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„Kunst kann ein Türöffner für gesellschaftliche Teilhabe sein, indem sie Sichtbarkeit erzeugt“

Kategorie: Aus dem Verband, Fünf Fragen

Fünf Fragen an Sandrine Micossé-Aikins, Leiterin der Geschäftsstelle des Berliner Projektfonds Kulturelle Bildung

Sandrine Micossé-Aikins, Foto: privat

Sandrine Micossé-Aikins ist Kunstwissenschaftlerin und Kuratorin. Sie arbeitet inhaltlich schwerpunktmäßig zu Rassismus und Empowerment in der Kunst sowie Repräsentation und Teilhabe im deutschsprachigen Kunst- und Kulturbetrieb. Seit dem 1. Mai 2016 leitet sie die Geschäftsstelle des Berliner Projektfonds Kulturelle Bildung und setzt sich dort unter anderem für das Thema Diversität ein.

Frau Micossé-Aikins, können Sie in wenigen Worten die Zielsetzung und Arbeit des Berliner Projektfonds Kulturelle Bildung beschreiben?

Sandrine Micossé-Aikins: Der Projektfonds soll dazu beitragen, Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, unabhängig von ihrer sozialen oder wirtschaftlichen Situation eine Teilhabe an Kunst und Kultur zu ermöglichen. Dazu fördern wir Vorhaben, die jungen Menschen die Chance geben, in möglichst partizipativen und offenen Prozessen, sich selbst als kreative Akteurinnen und Akteure zu erfahren und daran zu wachsen.
Die von uns geförderten Projekte  finden immer in Kooperation zwischen Partnern statt, die jeweils aus den Bereichen Kunst/Kultur und Jugend/Bildung kommen. So kann gewährleistet werden,  dass sowohl die künstlerische, als auch die pädagogische Qualität der Projekte durch die entsprechenden Expertisen der Partnerinnen und Partner abgedeckt werden.
Zweimal jährlich schreiben wir die Fördersäule I aus, die sich an Projekte mit einer Förderung von bis zu 20.000 Euro mit einer maximalen Laufzeit von 12 Monaten richtet. Für die Fördersäule II können sich einmal im Jahr auf Mehrjährigkeit angelegte Projekte  ab 20.001 Euro bewerben.  
Die Mittel der Fördersäule III werden jeweils von den Bezirken vergeben. Hier können kleinere Kiezprojekte bis zu 3000 € Förderung erhalten.

„Kunst und Bildung begegnen sich auf Augenhöhe“, lautet die Philosophie des Berliner Modells für Kulturelle Bildung. Wie wichtig ist Ihrer Meinung nach Kultur für nachhaltige Bildungsprojekte? Inwiefern bedingen sich Kultur und Bildung?

Sandrine Micossé-Aikins: Kultur im weitesten Sinne sollte natürlich eigentlich ein grundlegender Bestandteil von (Schul-)Bildung sein. In der Regel sieht dies ja aber leider häufig anders aus und bei Engpässen sind es häufig die Künste, an denen gespart wird. Außerschulisch verankerte Initiativen der kulturelle Bildung vermögen  ggf. inhaltliche Lücken zu füllen. Aber jenseits der Präsenz von Kunstthemen als Modulen von Bildungsprogrammen können künstlerische Fertigkeiten und die Fähigkeit zum kreativen Denken eben auch als Modus Bildungs- und Lernprozesse optimieren. Ein längerfristiges Ziel des Projektfonds (und der kulturellen Bildung) ist es, zu einem nachhaltigen Wandel des Bildungssystems beizutragen, der sich ja auch bereits an einigen, vielleicht noch zu wenigen Stellen z.B. durch fächerübergreifende Projektarbeit andeutet. Auch wenn der Projektfonds Kulturelle Bildung zunächst einzelne Projekte fördert, schlagen sich diese Erfahrungen im Idealfall auch längerfristig in den involvierten Bildungsinstitutionen nieder. 

Außerschulische kulturelle Bildung kann darüber hinaus einen wichtigen Beitrag zur Bildungsgerechtigkeit für jene leisten, die keinen Zugang (mehr) zu Schulbildung haben. Ich würde mir wünschen, dass auch noch viel öfter die Möglichkeit genutzt würde, marginalisiertes Wissen erfahrbar zu machen, das in den Rahmenplänen öffentlicher Bildungsinstitutionen noch immer ausgeklammert wird.

Ein Ziel des Projektfonds lautet, dass sich die Diversität der Stadtgesellschaft auch in der Förderlandschaft abbilden soll. Welche Aufgabe kommt der Kultur bei der Förderung von Vielfalt und Offenheit zu? Was kann sie, was anderen Gesellschaftsbereichen vielleicht schwer fällt?

Sandrine Micossé-Aikins: Zunächst einmal geht es ja bei dieser Frage auch um eine kritische Befragung der Ausschlüsse und Zugangsbarrieren in den Kulturinstitutionen selbst. Die Frage, was und ob die Kunst in dieser Hinsicht etwas Besonderes kann, kommt für mich an zweiter Stelle. Zunächst einmal sollten ja alle dieselben Möglichkeiten haben, Kunst (auch als Beruf) auszuüben, wenn sie dies möchten und zwar unabhängig davon, ob dies sich dann auch noch anderweitig positiv auswirkt. Kunst und Kultur sind ja jene Bereiche, in denen das Selbstverständnis einer Gesellschaft verhandelt, gespiegelt und teilweise auch maßgeblich geprägt wird. Wenn große Teile der in Deutschland lebenden Bevölkerung jedoch auf den Bühnen, im Film, in der Literatur, der Bildenden Kunst etc. nicht vorkommen, können auch ihre Perspektiven und Geschichten nicht zu diesem Kreislauf beitragen.

Ein sehr spürbarer Effekt dieser Ausschlüsse, ist dann z.B., dass diese Menschen die Angebote von Museen und Theatern aber auch anderen Kulturinstitutionen nicht wahrnehmen. Nicht weil sie, wie ja gerne behauptet wird  „kulturfern“ sind, sondern weil sie kein Interesse an einem Programm haben,  in dem sie sich nicht repräsentiert sehen und das darüber hinaus ein weitestgehend veraltetes und hierarchisches Kulturverständnis propagiert. Somit liegt eine kritische Auseinandersetzung mit den Strukturen des Kulturbetriebs auch und gerade im Interesse der großen, arrivierten Häuser, die ja auch in 10, 20 oder 30 Jahren noch ein Publikum haben möchten. Eine Anpassung an die demographischen Entwicklungen ist nicht zu umgehen.  Die Übersetzung herkömmlicher Inhalte für neue, bisher nicht adressierte Besuchergruppen reicht da nicht aus. Vielfalt und Offenheit können nur dann wirklich stattfinden, wenn sie sich auch bis in die obersten Etagen der Institutionen durchziehen und auch diverse Autorschaft zulassen. 

Hat sich Ihrer Meinung nach die Berliner Kulturlandschaft durch den verstärkten Zuzug der Geflüchteten in den letzten Monaten verändert? Gibt es neue Themen?

Sandrine Micossé-Aikins: Definitiv haben sich die Themen Flucht und Asyl auf die Kulturlandschaft ausgewirkt. Ein bisschen verwundert dies, weil  es sich hierbei ja keineswegs um neue Themen handelt. Einerseits ist es begrüßenswert, dass so viele Menschen zu Geflüchteten Kontakt aufnehmen und für diese Kulturangebote entwickeln möchten. Andererseits ist der Grad zwischen Unterstützung, Paternalisierung und Instrumentalisierung ein sehr schmaler. Gerade auch deshalb ist es uns so wichtig, dass Geflüchteten-Selbstorganisationen und Organisationen jener Menschen, die bereits vor Generationen nach Deutschland gekommen sind, selbst Anträge für ihre eigenen Projekte stellen können.

Zum einen ist es dringend notwendig, dass diese Perspektiven endlich sichtbarer in der deutschsprachigen Kulturlandschaft werden, damit wir alle einen vollständigeren Blick auf deutsche Geschichte und Gegenwart erlernen können. Zum anderen besitzen ja gerade Menschen mit einer länger zurückliegenden Migrationsbiografie oder -familiengeschichte – jene, die einen Prozess des Ankommens bereits mit all seinen Hürden durchlaufen haben – genau die Doppelperspektive  und Expertise, die es braucht, um mit der gegenwärtigen Situation umzugehen. Wir müssen das Rad nicht neu erfinden und dieselben Fehler erneut begehen. Ich hoffe daher, dass  das im Augenblick vorherrschende Interesse an den neuen Mitbürgerinnen und Mitbürgern früher oder später auch zu einer tieferen Auseinandersetzung mit Migrationsgeschichte (und das heißt auch z.B. Kolonialgeschichte) in Deutschland führen wird.

Gemeinnützige Organisationen oder Projekte bringen Menschen und Themen auf die Bühne, die in der Gesellschaft sonst eher weniger sichtbar sind: Schauspieler mit Demenz, Tänzerinnen mit Down-Syndrom, Autoren mit Lernschwierigkeiten. Ist Kunst ein Gradmesser für gesellschaftliche Teilhabe?

Sandrine Micossé-Aikins: Ich denke Kunst kann ein Türöffner für gesellschaftliche Teilhabe sein, indem sie Sichtbarkeit erzeugt. Ich finde aber, dass wir noch relativ wenig tatsächliche Öffnung in Kulturinstitutionen erreicht haben. Es genügt eben nicht, das eine oder das andere Theater zu haben, in dem auch Menschen mit Behinderung auf der Bühne stehen. Oder Orte wir das Ballhaus Naunynstraße  oder das Gorky in Berlin, in dem auch von Rassismus betroffene Menschen auf und hinter der Bühne professionell arbeiten. Ihre Präsenz sollte Selbstverständlichkeit an allen Häusern sein und sollte sich eben auch nicht nur auf das „Einfügen von Körpern“ beschränken. Mit diesen Menschen werden auch Themen in die Räume getragen werden, die unbequem sind und unsere Gesellschaft grundsätzlich hinterfragen. Das muss zugelassen und darauf muss sich vor allem eingelassen werden. Insofern ist Kunst tatsächlich ein Gradmesser, wenn wir betrachten, welche Inhalte vorkommen oder eben nicht, wessen Kunst als Kunst anerkannt wird und welche nicht. Wer für seine künstlerische Arbeit bezahlt wird und wer nicht. Welche Künstlerinnen und Künstler in den Galerien zu finden sind und welche nicht. Wer welche Rollen in Theater und Film spielen darf. Wenn man da genau hinschaut, kann man da sehr viel über die Gesellschaft lernen.  

Mehr unter projektfonds-kulturelle-bildung.de

(rs)

Datum, 26 | 07 | 2016