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„Im Nachhinein erleben Frauen die Aufarbeitung als sehr intensive Zeit“

Kategorie: Fünf Fragen, Psychiatrie, Frauen, Mädchen

Fünf Fragen an Karin Blana, Geschäftsführerin von Silberstreif e.V.

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Karin Blana ist psychosoziale Beraterin für Frauen und eine der Gründerinnen sowie Geschäftsführerin von Silberstreif e.V. Sie hat lange in der Krisenberatung gearbeitet. Der Verein Silberstreif wurde im Mai 2006 von sieben Frauen aus der Krisenarbeit gegründet, im nächsten Jahr ist also zehnjähriges Jubiläum.

Frau Blana, der Verein Silberstreif ist eine Selbsthilfeorganisation, die Unterstützung in Krisensituationen gibt. Wie darf man sich selbstorganisierte Krisenhilfe vorstellen, welche Angebote machen Sie?

Karin Blana: Wir haben überwiegend Selbsthilfegruppen, angeleitete und nicht angeleitete, für Frauen mit einer Reaktiven Depression. Bei Bedarf bieten wir auch Einzelberatung an, die aber überwiegend von Frauen angenommen wird, die schon einmal in den Gruppen waren. Silberstreif schließt eine Lücke, zumindest in Berlin. Es gibt meines Wissens bislang keine Organisation, die sich speziell und so niederschwellig für diese Frauen einsetzt. So ist der Verein auch entstanden: Ich war lange in der Krisenarbeit und -beratung tätig und wusste nie, wohin ich die Frauen weitervermitteln konnte, die normale Lebenskrisen zu verarbeiten hatten, Situationen, in denen einfach schmerzhafte Prozesse durchgearbeitet werden müssen. Für die Frauen gab es so gut wie nichts. Die meisten Selbsthilfegruppen in diesem Bereich konzentrieren sich auf schwere Depressionen oder sind oft Kliniken angegliedert. Innerhalb kürzester Zeit nach der Gründung von Silberstreif waren drei Gruppen voll.

Für unsere tägliche Arbeit ist der Einsatz Ehrenamtlicher unheimlich wichtig. Insofern bin ich sehr dankbar für jede Ehrenamtliche, die hier her kommt. Oft sind das sehr gut ausgebildete Frauen, die hier ihre Kompetenzen einbringen und den Verein damit auch weiter bringen. Das wäre sonst überhaupt nicht leistbar.

Eines Ihrer Schwerpunktthemen ist die Begleitung bei Reaktiven Depressionen. Was sind die Ursachen und Merkmale dieser Form der Depression?

Karin Blana: Die Ursachen sind Schicksalsschläge: Trennung oder Scheidung, Jobverlust oder der Auszug der Kinder. Wir haben hier überwiegend kluge, gut ausgebildete Frauen, die ihr Leben gemeistert, oft Familienarbeit und berufliche Karriere unter einen Hut gebracht haben, bis eine einschneidende schmerzhafte Veränderung ihnen die Füße wegreißt. Diese Frauen sind daran gewöhnt, alles selbst zu managen, und sind nun erschrocken, dass sie sich plötzlich nicht mehr wiedererkennen: Sie können sich nicht mehr richtig erholen, sind unkonzentriert, verlieren die Nerven, gehen weinend zum Hausarzt. Viele der Frauen haben teilweise noch nie alleine gewohnt, sind vom Elternhaus direkt in die Ehe gegangen und fallen von einem Schock in den nächsten.

Die Reaktive Depression ist aber eine akute Situation, sozusagen wie der grippale Infekt, während die schwere Depression die Grippe ist. Nach überstandenem „Infekt“ sind die meisten stärker als vorher, weil sie viel über sich gelernt und erfahren haben, ähnlich einem gestärkten Immunsystem. Im Nachhinein erleben die Frauen die Aufarbeitung als sehr intensive Zeit.
Der Name „Reaktive Depression“ wurde im Übrigen durch eine neue Übersetzung der WHO ersetzt: Den neuen Namen „Anpassungsstörung“ finde ich sehr ungeschickt, weil die Frauen denken, sie könnten sich nicht anpassen. Das wirkt natürlich noch einmal wie eine Keule von oben.

Wie und mit welchen Methoden können Selbsthilfe-Angebote bei einer Reaktiven Depression unterstützen?

Karin Blana: In der Selbsthilfegruppe können die Frauen erst einmal reden, als Gleichgesinnte, die sich verstehen und verstanden fühlen. Im Verbund der Gemeinschaft unterstützen sie sich, trösten und stabilisieren sich langsam wieder, um die Krise schließlich zu überwinden. Wichtig ist auch, dass manche Frauen in den Gruppen schon länger dabei und mit ihrer Aufarbeitung schon weiter fortgeschritten sind als andere. Diese können den Frauen helfen und Mut zusprechen, die ganz neu sind, und ihnen begreiflich machen: Das wird schon, irgendwann tut es nicht mehr weh. Gemeinsam gehen sie auch ins Café oder ins Museum, was viele zuletzt vor 30 Jahren allein getan haben.

Der Freundeskreis ist dagegen nach einer gewissen Zeit überfordert und hat das Gefühl, zu kurz zu kommen: Die meisten Menschen sehen Freundschaft als ein Geben und Nehmen. Wenn sie in die Position des ausschließlich Gebenden gegenüber der ausschließlich Nehmenden, Bedürftigen kommen, entsteht auf beiden Seiten ein Gefühl des Unwohlseins: Die Frauen merken, dass sie den Freundeskreis strapazieren und der Freundeskreis signalisiert, „Nun muss auch einmal gut sein“. Es ist aber noch nicht gut. Und die Familie macht sich große Sorgen und versucht, das Leiden der Tochter zu verkürzen. Aber die Tochter braucht Zeit. Also beginnt sie, gegenüber Freunden und Familie zu schweigen und zu lächeln. Sie verkriecht sich zuhause, weint dort allein und kommt in das Rad von Isolation und Depression. Bei einer Reaktiven Depression entstehen, wie bei einem grippalen Infekt Folgeschäden, wenn nicht gehandelt wird.

Ihre Beratungs- und Gruppenangebote richten sich speziell an Frauen. Ticken Frauen in Krisensituationen anders als Männer, sind sie anfälliger?

Karin Blana: Nein, ich würde nicht sagen, dass Frauen anfälliger für Krisen sind. Aber Frauen bemerken schneller, dass sie Hilfe brauchen. Sie sind meist auch eher in der Lage, sich Hilfe zu suchen und sich zu öffnen. Männer gehen mit Krisen ganz anders um: Sie machen ihre Probleme häufiger mit sich selbst aus und sind in der Regel nicht so mitteilungsfreudig. Deshalb scheint es zunächst bei Frauen schwieriger zu sein, anfangs beneidet jede Frau den Mann, weil dieser die Krise vermeintlich besser wegsteckt, nicht so erschüttert und gleich wieder stabil ist. Langfristig aber sind nach meiner Erfahrung die Frauen die Sieger, weil sie das Ganze aufarbeiten und keine Altlasten mit sich herumtragen.

Wie reagiert unsere Gesellschaft, wenn eine Frau an Depressionen leidet? Darf eine Betroffene damit Ihrer Erfahrung nach offen umgehen?

Karin Blana: Wünschen würde ich mir, dass es genauso normal ist, eine Reaktive Depression zu haben wie ein gebrochenes Bein oder ein Magenleiden. Das ist es aber nicht. In der Bevölkerung fehlen Wissen und Informationen. Vieles wird generalisiert und in einen Topf geworfen: Depressionen und Psychosen, Antidepressiva und Neuroleptika, Psychiater und Psychotherapeuten. Und dann wundern sich die Menschen, dass der Psychiater nicht mit ihnen reden möchte. Ich weiß ja auch nicht, welche Krebsarten schlimmer und welche harmloser sind. Neben den gravierenden Informationslücken herrschen natürlich auch Vorurteile und Ängste, was alle seelischen Krankheiten betrifft.

Deswegen würde ich davon abraten, sich im Beruf zu outen, ebenso im Jobcenter. Es besteht einfach die Gefahr, dass man in der falschen Schublade landet – auf Dauer nicht belastbar – , da auch nicht mehr heraus kommt und Nachteile erleidet. Ich würde eher sagen, dass man privat gerade eine anstrengende Situation durchmacht, aber mehr nicht. Denn es ist natürlich gut zu wissen, dass man gerade nicht so belastbar ist, so dass die Kollegen wissen, dass sich eventuelle Fehler nicht aus Dummheit, sondern aus momentaner Überforderung einschleichen, weil gerade bestimmte Dinge verarbeitet werden müssen. Bei Trennungen oder Scheidungen bringt die Gesellschaft üblicherweise mehr Empathie und Akzeptanz auf.

Mehr: silberstreif-ev.de

(RS)

Datum, 23 | 11 | 2015