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Die Zukunft des Ehrenamtes: Wo könnte, wo sollte es hingehen?

Analyse und Ausblick von Dr. Eckhard Priller vom Maecenata Institut für Philanthropie und Zivilgesellschaft

Dr. Eckhard Priller, Foto: privat

Dr. Eckhard Priller, Foto: privat

Der demographische Wandel wird das Engagement stark beeinflussen – und  verändern. Seit 1972 ist die Sterberate höher als die Geburtenrate. Obwohl sich in letzter Zeit Veränderungen zeigen, verliert Deutschland an Bevölkerung. Zudem werden im Jahr 2050 gegenüber 2014 fast vier Millionen Personen mehr im Rentenalter sein. Hingegen werden fast sieben Millionen Menschen weniger im Erwerbsalter und 1,5 Millionen weniger im Ausbildungsalter in Deutschland leben. Und: Es ist eine gewisse Landflucht und eine starke Hinwendung zu den Städten zu erkennen. 

Es fehlen 70.000 Freiwillige bei Feuerwehren
Die Folgen treffen auch die Zivilgesellschaft: Es fehlen bereits gegenwärtig 70.000 Freiwillige bei den Feuerwehren. Tausende lokale Freiwillige Feuerwehren müssen sich deshalb auflösen. Es stellt sich die Frage: Was wird aus anderen Hilfs- und Rettungsdiensten? Wie bleiben zivilgesellschaftliche Organisationen funktionsfähig, wenn Mitglieder und Engagierte durch den demographischen Wandel fehlen?

Ist Engagement auch künftig Kitt in der Gesellschaft?
Generell ist zu erwarten, dass sich Organisationen auflösen oder zusammenschließen. Kooperationen sind bisher vor allem auf der regionalen und lokalen Ebene eine Möglichkeit, entstehende Lücken zu schließen und gleichzeitig weiterhin entsprechende Leistungsangebote bereitzustellen.
Neben dem demographischen Wandel können Veränderungen im Sozialgefüge das Engagement künftig nachhaltig prägen. Wird das zivilgesellschaftliche Engagement weiterhin der Kitt in der Gesellschaft sein oder setzen sich Ungleichheitstendenzen im Engagement fort? Also zugespitzt: Werden künftig die Engagierten nur noch Personen mit Abitur sein und werden die hierarchischen Strukturen im Engagement auf der Grundlage des sozialen Status der Engagierten bestimmt?

Wunsch nach Austausch – nicht nach noch mehr Effizienz
Wie eine Reihe von Erhebungen zeigt, sehen viele gemeinnützige Organisationen, dass durch den Druck einer zunehmenden Ökonomisierung das Zusammengehörigkeitsgefühl in den Organisationen an Stellenwert einbüßt. Die Organisationen nähern sich stärker den Prinzipien wirtschaftlicher Unternehmen an. Konzeptionell und in der praktischen Arbeit der Organisationen ist für ihre Zukunftsfähigkeit eine Umsteuerung erforderlich, da ansonsten der wesentliche Stimulus der Gemeinschaftsorientierung verloren geht, der Menschen bewegt, sich in zivilgesellschaftlichen Kontexten zu beteiligen. Gerade Engagierte wollen andere Menschen treffen und sich austauschen. Gemeinschaft bildet sich oft vor Ort und im engen Projektkontext. 

Digitalisierung und künstliche Intelligenz
Wenn wir etwas langfristiger über einen Zeitraum von zehn oder fünfzehn Jahren denken, werden zudem die Digitalisierung und künstliche Intelligenz zu steigenden Ansprüchen an die Qualifikation der Engagierten führen. Mit sogenannten "Wegrationalisierungen" müssen wir ebenfalls beim Engagement rechnen. Das breite Spektrum von Pflegerobotern, besseren Verwaltungsprogrammen und effizienterer Kommunikation  liegen nicht mehr in der Ferne. 

Wie entwickelt sich das Ehrenamt?
Und was für Engagementtätigkeiten werden in der Zukunft gefragt sein? Neu entstandene Formen – wie ehrenamtliche Tätigkeiten in der Hospizbewegung oder bei der Bürgerbeteiligung – verlangen nach speziellen Fähigkeiten. Werden also die Engagementinhalte der Zukunft nur noch mit besonderer Befähigung möglich sein? Wird es einen Wettbewerb um die nur noch wenigen freien Engagementstellen geben?
Gleichzeitig gibt es einen weiter zunehmenden Bedarf an Engagement, der sich zum Beispiel aus der Alterung unserer Gesellschaft oder der Integration von neu nach Deutschland kommenden Menschen ergibt. Oft handelt es sich dabei um einen Bedarf an einfachen Unterstützungsleistungen wie etwa ältere Menschen in Pflegeheimen zu besuchen, für Kinder da zu sein oder Geflüchtete mit dem Alltag in Deutschland vertraut zu machen.  

Fazit: Alle Menschen einbeziehen
Wenn also insgesamt mit weniger Engagieren zu rechnen ist, muss gegengesteuert werden. Organisationen können etwa verstärkt Frauen, jüngere Menschen und Personen mit Migrationshintergrund einbinden. Und es muss verhindert werden, dass ein formal niedriger Bildungsstand sowie eine fehlende Erwerbstätigkeit Menschen daran hindert, sich zu engagieren – auch einfache Tätigkeiten können hilfreich und sinnstiftend sein. 

Der Autor: Eckhard Priller, Dr. sc., ist Wissenschaftlicher Co-Direktor des Maecenata Instituts für Philanthropie und Zivilgesellschaft in Berlin. Seine Forschungsschwerpunkte sind: Dritter Sektor, Zivilgesellschaft und Zivilengagement.

Mehr Informationen im Internet unter:
web.maecenata.eu/dasinstitut

(aw)

Datum, 31 | 10 | 2018