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Eine Brücke zur Vergangenheit

Die Webseite Gedenkort-T4.eu hält Erinnerung an Opfer der NS-Euthanasie wach

Vorstellung der neuen Webseite in der Topographie des Terrors in Berlin; Foto: Jürgen Kramer

„Und dann – o Gott, werd' ich's je fassen? - Warst Du allein und ganz verlassen. Allein im Dunkel erlosch Dein Licht – Und Deine Mutter sah es nicht.“ Diese Zeilen verfasste Wilhelmine Elisabeth Vellguth, als ihr im September 1940 die Todesnachricht ihres Sohnes Wilhelm Vellguth zugestellt wurde. Die Worte zeugen von der tiefen Verzweiflung, die die Eltern angesichts der Nachricht empfunden haben müssen. Sie selbst hatten ihren Sohn 1938 in eine Pflegeeinrichtung gegeben, nachdem ihnen nahegelegt worden war, dass sie ihn aufgrund seiner Behinderung nicht mehr zuhause behalten könnten. In einem Brief von Ende November 1938 schrieb die Mutter: „Ich glaube wir sehen ihn nie wieder. … Aber wieviel eigene Schuld ist dabei!!“ Im September 1940 wurde Wilhelm Vellguth in der Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein ermordet.

Der Tod Wilhelm Vellguths ist kein Einzelschicksal. Von 1940 bis 1945 wurden in Deutschland und Teilen des besetzten Europas an die 300.000 als behindert und psychisch krank eingestufte Menschen ermordet. Die „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ war Ziel und Programm der Aktion „T4“, die ausgehend von der Villa Tiergartenstraße 4 geplant und durchgeführt wurde. Als 1941 die strategische Vernichtung der europäischen Juden begann, waren daran Baufachleute und Wachpersonal der Aktion T4 maßgeblich beteiligt.

Ziel der Politik des Dritten Reiches war es, die Opfer zu vernichten und alle Spuren zu beseitigen. Die Webseite www.Gedenkort-T4.eu schafft einen digitalen Erinnerungsort, an dem die individuellen Lebensgeschichten bewahrt und öffentlich sichtbar gemacht werden. In Zusammenarbeit mit Angehörigen und Gedenkinitiativen entstanden bereits zahlreiche Biografien von Opfern der nationalsozialistischen Patientenmorde. Diese Sammlung ist nicht abgeschlossen und wird ständig erweitert.  

„Die bewegenden und persönlichen Opferbiografien sind ein großer historischer Mehrwert der Seite. Erst dadurch werden die Geschichten hinter dem Begriff ‚Euthanasie‘ für uns heute erfahrbar und greifbar – und sie werden für die Nachwelt bewahrt“, sagt Dr. Gabriele Schlimper vom Paritätischen Wohlfahrtsverband Berlin. Gedenkort-T4.eu entstand 2010 als Projekt des Paritätischen  Wohlfahrtsverbands Berlin. 2017 wurde die Seite mit Unterstützung durch die Lotto Stiftung Berlin grundlegend überarbeitet umgestaltet. Auf der neuen Seite sind die Informationen jetzt deutlich übersichtlicher und ausführlicher zu finden.

Bei einer Veranstaltung in der Topographie des Terrors anlässlich des Internationalen Holocaust-Gedenktages wurde die neu gestaltete Webseite im Januar 2018 freigeschaltet und der Öffentlichkeit vorgestellt. Der Staatsekretär für Kultur Dr. Torsten Wöhlert skizzierte in seinem Grußwort die Orte der Täter in Berlin und beschrieb die Geschichte des Ortes Tiergartenstraße 4, der ehemaligen Planungszentrale der Aktion T4. Dr. Ulrich Baumann, stellvertretender Direktor der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, sprach anschließend über das Gedenken an alle Opfergruppen.

Schließlich unterstrich die Landesbehindertenbeauftragte Christine Braunert-Rümenapf das Recht von Menschen mit Behinderung und psychischen Erkrankungen auf Teilhabe an der Gestaltung des Gedenkens. Ein besonders bewegender Moment war die Lesung von Jasmin Tabatabai aus der Biographie von Wilhelm Vellguth. Zuvor sagte die Schauspielerin, man müsse diese Geschichten den folgenden Generationen immer wieder vorlesen, denn über Geschichten und Einzelschicksale erschließe sich das große Bild dieser dunklen Seite der deutschen Vergangenheit.   

Die digitale Welt kann eine Brücke zur Vergangenheit bilden und uns helfen, Informationen schnell zu erschließen. Das verdeutlichte der Historiker Moritz Hoffmann in seinem Fachvortrag über die Möglichkeiten und Grenzen der webbasierten Wissensvermittlung. Schließlich präsentierte der Historiker Robert Parzer, der für die redaktionellen Inhalte von Gedenkort-T4.eu verantwortlich ist, die neue Webseite und lud die Anwesenden zum Mitwirken ein.

Machen Sie mit! Biografien ergänzen und einreichen

Die meisten der auf der Webseite präsentierten Opfer-Biografien wurden von Angehörigen und Gedenkinitiativen verfasst. Gedenkort-T4.eu ist ein kollaboratives Projekt: Nur wenn möglichst viele Interessierten mithelfen, kann die Sammlung weiter wachsen. Das Team rund um den Historiker Robert Parzer unterstützt bei Fragen zu Quellen, zu historischen Hintergründen oder zu Literatur und Archiven, egal ob Sie ganz am Anfang der Recherche stehen oder eine Spezialfrage haben.

Mehr: www.gedenkort-t4.eu/de/biografien/biografien-ergaenzen

(Pe)

Datum, 09 | 05 | 2018