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„Die Zahl der Suizide soll verringert werden“

Kategorie: Jugend, Fünf Fragen, Veranstaltung

Fünf Fragen an Gerd Storchmann, Diplom-Sozialpädagoge.

Foto: Ralf A. Hanke

Nach mehrjähriger Tätigkeit für das Unionhilfswerk arbeitet er seit 1992 für neuhland e.V.. Im Verlaufe seiner Tätigkeit übernahm er zunehmend Führungsaufgaben in den Leitungen der Krisenwohnung, der Öffentlichkeitsarbeit, bei Online-Angeboten, Online-Beratung und der Akademie. Seit annähernd acht Jahren ist Herr Storchmann stellvertretender Geschäftsführer. Die Fragen stellte Miguel-Pascal Schaar.
Herr Storchmann, was ist „neuhland“?
Gerd Storchmann: Der Verein neuhland vereint unter seinem Dach eine Reihe  von Einrichtungen, die Hilfen in schweren Krisensituationen anbieten. Schwerpunkte sind die Arbeit mit Kindern, Jugendlichen, jungen Erwachsenen und deren Familien in, vor oder nach suizidalen Krisen, bei schweren psychischen/psychiatrischen Problemen und Störungen und im Zusammenhang mit Traumatisierungen. Ziel ist die Krisenbewältigung und Suizidprävention bei jungen Menschen.
Der Träger wurde 1982 in Berlin gegründet und begann seine Arbeit mit einem Verbund von psychotherapeutisch orientierter Beratungsstelle und Krisenwohnung für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. Damit war neuhland das bundesweit erste suizidpräventive Projekt für Kinder und Jugendliche.
Diese Arbeit an der Schnittstelle zwischen Jugendhilfe und Psychiatrie, zwischen Krisenintervention und psychotherapeutisch orientierter Betreuungsarbeit in Wohngruppen hat zu einer Weiterentwicklung der Hilfen unter dem Trägerdach geführt. Dies schließt inzwischen auch Hilfen für alle Altersgruppen und unterschiedliche diagnostische Problemstellungen ein. Eines ist den Hilfen gemeinsam: Sie bewegen sich immer im Spannungsfeld zwischen psychotherapeutischer, sozialer und psychiatrischer Hilfe und zentrieren auf Krisen.
Seit 2009 betreibt neuhland eine eigene Fortbildungsakademie mit Fortbildungen in den Bereichen Suizidgefährdung, Trauma, psychische Erkrankung, Methoden, Gruppendynamik, Gewalt, Männerarbeit, Selbstmanagement.
Welche Angebote machen Sie in der Suizidprävention?
Gerd Storchmann: Wir konzentrieren uns auf die Zielgruppe der jungen Menschen und laden Lehrer mit ihren Schülern zu Informationsveranstaltungen ein zu den Themen Krise, destruktive Entwicklung, Suizidalität und Hilfsangebote. Wir bringen unser Wissen und unsere Erfahrung zum Thema Krisen und Suizidalität bei verschiedensten Anlässen in der Fachöffentlichkeit und der allgemeinen Öffentlichkeit ein. Wir bieten Fortbildungen und Fachveranstaltungen für Fachleute im psychosozialen Bereich an. Wir werden häufig von Medien als „Experten“ bei Suiziden oder Suizidversuchen von jungen Menschen befragt. Außerdem arbeiten auch mit in Organisationen, die sich um die Suizidprävention kümmern, wie der Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention oder dem Nationalen Suizidpräventionsprogramm. verringert
Gelegentlich wird behauptet, dass ein Suizid nicht zu verhindern sei bei Menschen, die ihn tatsächlich vorhaben. Was ist an dieser Aussage dran?
Gerd Storchmann: Es ist sicher so, dass es Menschen gibt, die trotz intensivster Bemühungen nicht erreicht werden. Dies sollte jedoch nicht dazu führen, die Bemühungen einzustellen. Wir erreichen viele Menschen mit ernsthaften Suizidabsichten und nehmen auch alle ernst. Was möglicherweise in der Behauptung angesprochen wird ist, dass es Menschen gibt, die kurz vor einem Suizid so entschlossen sind, dass sie bereits jeglichen psychischen Kontakt nach außen abgebrochen haben. Dieser Phase ging jedoch mit Sicherheit eine lange Phase der Verzweiflung voraus, die möglicherweise von der Umwelt schon nicht ernst genommen wurde oder diese auch hilflos machte. Der feste Entschluss, sich umzubringen, wirkt dann für die betroffene Person wie eine Erlösung von vorangegangenen Qualen. Sie zeigen sich unbekümmert, gut gelaunt und bringen sich doch um. Deshalb lösen gut gelaunte und heitere depressive Menschen in Fachkreisen oft auch Sorge aus. Es ist grundsätzlich wichtig, sich um Menschen zu kümmern, die suizidale Absichten hegen. Oft kann man helfen und jemanden aus dieser gefährlichen Situation herausbringen.
Gibt es Zahlen über versuchte und vollzogene Selbsttötungen in Berlin und im Bundesgebiet?
Gerd Storchmann: Die aktuellen Zahlen vom Jahr 2012 nennen 9890 Suizidtote in Deutschland. Zu bedenken ist, dass dies nur die offiziell festgestellte Zahl ist. Es ist immer von einer nicht unbedeutenden Dunkelziffer auszugehen. Im Bereich der jungen Menschen unter 25 Jahren sind es 580 Suizide. In Berlin hatten wir 331 Suizide über alle Altersgruppen, davon 19 von Menschen unter 25 Jahren. Es gibt also in Deutschland mehr Todesfälle durch Suizide als durch Verkehr, Drogen und AIDS zusammen. Zwei Drittel der Suizide werden von Menschen männlichen Geschlechts vollzogen.
Am 10. September beteiligen sich neuhland und der Paritätische Berlin sich an der Aktion „600 Leben - Gemeinsam Suizide verhindern“ vor dem Brandenburger Tor anlässlich des Welt-Suizidpräventionstages. Was beabsichtigen Sie damit und welche Botschaft soll vermittelt werden?
Gerd Storchmann: Wir wollen in erster Linie auf das Problem der gleichbleibend hohen Suizide in Deutschland aufmerksam machen. Es soll weiter deutlich werden, dass man sich um die Menschen kümmern kann und sollte, die solche Gedanken mit sich tragen. Die Botschaft ist: Es gibt Hilfe, du bist nicht allein, wir kümmern uns um dich, du bist uns wichtig! Dadurch wird das Thema aus der Tabuzone geholt und offen darüber gesprochen. Langfristig soll die Zahl der Suizide verringert werden.  
Weitere Informationen über die Aktion finden Sie unter 600leben.de sowie neuhland.de

Aktion "600Leben" am 10. September vor dem Brandenburger Tor
Foto: Schaar

(RS)

Datum, 10 | 09 | 2014