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70 Jahre Paritätischer Wohlfahrtsverband Berlin

Kategorie: Aus dem Verband

Am 23. Mai 1950 wurde der Paritätische Wohlfahrtsverband Berlin im Hörsaal der Kinderklinik im Kaiserin-Auguste-Viktoria-Haus in Charlottenburg gegründet.

Bild: Kaiserin-Auguste-Viktoria-Haus, Ort der Gründungsfeier in Berlin-Charlottenburg (heute ESCP Business School Berlin), Foto: Kathrin Zauter

Rund hundert Gäste aus Verwaltung, Behörden und dem Wohlfahrtsbereich waren gekommen. Gleich danach fand ganz pragmatisch im Arbeitszimmer des Chefarztes der Kinderklinik die erste Mitgliederversammlung statt. Es war eine kleine Runde von zwölf Organisationen, die die Satzung erstellte und den Vorstand wählte.

Die Mitglieder hatten sich zusammengeschlossen, um ihre Interessen besser gegenüber Behörden und der Verwaltung vertreten zu können und auch im damaligen Magistrat war man froh, nun einen autorisierten Ansprechpartner zu haben. Schon damals mussten Pflegekostensätze verhandelt und vor allem die Finanzierung der Einrichtungen sichergestellt werden. Bis heute ist das so geblieben. Der Paritätische Wohlfahrtsverband Berlin ist Unterstützer, Dienstleister und Berater für seine Mitglieder. Er setzt sich dafür ein, dass soziale Arbeit das leisten kann, was sie soll: Menschen so zu unterstützen, damit sie unabhängig und gleichberechtigt leben können. Es war kein Zufall, dass sich der Verband in den Räumen eines Krankenhauses gründete: Im Verband waren zu Beginn mehrere Krankenhäuser organisiert. Heute ist der Verband so vielfältig wie unser Leben.

Heute vertritt der Paritätische Wohlfahrtsverband Berlin als Dach- und Spitzenverband der freien Wohlfahrtspflege über 780 eigenständige, gemeinnützige Organisationen und Selbsthilfegruppen aus allen sozialen Bereichen. Seine Mitglieder sind u.a. in der Bildung, Kinder- und Jugendhilfe, in der ambulanten und stationären Pflege, in der psychologischen Betreuung, der Migrations- und Flüchtlingsarbeit, der Behinderten- und Suchthilfe, in der Gesundheitsförderung und -versorgung sowie in der Nachbarschaftsarbeit und vor allem der Selbsthilfe aktiv. In den Mitgliedsorganisationen des Verbandes sind nicht nur rund 55.000 Mitarbeitende, sondern auch etwa 30.000 Ehrenamtliche tätig. Gemeinsam gestalten sie die soziale Arbeit in Berlin. In den vergangenen 70 Jahren hat sich der Verband zum größten Wohlfahrtsverband Berlins entwickelt und das auch deshalb, weil er immer bereit war, sich zu verändern. 

Das ging jedoch nicht immer ohne heftige verbandsinterne Diskussionen ab. Konservatives Verständnis von Fürsorge und Wohlfahrt traf insbesondere ab den 70er Jahren auf neue selbstbewusste Eigeninitiativen, die Mitglied im Paritätischen Berlin wurden: Sie kamen nicht nur aus der Selbsthilfe oder der Stadtteilarbeit, darunter waren auch Elterninitiativkitas und Projekte der Frauen- und Schwulenbewegung, um nur einige zu nennen. „Mit diesen vielen Interessengruppen, die auch gegensätzliche Ideen haben, kann man nur existieren, wenn alle wissen, dass man Respekt hat vor den Meinungen und der Arbeit der anderen“, so Prof. Barbara John, seit 2003 Vorstandsvorsitzende des Verbands.

1990, nach dem Ende der DDR, wuchs der Paritätische Wohlfahrtsverband Berlin erneut rasant. Damals beriet der Verband Initiativen und Vereine im Osten Berlins und half ihnen, mit der neuen Zeit und ihren Anforderungen klarzukommen. Hatte der Verband 1990 250 Mitglieder waren es im Jahr 2000 bereits 500.
Kleinere Initiativen aufzunehmen, neue Entwicklungen und das bürgerschaftliche Engagement in seiner Vielzahl und Vielfalt zu unterstützen, sozusagen „das Ohr an der Straße haben“, gehört zum Selbstverständnis des Paritätischen Berlin. Diese Vielfalt und Flexibilität ist seine Stärke. So waren es auch 2015, als viele Geflüchtete hierherkamen, vor allem kleinere Organisationen und Initiativen, die diese Menschen versorgten und unterstützten. Viele von ihnen sind heute Mitglied.

So ist der Verband nah dran, an den Bedürfnissen der Menschen in der Stadt und verliert das Gesamte nicht aus den Augen. Deshalb hat er auch Umstrukturierungen und finanziellen Umschichtungen zugestimmt.  Als Berlin sich im Jahr 2002 in einer Haushaltsnotlage befand, machte der Paritätische Berlin Vorschläge, wie die soziale Arbeit gut und effektiver organisiert werden kann. Gleichzeitig setzt er sich auch im Auftrag seiner Mitglieder zur Wehr, wenn Missstände einseitig auf Kosten der Träger und den von ihnen betreuten Menschen “gelöst“ werden sollen. So organisierte der Verband gemeinsam mit den anderen Ligaverbänden und den Jugendhilfeträgern eine medienwirksame Spreedemo im Jahr 2003 gegen drastische Kürzungen in dem Bereich.

Mitgestalten statt mitverwalten – dieses Motto gilt auch für die Organisation des Verbandes selbst. Anfang der 90er Jahre wurden die bis dahin bestehenden Abteilungen in eigenständige Fachreferate umgewandelt, um schnell und flexibel auf neue Entwicklungen reagieren zu können. Heute investiert der Verband in Netzwerke. „Wir sind nur so gut wie unsere Mitglieder sind und umgekehrt. Wir profitieren gegenseitig von unserem Wissen und unseren Erfahrungen. Teilen macht stark und es macht auch noch Spaß,“ so Geschäftsführerin Dr. Gabriele Schlimper. Gemeinsam mit der Paritätischen Akademie werden Foren organisiert, auf denen sich nicht nur Mitgliedsorganisationen bereichsübergreifend austauschen. Auch andere Kooperationspartner wie Startups sind dabei.

Auch wenn sich in all der Zeit so einiges verändert hat, sind doch viele Grundprinzipien der Anfangsjahre bestehen geblieben. So war und ist es dem Verband wichtig, Raum für die unterschiedlichsten Meinungen zu lassen. Die verschiedenen Interessen finden ihren Platz und stehen gleichzeitig im Einklang mit unseren Grundprinzipien: Gleichheit, Toleranz, Vielfalt und Offenheit. Das gemeinsame Ziel seit 70 Jahren ist der Einsatz für eine soziale, eine gerechtere Stadt. Und so kann der Verband für sich in Anspruch nehmen, seit Jahrzehnten zu mehr Gerechtigkeit und gesellschaftlichem Zusammenhalt beizutragen. Das tut er beispielsweise auch durch die konsequente Unterstützung von ehrenamtlichem Engagement, sei es durch gezielte Aktionen wie den Berliner Freiwilligentag, durch die Bereitstellung kostenloser Fahrkarten oder durch die Ehrungen besonders engagierter Menschen. Auch finanziell hilft der Verband seinen Mitgliedern, beispielsweise durch die eigene Stiftung Parität, die 2020 ihr fünfzehnjähriges Jubiläum begeht.
Auf der Gründungsveranstaltung des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Berlin am 23. Mai 1950 sprach auch die damalige Leiterin der Abteilung Sozialwesen beim Magistrat Berlin, Dr. Marie- Elisabeth Lüders. Sie hob hervor, wie wichtig die freie Wohlfahrtspflege neben städtischer oder staatlich organisierter sozialer Hilfe ist. Dass das richtig ist, zeigt die Entwicklung des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Berlin mit seinen über 780 Mitgliedern zum größten Wohlfahrtsverband der Stadt.

Dabei geht es immer um die Sache: gute soziale Arbeit für die Stadt. Für die Menschen.

Kathrin Zauter

Unsere Bildergalerie mit Eindrücken aus sieben Jahrzehnten finden Sie hier: www.berlinbessermachen.de/70jahre

(nd)

Datum, 14 | 05 | 2020