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10 Jahre Mentorenprogramm

FIBONACCI: Der Träger Aspe bietet außerschulische Fördermaßnahme

Das Fibonacci Mentorenprogramm hat sich in 10 Jahren zu einer gern angenommenen außerschulischen Fördermaßnahme für begabte Kinder mit besonderen Problemlagen entwickelt.

Als das Programm vor 10 Jahren offiziell an den Start ging, gab es viele Unwägbarkeiten. Würden wir überhaupt genügend ehrenamtliche Mentorinnen und Mentoren gewinnen können? Würden die Kinder von der Begleitung profitieren und ihren Lernhunger stillen können? Würden sich unsere Mitwirkenden auf die besonderen kognitiven und psychosozialen Ausgangslagen einstellen können und die Tandem Bestand haben?

Aus heutiger Sicht können wir sagen, der Plan ist aufgegangen.

Der Träger
Das Fibonacci Mentorenprogramm ist unter dem Dach des interkulturellen Jugendhilfeträgers AspE e.V. (Ambulante sozialpädagogische Erziehungshilfe) angesiedelt. Hier wurde es mit dem Träger-eigenen Bereich der Schulsozialarbeit verzahnt. Ausgangspunkt war zunächst der Berliner Bezirk Neukölln mit seiner hohen Dichte an Kindern mit Migrationshintergrund. Es kam aber schnell zu Nachfragen aus anderen Bezirken.

Zielgruppen
Das Mentorenprogramm nimmt bevorzugt Kinder aus sogenannten „Risikogruppen“ in das Programm auf. Darunter verstehen wir

Kinder mit Migrationshintergrund
Über die Jahre hatten 25-35% der Kinder einen Migrationshintergrund.
Die Kinder waren dabei mehrheitlich in Deutschland geboren. Zwei Kinder hatten Fluchterfahrungen. Die Anforderungen an die Begleitung der Kinder sind dabei deutlich erhöht.
17 verschiedene Ethnien waren im Programm zu finden, darunter türkische, arabische, russische, vietnamesische, griechische, polnische und mongolische.

Kinder aus belasteten Elternhäusern (Alleinerziehende, Armutsprobleme, psychische Erkrankungen)
Dieser Teilnehmerkreis stellte die größte Gruppe mit über 50% dar. Besonders Jungen ohne männliche Familienangehörige oder Bezugspersonen  fanden in ihrem Mentor oft eine positive Identifikationsfigur.

Kinder mit Behinderungen
Abgesehen von einem körperbehinderten Jungen waren es vor allem Kinder mit Asperger-Syndrom, die ins Programm aufgenommen wurden.
Die Nachfrage für diese Gruppe steigt.

Underachiever
Fast die Hälfte der Kinder zeigten Phänomene von Underachievment unterschiedlicher Schwere. Das sind  Kinder oder Jugendliche, die in ihrer schulischen Entwicklung auffallend hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben. Je länger die Hochbegabung im schulischen Bereich unentdeckt blieb und je fortwährender die kognitive Unterforderung bestand, desto ausgeprägter fanden sich Seiten von Motivationverlust, Leistungsabfall und Schulunlust.
Minderleister befanden sich überwiegend bei den älteren Schülern.
Bei „verfestigtem Underachievment“ gab es Auswirkungen auf das Mentoring. Hier war auf Seiten der Mentoren „längerer Atem“ erforderlich, um wieder Motivation bei den Kindern zu entwickeln.

Mädchen
Mädchen waren über all die Jahre mit 20-30 % unterrepräsentiert. Obwohl wir von einer Gleichverteilung des Begababungspotenzials ausgehen können, bildet sich dies nicht in der Anmeldung zum Fibonacci Programm ab. Die teilnehmenden Mädchen hatten überwiegend massive Schulprobleme.

Alter der Kinder
Der von uns vorgegebene Altersrahmen von 9 bis 13 Jahren hat sich bewährt. Anfragen erreichten uns jedoch auch von jüngeren wie von älteren Kindern. Eine Ausweitung nach unten ist in Ausnahmefällen durchaus sinnvoll. Demotivierung und Lernunlust haben sich in dem Alter noch nicht verfestigt. Eltern meldeten sich aus allen Berliner Bezirken, aus dem Umland und von anderen Bundesländern.
Aufgrund von begrenzten Platzkapazitäten (15 bis 20 Kinder pro Jahr) wurden die Kinder meist aus bestimmten Schwerpunktbezirken Berlins aufgenommen.

Der Zugang der Kinder zum Programm erfolgt überwiegend über Hinweise aus Begabtenvereinen und Empfehlungen von Kooperations- bzw. Begabungsschulen. Sehr häufig empfehlen auch Mitarbeiter aus  einem SIBUZ (Schulpsychologische und Inklusionspädagogische Beratungs- und Unterstützungszentrum) das Programm.

Verfahren und Matching-Prozeß
Bis es zu einem arbeitsfähigen Tandem kommt, wird ein 4-stufiges Verfahren durchlaufen. Es beginnt mit einem telefonischen Erstkontakt und Einsendung eines Fragebogens. In einem persönlichen Elterngespräch werden Anliegen, Besonderheiten, Begabungs- sowie Interessenprofile der Kinder geklärt. Danach besuche ich die Kinder in ihrem häuslichen Kontext, um Persönlichkeit, Neigungen, Motivation und Kontaktverhalten kennenzulernen.
Erst nach diesem Prozess beginnt die Suche nach einem geeigneten Mentor. Das Prinzip einer 1:1 Begleitung ist dabei zentral.

Gewinnung der Mentorinnen und Mentoren
Das Fibonacci Programm will mit der Bereitstellung von geeigneten und passgenauen Mentorinnen und Mentoren Kinder in ihrer kognitiven und psychosozialen Entwicklung stärken. Mit der Festlegung der Zielrichtung des Mentorings werden Fachkräfte überwiegend über direkte Ansprache oder Kontaktaufnahme gewonnen. Dies gelang im Naturkundemuseum, im Botanischen- und im Technikmuseum sowie bei der Sternwarte Archenhold. Zunehmend befinden sich auch Promovierende der Studienstiftung des deutschen Volkes unter den Mitwirkenden. Vereinzelt kommt es auch zu Selbstmeldern, häufig selber Betroffene, die als Kinder unter dem Fehlen einer guten Begleitung gelitten haben.
Im Laufe der 10 Jahre haben 45 ehrenamtliche Mentorinnen und Mentoren mitgewirkt. Hervorzuheben ist die große Konstanz in der Begleitung. Etwa 80% sind zu einer Verlängerung nach einem Jahr bereit, manche sind über viele Jahre mit demselben Kind aktiv oder begleiten nach Beendigung ein weiteres Kind.  In den letzten Jahren fanden sich auch 3 Mitwirkende, die mehr als ein Kind fördern.
Das große Engagement, der Einfallsreichtum und die Verlässlichkeit der Mentorinnen und Mentoren tragen ganz wesentlich zum Erfolg des Programms bei.
Während des Mentorings fanden Gruppentreffen für die Mitwirkenden statt. Hier gab es Gelegenheit zum Erfahrungsaustausch, zur Vertiefung von Fragen rund um Entwicklungspsychologie,  Bildung und Begabung und zum Gespräch mit externen Fachleuten. Dieses Angebot wird durch Einzelcoachings ergänzt.

Fachliche Schwerpunkte des Mentorings
Die Vertiefungsthemen im Mentoring kamen überwiegend aus den MINT-Fächern. Naturwissenschaftliche Fragen, Astronomie, Technik/Roboting bilden das Hauptinteresse der Mentees. Besonders Grundschulkinder konnten in diesen Gebieten wenig schulische Angebote finden.  Andere Schwerpunkte waren Geschichte/Philosophie und Literatur. Gerade bei langjährigen Mentorings kam es häufig zu thematischen Neuausrichtungen im Laufe der Jahre.

Ergebnisse
Wir konnten feststellen, dass das Gros der Kinder durch das Mentoring in ihrem Selbstbewusstsein und ihrer Lernfreude stabilisiert wurde. Die konzentrative Beschäftigung mit ihren Interessenbereichen führt zu einer Entlastung und Entspannung auf schulischer Ebene. Die Erfahrung von Selbstwirksamkeit festigt die Persönlichkeit und strahlt auf Schule und Peers aus.

Positive Rückmeldungen von Eltern ermuntern uns, für die Weiterführung des Fibonacci Programms einzustehen. Dazu bedarf es allerdings einer stabilen und zukunftssichernder Finanzierung.

Dagmar Schilling/ Projektleitung Fibonacci Mentorenprogramm

Kontakt: fibonacci(at)aspe-berlin.de - www.aspe-berlin.de/fibonacci

Datum, 12 | 02 | 2021