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aufGefangen… Ein Angebot für inhaftierte Väter und Familien, die von Haft betroffen sind

Interview mit den Projektverantwortlichen von Freie Hilfe Berlin und der JVA Moabit

Wenn ein Elternteil inhaftiert wird, geraten die betroffenen Familien in eine schwierige Lebenssituation, die mit finanziellen Einschränkungen, Ausgrenzung oder Stigmatisierung einhergehen kann. Das Projekt „aufGefangen“ des Vereins FREIE HILFE BERLIN e.V. ist eines der ersten Hilfsangebote in Berlin, die sich speziell an inhaftierte Eltern und ihre Kinder richten. Wir haben die Projektleiterin Anja Seick und die Leiterin der Sozialpädagogischen Abteilung der JVA Moabit, Rosemarie Dorsch-Jäger, zu dem Projekt befragt.

Frau Seick, was waren die Beweggründe der FREIEN HILFE, ein solches Angebot zu entwickeln?

A. Seick: Die Situation der Familien von Inhaftierten und die Belastungen und Hilfebedarfe der betroffen Kinder sind in den vergangenen Jahren verstärkt in den Blick der freien Straffälligenhilfe und der Strafvollstreckungseinrichtungen gerückt. Fehlt ein Elternteil, erfahren Kinder Einschränkungen in ihrer Identitäts- und Selbstwertentwicklung, in ihrer Bindungs-, Beziehungs- und Leistungsfähigkeit. Durch unsere langjährige Beratungstätigkeit in den Haftanstalten wurde deutlich, wie groß der Bedarf ist. Bisher hatten wir aber nie ausreichend Kapazitäten, um diesem gerecht zu werden. Dank der Förderung durch die Senatsverwaltung für Justiz, Verbraucherschutz und Antidiskriminierung können wir unsere Ideen nun gemeinsam mit den Justizvollzugsanstalten umsetzen.

Können Sie berichten, wie sich das Angebot bisher auf die beteiligten Familien ausgewirkt hat?

A. Seick: Wir sind nun seit etwas mehr als einem halben Jahr aktiv und konnten bereits viele Familien erreichen. Unsere Sprechstunden für die inhaftierten Väter und für die Angehörigen werden stark frequentiert.

Viele Eltern erzählen ihren Kindern, dass der Vater auf Montage sei oder auf Geschäftsreise, vielleicht weil sie Angst haben, die Wahrheit zu sagen. Wir schaffen mithilfe von Familienkonferenzen einen angemessenen Rahmen, um diese Themen als Familie gemeinsam zu bearbeiten. Eltern sind nach der Beratung eher bereit, offen mit der Inhaftierung des betroffenen Elternteils umzugehen. Wir helfen aber auch in ganz praktischen, teilweise existenziellen Angelegenheiten, wie bei drohendem Wohnungsverlust oder Kontopfändungen. Die Angehörigen erleben, dass sie nicht alleine dastehen, sondern mit uns einen kompetenten, vertrauensvollen Ansprechpartner haben. Wir bekommen regelmäßig sehr positive Rückmeldungen.

Frau Dorsch Jäger, was haben die inhaftierten Väter Ihrer Ansicht nach davon, wenn sie das Angebot der FREIEN HILFE wahrnehmen? 

R. Dorsch-Jäger: Im Rahmen der Gesprächsgruppe erhalten die Väter Informationen über die Entwicklung von Kindern in den unterschiedlichen Lebensphasen und die daraus entstehenden Bedürfnisse. Unter Berücksichtigung der besonderen Situation der Inhaftierung können die Erkenntnisse auf die eigene Vaterrolle übertragen und gemeinsam erörtert werden. 

Können Sie konkrete Beispiele benennen, wie sich die Teilnahme ausgewirkt hat?

Anja Seick: Kürzlich hat eine Familienkonferenz stattgefunden. Dabei stellte sich zur Überraschung der Eltern heraus, dass die Kinder bereits wussten, dass ihr Vater in Haft ist. Jetzt war das Thema transparent, und die Kinder konnten mit ihren Eltern offen über ihre Phantasien sprechen. Grundsätzlich merken wir, dass unser Angebot die Familien entlastet. Die Anspannung durch die für alle Beteiligten schwierige Haftsituation wird durch Gesprächs- und Unterstützungsangebote deutlich verringert. 

Rosemarie Dorsch-Jäger: Die Einbindung in die Gesprächsgruppe bewirkte beispielsweise die Übernahme von Verantwortung bei der Planung der schulischen Weiterentwicklung des eigenen Kindes. Dazu wurde Kontakt mit der Schule aufgenommen. Ein anderer Inhaftierter nutzte das Projekt zur Eröffnung der Tatsache der Inhaftierung gegenüber seinem Kind.

Wie profitiert die Haftanstalt von einem solchen Projekt?

Rosemarie Dorsch-Jäger: Die Vollzugsanstalt profitiert in mehrfacher Hinsicht von dem Angebot: Die beteiligten Inhaftierten können die Situation ihrer Familien thematisieren, sie können sich austauschen, und sie lernen, wie Familienkonflikte bearbeitet werden können. Dies trägt erheblich zur Stabilität des Inhaftierten bei, was nicht nur ein individueller Gewinn ist, sondern die innere Sicherheit in der JVA erhöht. Außerdem trägt das Angebot zur Realisierung des gesetzlichen Auftrages bei, den Familienbezug stärker in das Vollzugsleben einzubeziehen.

Datum, 01 | 11 | 2018