis 90/ Die Grünen).

Schülerinnen und Schüler eines Politik- und Weltkunde-Leistungskurses der Kurt-Schwitters-Oberschule im Prenzlauer Berg, stellen interessiert ihre Fragen. Besonders beschäftigen
sie die Themen Senkung des Wahlalters oder die Wohnungssuche im Studium.

Neue Farbe für die Kita

Die Kita Lichterfelder Sonnengarten des Humanistischen Verbands Berlin-Brandenburg suchte für den Freiwilligentag Engagierte, um den Räumen der Kita einen neuen Anstrich zu verpassen. Dem Aufruf ist fast die gesamte Personalabteilung von Daimler-Benz am Ostbahnhof gefolgt. Das Unternehmen unterstützt seine Mitarbeiter darin, sich einmal im Jahr im sozialen Bereich zu engagieren. In diesem Jahr fiel die Wahl der Personalabteilung auf den Malereinsatz in der Kita in Steglitz-Zehlendorf. Gemeinsam schwingt das ehrenamtliche 14-köpfige Team die Pinsel und Rollen und steicht die gelben und blauen Wände im Erdgeschoss in weißer Farbe – als Hintergrund für die bunten Bilder der Kinder. Die kleinen Kita-Besucher sind derweil ein Stockwerk höher umgezogen.

Der Hausmeister freut sich über so viel tatkräftige Unterstützung: „Ohne den Einsatz der Freiwilligen hätte wir noch länger auf einen neuen Anstrich warten müssen.“ Alleine betreut er zwei Kitas – eine so große Streichaktion ist da nur schwer umzusetzen. Und auch die Freiwilligen sind stolz auf die getane Leistung. „Es macht Spaß, gemeinsam anzupacken, aus dem Büro zu kommen und etwas Gutes zu tun“, so eine der fleißigen Malerinnen.

Herbstputz mit der Nachbarschaft im Lilienthalpark

Ebenfalls in Zehlendorf, im Lilienthalpark am Fliegeberg in Lichterfeld-Süd, wird am gleichen Tag aufgeräumt und geputzt. Freiwillige aus dem Nachbarschaftshaus Lilienthal des Mittelhof e.V. sind mit viel Spaß und Elan bei der Sache. Ein buntes Grüppchen aus engagierten Nachbarn, Kindern aus der Nachmittagsbetreuung und aufräumwilligen Eltern setzen dem kühlen und regnerischen Wetter viel Tatkraft und Engagement entgegen.

Während die Größeren mit mehreren Besen die Treppen des Lilienthaldenkmals fegen, sammeln die Kleineren den vorhandenen Müll aus den Gebüschen. Besonderen Anklang findet der Fugenkratzer, mit dessen Hilfe aus den 75 Steinstufen das Unkraut herausgekratzt wird. Auch der eilends ausgerufene Wettbewerb der Kinder, wer die meisten Zigarettenkippen mit dem Greifer aufheben kann, sorgt für Motivation und viel Wirbel. Am Ende der Aktion würde selbst Otto Lilienthal aus der Vogelperspektive mit seinem Fluggleiter kein Papier und keine Dose mehr entdecken. Zum Aufwärmen und für die gute Laune gibt es für alle Beteiligten noch heiße Getränke und leckeren Kuchen im Nachbarschaftshaus Lilienthal.

Wahl-Spezial in Neukölln

„Wir wollen eine Diskussionsplattform schaffen für die rund acht Millionen Erwachsenen in Deutschland, die an 24. September nicht wählen können“, sagt Lucy Thomas von Give something back to Berlin. Dafür hat der Verein schon am Vorabend des Berliner Freiwilligentages, am 7. September, zu einer politischen Veranstaltung eingeladen, einem „Extra Special Election Team Up“. Der Saal im Neuköllner Sharehaus Refugio ist gut gefüllt mit vielen Interessierten – Geflüchteten und Menschen von hier, Ehren- und Hauptamtlichen. Auch zahlreiche Politikerinnen und Politiker fast aller Parteien sind der Einladung gefolgt. Besonderer Gast ist Bundesfamilienministerin Katarina Barley, die nicht nur Hände schüttelt, sondern sich vor allem für die Angebote des Vereins interessiert und sich auf rege politische Diskussionen einlässt. Für das Wahlrecht für ausländische Staatsbürger ist sie die richtige Ansprechpartnerin, wie sich bei der Begrüßung herausstellt: Die Ministerin hat ihre Doktorarbeit über dieses Thema geschrieben.

Kugelstoßen, Laufen, Weitsprung – alles inklusive

Das SCL Sportclub Lebenshilfe e.V. hat am 9. September zum 37. Internationalen Sportfest des SCL in den Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark eingeladen. Dort begrüßt der Sportsenator Andreas Geisel die 800 anwesenden Sportlerinnen und Sportler mit Behinderung. Neben den Teilnehmenden aus Berlin und ganz Deutschland nehmen auch Gruppen aus der Slowakei, Polen und den Niederlanden am Sportfest teil. Trotz Regen geben alle ihr Bestes in den Disziplinen 50-Meter-Lauf, 30-Meter-Hürdenlauf, Weitwurf, Kugelstoßen, Zielschießen, Korbwurf und Weitsprung. Am Ende erhält jeder eine Medaille und eine Urkunde, überreicht vom Mitglied des Vorstandes der Lebenshilfe Berlin e.V. , dem Selbstvertreter Christian Specht. Ohne Ehrenamt geht es auch beim Sportfest nicht: Rund 50 Freiwillige sorgen für einen reibungslosen Ablauf.

Öffentlichkeitsarbeit für die Selbsthilfe

Um die Möglichkeiten der Selbsthilfe bekannter zu machen, sind am 9. September rund 15 Ehrenamtliche zur Mitmach-Aktion der Selbsthilfe Kontakt- und Informationsstelle (Sekis) angetreten. Tatkräftig unterstützt vom Charlottenburger Sozialstadtrat Carsten Engelmann verteilen die Engagierten in der Fußgängerzone Postkarten, die auf die rund 350 Selbsthilfegruppen und Unterstützungsangebote im Selbsthilfebereich in Charlottenburg-Wilmersdorf aufmerksam machen. Blickfang ist dabei ein großes Lastenfahrrad. Viele neue Kontakte zu Passanten und Gewerbetreibenden ergeben sich bei Gesprächen in der Markthalle und einer Apotheke – eine wichtige Anlaufstelle für Menschen, die Selbsthilfeangebote suchen. Erfreulich für die Engagierten: Sowohl der Tagesspiegel als auch der rbb begleitet die Aktion, über die abends im Fernsehen berichtet wird.

Essensspenden werden zum bunten Buffet

Das Kreuzberger Stadtteilzentrum in der Lausitzer Straße feiert seinen 40. Geburtstag. Ein besonderes Geschenk machen am Freiwilligentag die Ehrenamtlichen Lebensmittelretter von foodsharing.de: Aus Lebensmittelspenden von Hotels und Restaurants sowie vielen gesammelten Lebensmitteln werden am 8. September Suppen gekocht und ein vielseitiges Buffet zusammengestellt.

Am Herd steht für diesen besonderen Anlass Oswald Menninger, ehemaliger Geschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbands Berlin. Matthias Winter, Geschäftsführer des Nachbarschaftshaus Urbanstraße, konnte den passionierten Hobbykoch für die Mitmach-Aktion gewinnen. Mit Erfolg: Über 60 Freiwillige und Anwohner kommen um Lauf des Nachmittags ins Stadtteilzentrum und nutzen die Möglichkeit zur Begegnung. Für die Lebensmittelretter ist das eine schöne Möglichkeit, sich beim Stadtteilzentrum zu bedanken, in dem sie seit 2014 ihre Basis in Kreuzberg gefunden haben.

Hochglanz für das alte Kesselhaus

Acht Freiwillige vom Zug der Liebe e.V.  und der freiwilligenagentur oskar bereiten das Museum Kesselhaus auf der der denkmalgeschützten Anlage des Evangelischen Krankenhauses Königin Elisabeth Herzberge gründlich auf den Tag des offenen Denkmals am 10.9. vor. Vitrinen werden geputzt, Exponate entstaubt, die alten Dampf-Kesselanlagen vom Staub befreit, der Boden gefegt und gewischt. Anschließend wird gemeinsam mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gegrillt. Eine richtig saubere Aktion an einem außergewöhnlichen Ort!

Fairplay und Toleranz – auf dem Fußballfeld und beim Ehrenamt

Ebenfalls Teil des Freiwilligentages ist das Berliner Fußballfest unter dem Motto „Für Fairplay und Toleranz“. Trotz regnerischen Wetters finden am 9. September rund 1500 Menschen den Weg zum Sportforum Hohenschönhausen. Dort können die Besucher sich über ein volles Bühnenprogramm, mehrere Informations- und Aktionsstände sowie spannende Fußballturniere freuen. Staatssekretär Christian Gaebler, Schirmherr der Veranstaltung, hebt in seiner Begrüßung die Bedeutung des Sports für den gemeinschaftlichen Umgang hervor: „Der Fußball stellt zwar einen Wettbewerb dar, soll aber auch verbinden. Sport ist der beste Rahmen, in dem man Vorurteile überwinden und Gemeinsamkeiten finden kann.“ Ein Gefühl von Gemeinschaft entsteht auch unter den vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern, die dafür sorgen, dass Auf- und Abbau sowie Organisation des Festes funktionieren.

Mehr Wohnlichkeit in der Frauenunterkunft

Um den Garten zu verschönern und eine gemeinsam genutzte Außenfläche zu schaffen, versammelten sich am 8. September Bewohnerinnen und  Mitarbeitende und Ehrenamtlichen aus der Nachbarschaft im Garten des VITA domus Rixdorf. Die Bewohnerinnen der sozialpädagogisch betreuten Unterkunft, obdachlose Frauen mit ihren Kindern, sollen sich in ihrem vorübergehenden Zuhause noch wohler fühlen. Neben einer Kräuterspirale wurden auch vier Pflanzkübel aus Holz aufgebaut und bepflanzt. Mitten im Grün wurde außerdem eine neue Sitzgelegenheit errichtet.  Das war kräftezehrend – zum Glück war mit Nudel- und Kartoffelsalat, Getränken und Süßem für eine Stärkung gesorgt.

Ehrenamtliche gewinnen will gelernt sein

Wie gestalte ich eine gute Mitmach-Aktion? Bei dieser Frage hat die Stiftung Gute-Tat Organisationen im Vorfeld des Freiwilligentags unterstützt. Interessierte waren zu zwei Workshops eingeladen, bei denen sie Anregung für die Organisation ansprechender Freiwilligen-Aktionen und die Gewinnung Freiwilliger erhalten konnten. Bei einem Tag der offenen Tür konnten sich Menschen, die sich für die Möglichkeiten des Ehrenamts interessieren, über die Arbeit der Stiftung Gute-Tat informieren.

Begegnung und Rutsch-Vergnügen in der Kita

Statt der kaputten Rutsche soll im Garten der Kita „Knirpsenbude“ ein grüner Gras-Rutschbergs gebaut werden – das ist das Ziel der über 20 Freiwilligen, die am 9. September in die Einrichtung der Pfefferwerk Stadtkultur gGmbH gekommen sind. Zu der Mitmach-Aktion hat das Sternenfischer – Freiwilligenzentrum Treptow-Köpenick eingeladen. Und trotz des Nieselregens sind Eltern, Nachbarn, Kitakinder und sogar Kinder, die früher die Kita besucht haben, gerne gekommen und packen fleißig mit an. Der Rutschberg wird mit Sand aufgefüllt und neuer Rasen wird gesät. Eine Stärkung für die fleißigen Helfer gibt es in Form von Essen und Getränken.

Die Kita als Ort der Begegnung – das entspricht der Vorstellung von Kita-Leiterin Martina Breitmann. In ihren Räumen hat sich ein kleiner Nachbarschaftstreff gegründet, der derzeit noch rein ehrenamtlich betrieben wird. Vom Freiwilligentag hat Martina Breitmann über die Fortbildung Ehrenamtsmanagement in der Paritätischen Akademie erfahren – sie fand die Idee gut und hat gleich eine Aktion in der Kita angemeldet. Die „Knirpsenbude“ war bestimmt nicht zum letzten Mal dabei.

Redaktion: Nina Peretz

Danke an die Kolleginnen und Kollegen beim Paritätischen und den Partnerorganisationen, die am Freiwilligentag unterwegs waren und mit ihren Berichten die Entstehung  dieses Texts ermöglicht haben.

Unsere Partnerorganisationen des Berliner Freiwilligentages sind:

Berliner Fußball-Verband e.V.
Give Something Back To Berlin e.V.
Humanistischer Verband Deutschlands – Landesverband Berlin-Brandenburg e. V.
Landessportbund Berlin e. V.
Lebenshilfe gGmbH,
Mittelhof e.V.
oskar| freiwilligenagentur lichtenberg
Stiftung Unionhilfswerk Berlin
SEKIS Selbsthilfe Kontakt- und Informationsstelle
Stiftung Gute Tat
STERNENFISCHER Freiwilligenzentrum Treptow-Köpenick
Verband für sozial-kulturelle Arbeit e.V.
Volkssolidarität e.V.

(Pe)

Datum, 15 | 09 | 2017