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„Wenn sich die Situation nicht ändert, müssen wir überlegen, welche Projekte wir schließen“

Kategorie: Fünf Fragen, Aus dem Verband, Wohnungslose, Soziales

Fünf Fragen an Mara Fischer, Projektleiterin Notübernachtung / Spendenmanagement bei mob e.V.

Mara Fischer, Foto: mob e.V.

Mara Fischer ist durch ein Praktikum während ihres Bachelorstudiums im Jahr 2009 zu mob e.V. gekommen. Schnell merkte sie, dass ihr die Arbeit dort viel Spaß macht. So übernahm sie ehrenamtlich für den Verein das Spendenmanagement. Nach ihrem Masterstudium Nonprofit-Management und Public Governance hat sie die Notunterkunft von Anfang an geplant und aufgebaut und im Oktober 2015 eröffnet. Die Fragen stellte Rita Schmid.

Frau Fischer, in diesem Oktober gab es bei mob e.V. Grund zu feiern: Der Verein erhielt zum einen den Sozialen Menschenrechtspreis 2016 der Eberhard-Schulz-Stiftung verliehen. Warum wurde mob e.V. mit diesem Preis geehrt, was zeichnet die Arbeit von mob e.V. aus?

Mara Fischer: Die Kriterien für die Auszeichnung sind nachweisbare Aktivitäten im Sinne des Stiftungsziels, der „Unterstützung von Bestrebungen zur Entwicklung des Bewusstseins für soziale Menschenrechte und deren Umsetzung“. Der mob e.V. wurde 1994 gegründet und der Anlass zur Gründung dieses Vereins besteht nach wie vor: eine wachsende Armut, die sich in ihrer krassesten Form in der Obdachlosigkeit zeigt. Wir setzen uns für Menschen ein, die arm und allein sind. Des Weiteren sind wir bestrebt, Wohnungslosen, Obdachlosen und armen Menschen die Teilhabe am gesellschaftlichen und kulturellen Leben zu ermöglichen. Das Herzstück unserer Arbeit ist das menschliche Miteinander und die „Hilfe zur Selbsthilfe“. Insgesamt führen wir bei mob e.V. fünf Projekte durch: die ganzjährige Notübernachtung für Obdachlose, die soziale Straßenzeitung strassenfeger, das Kaffee Bankrott als Tagesaufenthalt, das Sozialwarenkaufhaus Trödelpoint und ein Selbsthilfewohnhaus. Wir freuen uns sehr über die Auszeichnung und die Würdigung unserer Arbeit.

Ebenso im Oktober konnte das Projekt Notübernachtung, das Sie leiten, auf sein einjähriges Bestehen zurückblicken. Wie würden Sie das Projekt beschreiben und gibt es für Sie Highlights in der Arbeit des vergangenen Jahres?

Mara Fischer: Die ganzjährige Notübernachtung ist ein sehr wichtiges Projekt. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe prognostiziert bis zum Jahr 2018 einen drastischen Anstieg auf 536.000 wohnungslose Menschen in Deutschland. Ich bin sehr stolz auf unsere ehrenamtlichen Mitarbeiter, die den Betrieb der Notübernachtung in den Spät- und Nachtdiensten überhaupt möglich machen. Im März 2016 haben wir ein Familienzimmer eingerichtet, da es in Berlin nicht genügend adäquate Angebote für wohnungslose Familien gibt. Die Zahl der wohnungslosen Familien und Kinder ist eklatant gestiegen. Wir konnten einigen obdachlosen Menschen direkt aus der Notunterkunft sozialversicherungspflichtige Jobs und geeigneten Wohnraum vermitteln. Ehemalige Gäste der Notübernachtung helfen nun auch als Ehrenamtliche aus, weil wir ihnen geholfen haben. Sie möchten uns etwas zurückgeben und anderen Obdachlosen Mut machen. Das ist sehr schön und motiviert.

Der Winter naht in großen Schritten und Menschen ohne Wohnung brauchen einen warmen Ort zum Schlafen. Sie wollten weiteren Raum schaffen, um mehr Menschen Platz zu bieten. Auf welche Hindernisse sind Sie dabei gestoßen?

Mara Fischer: Seit April sind wir dabei, die Platzkapazitäten in der Notunterkunft von 20 auf 31 Plätze zu erhöhen. Der Antrag hängt beim Bauamt fest, da das Brandschutzkonzept von der Behörde noch nicht entsprechend angepasst wurde. So müssen wir täglich obdachlose Menschen abweisen, obwohl wir freie Betten haben. Das ist sehr frustrierend, für die Ehrenamtlichen, und vor allem für die Menschen in Not, die wir wegschicken müssen.

Immer wieder wird angemerkt, dass die Unterstützung von Menschen auf der Flucht und von Menschen, die hier ihre Wohnung verloren haben und auf der Straße leben, in Konkurrenz stehen. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Mara Fischer: Es gibt einen großen Konkurrenzkampf von Menschen in Not um die wenigen vorhandenen Ressourcen, wie einen Platz in einer Notunterkunft, in einem Obdachlosenwohnheim oder um den kaum vorhandenen bezahlbaren Wohnraum. Die wachsende Zuwanderung von EU-Bürgern und Asylbewerbern spielt hier eine Rolle als Katalysator und Verstärker der Problematik. Die wesentlichen Ursachen liegen jedoch in einer seit Jahrzehnten verfehlten Wohnungspolitik in Deutschland, in Verbindung mit einer unzureichenden Armutsbekämpfung. Es handelt sich um eine Konkurrenz am Rande der Gesellschaft, unter Menschen aller Nationalitäten, die fast nichts mehr oder gar nichts haben. Gerade EU-Migranten leben in sehr prekären Verhältnissen, da die Regelversorgung bei ihnen häufig nicht greift und sie keinerlei Ansprüche geltend machen können. Die Anzahl der Schutzsuchenden ist signifikant gestiegen. Die sozialen Wohnhilfen in den Bezirken weisen häufig Menschen ab, die nach dem Allgemeinen Sicherheits- und Ordnungsgesetz, kurz ASOG, einen Anspruch auf eine Unterbringung haben. Es gibt einen regelrechten Rückstau auf der Straße, weil die Notunterkünfte voll sind, die Obdachlosenheime ebenso. Da der Wohnungsmarkt sehr angespannt ist, ist es kaum möglich, bezahlbaren Wohnraum zu finden. Das verstärkt den Rückstau erheblich. Flüchtlinge und EU-Migranten zu versorgen, ist ein zusätzliches Problem und für alle Mitarbeiter von mob e.V. eine enorme Belastung.

Die Notübernachtung von mob e.V. sitzt mit einem Flüchtlingsheim des Evangelischen Jugend- und Fürsorgewerks (EJF) unter einem Dach. Wir haben ein gutes nachbarschaftliches Verhältnis und schauen, wo wir gemeinsam Synergien bilden können.

Was wünschen Sie sich für Ihr Projekt? Wie sehen Ihre Pläne für das kommende Jahr im Hinblick auf Ihre Arbeit aus?

Mara Fischer: Wir sind personell und finanziell sehr schlecht ausgestattet. Es ist kaum noch möglich, die Arbeit mit den vorhandenen Ressourcen des mob e.V. zu stemmen. Da wir stark niedrigschwellig arbeiten, spüren wir die wachsende Armut deutlich. In Berlin wird es immer enger. Unser Verein ist ein Kristallisationspunkt der sozialen Herausforderungen der Stadt Berlin. Täglich sehen wir die Wunden sozialer Brüche und Härten. Wir benötigen mehr finanzielle Unterstützung und geschultes Personal. Wenn sich die Situation nicht ändert, müssen wir überlegen, welche Projekte wir schließen. Ich wünsche mir, dass sich die wohnungs- und sozialpolitischen Rahmenbedingungen nachhaltig ändern. Ressortübergreifende Netzwerke zwischen Politik, Verwaltung und Nonprofit-Organisationen müssen installiert und ausgebaut werden. Zudem hoffe ich inständig, dass wir keine der wichtigen Projekte des mob e.V. schließen müssen. Es gibt sehr viele Gelder für Flüchtlingsprojekte, was sehr gut und auch wichtig ist. An die Fördertöpfe kommen wir als Verein, der in der Wohnungslosenhilfe tätig ist, nicht heran. Obwohl wir diesen Personenkreis täglich in unseren Projekten bedienen. Hier braucht es dringend ein Umdenken.

Wir planen eine Kampagne mit dem Titel „Sleep out – Berlin“, mit prominenten Unterstützern und Testimonials. Hier wollen wir gezielt auf die Verelendung bestimmter Bevölkerungsgruppen hinweisen und Spenden für unsere Arbeit sammeln. Ob wir dies jedoch mit den vorhandenen Ressourcen umsetzen können, bleibt ungewiss. 

Mehr zu mob e.V. erfahren Sie unter strassenfeger.org

Foto: mob e.V.

(vb, rs)

Datum, 30 | 01 | 2017