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Berlins größte Substitutionsambulanz steht vor dem Aus

Von der Politik im Stich gelassen: Berlins älteste und größte Substitutionsambulanz steht vor dem Aus

Der Notdienst Berlin e.V. veröffentlichte folgende Presseinformation zur Entmietung von Berlins größter Substitutionsambulanz: 

Berlin, den 01. November 2021, mit Auslauf des langjährigen Mietvertrages in der Kochstraße in Kreuzberg ist die zukünftige Behandlung und Betreuung der 350 schwerstsuchterkrankten Menschen in der Ambulanz für Integrierten Drogenhilfe mehr als ungewiss. Die fast einjährige Suche nach neuen Räumlichkeiten blieb trotz Einbindung der Berliner Politik bislang ergebnislos. Von der verantwortlichen Gesundheitssenatorin Kalayci und Staatssekretär Matz gab es keinerlei Reaktion auf unsere Bitte nach Unterstützung. Andere Politiker*innen zeigten zwar Verständnis, konkret verantwortlich für die Lösung des Problems fühlt sich bis heute aber niemand. 

Am 31. Dezember 2021 endet der Mietvertag. Um auf unsere Notsituation aufmerksam zu machen, planen wir am 8. November eine Blockade der Kreuzung Friedrichstraße/ Kochstraße. 

Bereits 1997 wurde die Ambulanz für Integrierte Drogenhilfe (A.I.D) in Kreuzberg gegründet, seit 2002 arbeiten wir am jetzigen Standort, wenige Meter vom Checkpoint Charlie entfernt. Es war das erste Mal, dass medizinische Leistungen und Psychosoziale Betreuung unter einem Dach angeboten wurden. Mit der Opiat-Abhängigkeit gehen oft Wohnungslosigkeit, Schulden, psychiatrische Auffälligkeiten, physische Verelendung etc. einher. Die professionelle Versorgung auf kurzem Wege ist daher für die Mehrheit unserer Patient*innen die einzige Möglichkeit, ihre Lebenssituation zu verbessern. Mittlerweile nutzen mehr als 350 suchterkrankte Menschen das Angebot. Die Substitutionsbehandlung, das heißt die Vergabe von legalen Ersatzstoffen (Medikamenten) anstelle von illegalen Opiaten stabilisiert unsere Patient`*innen also nicht nur physisch, sondern auch psychisch. 

Mit unserer Arbeit retten wir täglich Leben. Wir verhindern Todesfälle und behandeln Infektionskrankheiten, z.B. Hepatitis. Wir reduzieren die Beschaffungskriminalität und sorgen damit auch für ein sicheres Berlin, denn wenn Suchterkrankte legale Medikamente erhalten, müssen sie nicht täglich bis zu 50,-€ für den „Stoff organisieren“ . Menschen, in der Substitution können häufig das erste Mal wieder arbeiten gehen und sind nicht mehr auf staatliche Unterstützungen angewiesen. Substituierte Menschen sind auch häufig Eltern, wir helfen ihnen und ihren Kindern ein stabiles Familienleben zu führen. Wir unterstützen unsere Patient*innen bei Wohnungslosigkeit, wir helfen ihnen ihre Schulden in den Griff zu bekommen… 

All diese Hilfen, die auch gesellschaftlich von hoher Relevanz für Berlin sind, machen wir gerne und mit viel Herzblut. Ohne Räume können wir diese wichtigen Aufgaben aber nicht weiterführen. Und werden im schlechtesten Fall langjährige Patient*innen verlieren, die mangels Substitution wieder in der Drogenabhängigkeit mit all den o.g. Begleiterscheinungen landen. 

Wir fordern von der Politik, sich die Verantwortung nicht weiter hin- und herzuschieben, ohne eine konkrete Lösung anzubieten. Wir brauchen Räume. Zentral und bezahlbar, um unseren Patient*innen auch weiterhin helfen zu können. Wer konkret ist für uns verantwortlich?

Die Zeit drängt. Wir sind seit mittlerweile über 35 Jahre aktiv und erfolgreich in der Berliner Suchthilfe tätig und sind mit unseren 18 Einrichtungen überall in Berlin bestens in die Nachbarschaften integriert. 

Michael Frommhold, Geschäftsführer des Trägers Notdienst Berlin e.V. „Wir haben auf dem äußerst angespannten Immobilienmarkt ohne Hilfe keinerlei Chance. Suchterkrankte Menschen zählen selten zu den Favoriten von Vermietern. Nicht nur bei internationalen Immobilienholdings, die immer mehr Berliner Gewerbeimmobilien innehalten, sind wir mit unserer Zielgruppe einfach nicht marktfähig. Ohne politische Hilfen kommen wir nicht weiter. Es kann doch nicht sein, dass sich niemand für uns verantwortlich fühlt!“ 

Was wird die Alternative sein, wenn wir zum 31. Dezember 2021 unseren Standort räumen müssen? 

Norbert E. Lyonn, leitender Suchtmediziner der AID Kreuzberg: „Mindestens 350 schwerstsuchterkrankte Patient*innen werden ohne unsere Versorgung von einem Tag auf den anderen auf der Straße stehen. Eine rechtzeitige Vermittlung in andere Berliner Hausarztpraxen wird nur in Einzelfällen und mit großer Anstrengung möglich sein, denn es gibt schon jetzt viel zu wenig substituierende Ärzt*innen in Berlin“. 

Wir möchten Sie zu unserer Kundgebung am 8. 11., Friedrichstraße/ Kochstraße einladen. Hier werden wir von 11.30-13.00 Uhr mit unseren Klient*innen und Mitarbeitenden auf unsere Notlage aufmerksam machen. Um Punkt 12:00 werden wir die Kreuzung Kochstraße/Friedrichstraße blockieren. Wir freuen uns über zahlreiche Berichterstattungen, um viele Berliner (Vermieter) und Politiker zu erreichen. Wer kann uns helfen, geeignete Praxisräume um die 500qm zu finden?

Notdienst Berlin e.V.
Genthiner Str. 48 10785 Berlin
Telefon +49 30 233 240 100
Email: info(at)notdienstberlin.de
www.drogennotdienst.de 

Foto: Drogennotdienst

(jr)

Datum, 02 | 11 | 2021