Kiezreporter der Schulstation von Aufwind e.V. - Foto: Stefanie Lehmann Unionhilfswerk - Kindergartengruppe - Foto: Christiane Weidner Eine Breakdanceshow - Foto: Eberhard Auriga Kletterwald - Foto: Nachbarschaftsheim Schöne

"Ehrenamtliche erfahren bei uns, dass wir gemeinsam das soziale Berlin von morgen gestalten"

Kategorie: Bürgerengagement, Aktuelles, Fünf Fragen, Pflege

Fünf Fragen an André Lossin, Landesgeschäftsführer der Volkssolidarität Berlin

André Lossin, Foto: Mario Zeidler

André Lossin stammt aus Berlin. Bis August 2012 war er Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde zu Berlin und kehrte anschließend zur Senatsverwaltung für Inneres und Sport zurück. Seit dem 1. April 2014 ist er Geschäftsführer der Volkssolidarität Berlin e.V. Die Fragen stellte Constance Frey.

Herr Lossin, die Volkssolidarität wird 70 Jahre alt. Ist das die Zeit zum Innehalten, für einen kritischen Blick auf den Verband?

André Lossin: Jetzt ist erst einmal Zeit zu feiern! Wir feiern so, wie es die Volkssolidarität immer getan hat, zusammen mit den Menschen, mit denen wir im Kiez leben und arbeiten. Mit unserem Familienfest im Tierpark Friedrichsfelde am 5. September wollen wir auch etwas zurückgeben: an all unsere Mitglieder, an unsere Ehrenamtlichen, die uns und unsere Projekte so treu unterstützen und an unsere vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Ohne sie geht hier gar nichts. Daher haben wir ein umfangreiches Programm organisiert, der Regierende Bürgermeister Michael Müller spricht ein Grußwort, und sogar die Prinzen singen uns ein Ständchen. Wir freuen uns sehr auf das Fest.

Wird es nach 70 Jahren sozialem Engagement nun Zeit, für grundlegende Veränderungen?

André Lossin: Veränderung gibt es bei uns immer. Berlin verändert sich derzeit durchgreifend. Die Stadt wächst rasant, verdichtet sich, wird zum Teil älter, aber auch jünger. Und wir als Volkssolidarität verändern uns fortlaufend mit, das müssen wir ja auch, wenn wir den Blick auf die Zukunft richten. Zum Beispiel schauen wir uns jetzt schon an, in welchen Kiezen demnächst Kitas gebraucht werden, und wir legen gerade noch mehr Projekte im Bereich der Flüchtlingsarbeit auf, da die Zahl der zu erwartenden Asylsuchenden absehbar weiter steigen wird. So können wir in unserem Stadtteilzentrum Marzahn-Mitte auch künftig schnell reagieren, wenn die Flüchtlingsunterkunft am Blumberger Damm Hilfe in ihrer Kleiderkammer braucht oder jemand mit Kenntnissen in einer bestimmten Fremdsprache gesucht wird.

Hat das Engagement für Flüchtlinge in der Volkssolidarität für Diskussionen gesorgt?

André Lossin:
Wir haben uns gegründet, um 1945 Flüchtlingen und anderen bedürftigen Menschen zu helfen. Mit unserer aktuellen Arbeit machen wir also genau das, weswegen die Volkssolidarität vor 70 Jahren gegründet worden ist. Natürlich muss es dazu Austausch geben, auch innerhalb der Volkssolidarität. Aber wir spielen hier keine Gruppen von Bedürftigen gegeneinander aus, für uns ist jeder Mensch gleich wichtig. Da spielt es keine Rolle, welcher Konfession, Partei oder Ethnie jemand angehört oder wen er oder sie liebt. Wir sind für alle da.

Die Volkssolidarität bietet demnächst Flüchtlingen Praktikumsmöglichkeiten in den eigenen Unternehmen an. Sehen Sie die Flüchtlinge auch als potenzielle Arbeitnehmer, die den Fachkräftemangel im sozialen Bereich ausgleichen können?

André Lossin:
Ich bin überzeugt, dass wir bei der Volkssolidarität als Arbeitgeber von den Flüchtlingen profitieren können. Immigration ist für jede Gesellschaft eine Bereicherung. Und gerade in der Pflege müssen wir neue Wege gehen, um die Bedarfe von heute und morgen zu decken. Wir sind gerade im Gespräch mit einer Organisation die chinesische Pflegekräfte vermittelt und wir arbeiten gerade an weiteren Kooperationen mit anderen Ländern.

Schon heute gibt es einen wachsenden Anteil von pflegebedürftigen Menschen mit Immigrationshintergrund in Berlin. Zum Beispiel werden neben Angehörigen der ersten türkischen Gastarbeitergeneration auch Vietnamesen älter und brauchen Hilfe. Eine so multikulturelle Stadt wie Berlin braucht eine Pflegelandschaft, in der sich das spiegelt. Auch gute Pflege kennt keine Grenzen – da kommen Pflegekräfte mit anderem kulturellen Hintergrund gerade richtig. In vielen anderen Gesellschaften gibt es eine hohe Wertschätzung des Alters, auch davon können wir nur profitieren. Natürlich erfordert das Vorbereitung und interkulturelle Kompetenz. Aber die haben wir schon, und das lässt sich noch ausbauen.

Die Stadt verändert sich – wo ist das außer bei Kita oder Flüchtlingsunterkünften noch greifbar?

André Lossin:
Natürlich ist das in jedem Kiez anders. In einem leben viele ältere Menschen, in dem anderen vor allem junge Familien. Jeder Sozialraum braucht eine besondere Betrachtung. In der Stadtteilarbeit konzentrieren wir uns darauf, Bestehendes zu vernetzen und neue, niedrigschwellige Projekte anzuschieben. So haben wir in einem unserer vielen hervorragenden Stadteilzentren in der Büschingstraße in Friedrichshain zum Beispiel vier Lastenfahrräder angeschafft und sie dezentral bei verschiedenen Trägern über den Kiez verteilt. Wer eines braucht, kann es sich dort gegen eine Spende ausleihen. Von unserem Nachbarschaftstreff in der Torstraße in Mitte aus startet regelmäßig eine Gruppe von Joggern, die am Ziel bis zu eine Stunde lang etwas für den guten Zweck tut: streichen, putzen, Unkraut jäten oder ähnliches. Solche Projekte werden in Zukunft noch wichtiger.

Denn damit machen wir eine junge Zielgruppe auf uns aufmerksam, die sich gerne sozial engagiert, aber nicht zwingend auf Jahre bindet. Wenn es der Volkssolidarität aber gelingt, Ehrenamtliche erfolgreich zu begleiten, können wir ihre Zeit, ihr Wissen und auch ihre Spenden für Projekte einsetzen, die weiterhin den Gründungsgedanken verwirklichen. Dafür entwickeln wir gerade andere Formen der Mitgliedschaft. Die Ehrenamtlichen erfahren bei uns, dass wir gemeinsam das soziale Berlin von morgen gestalten. Und das ist ein wahrlich tolles Projekt!

Mehr unter volkssolidaritaet.de/berlin


(Pe)

Datum, 21 | 08 | 2015