Kinder- und Jugendhilfetag 2014 - Foto: Christiane Weidner Jugendliche bei der Pädalogik gGmbH - Foto: Martin Thoma

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Ein Wohnzimmer für Wohnungslose

Die Tagesstätte für Wohnungslose der Bürgerhilfe gGmbH in Friedrichshain-Kreuzberg

Unsere Wohnungslosentagesstätte der Bürgerhilfe gGmbH im Berliner Ortsteil Kreuzberg ist schon seit mehr als 26 Jahren für obdachlose, wohnungslose und suchtkranke Menschen ganzjährig geöffnet. 

Foto: Wolfgang FeickertAn jedem Öffnungstag besuchen unsere Einrichtung etwa 60 bis 80 Menschen und nutzen unsere Serviceangebote wie duschen, essen, Kaffee und Tee trinken oder Wäsche waschen oder einfach im Warmen miteinander zu reden. Dazu betreiben wir eine eigene Kleiderkammer, aus der unsere Gäste frische Wäsche erhalten können, und organisieren gemeinsam mit ihnen Gruppenaktivitäten wie Frauenfrühstück, Sport oder Grillabende. In einem speziellen Fall richteten wir sogar schon mal eine Hochzeit für zwei ehemalige Klienten der Einrichtung aus, die sich hier gefunden und mit unserer Hilfe ihr Leben neu organisiert haben.

Wie eine Familie 

Drei Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter leiten seit 27, 23 und 19 Jahren unsere Einrichtung und empfangen, beraten und betreuen herzlich und kompetent unsere Gäste. Dabei geht es neben dem persönlichen Kontakt hauptsächlich um Fragen zu Jobcenterbescheiden und/oder weiteren Behördenangelegenheiten oder zur Unterbringung oder ganz allgemein um Fragen der Alltagsbewältigung. Der Träger der Wohnungslosentagesstätte, die Bürgerhilfe Kultur des Helfens gGmbH, die Mitglied der Kubus-Gruppe ist, hält stadtweit weitere Einrichtungen, wie BEW, WuW, BGW, ein Überganghaus, eine Kriseneinrichtung für Frauen sowie therapeutische WGs bereit, an die die Klientinnen und Klienten der Tagesstätte weiter vermittelt werden können. Dazu bietet die Kubus Gruppe Beschäftigungsmöglichkeiten nach SGB II an und fördert auf diesem Weg die Reintegration. 

Gegebenenfalls nehmen wir auch Kontakt zu speziellen Beratungsstellen auf, um unsere Gäste den individuellen Umständen entsprechend zu unterstützen und zu fördern. 

Unsere Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter erfahren wiederum Unterstützung von Helferinnen und Helfern bei der Planung und Durchführung von Gruppenaktivitäten, der Begleitung von Klienten zu Behörden oder Ärzten oder bei der Erledigung hauswirtschaftlicher Tätigkeiten. Dabei handelt es sich um Menschen, die eine Strafe abarbeiten, die im Rahmen von Arbeitsförderprojekten eingesetzt sind, um Klientinnen und Klienten der Tagesstätte, die ehrenamtlich mitarbeiten und so eine Tagesstruktur erhalten, oder um ehemalige Gäste, wie unser Hochzeitspaar.

Unsere Besucherstruktur ist geprägt von einer bunten Vielfalt. Menschen jeden Alters ab 18 Jahren und Angehörige verschiedenster Nationalitäten und Kulturen nutzen die Angebote unserer Einrichtung. Trotz der Vielzahl persönlicher Probleme unserer Gäste, mitunter gravierende psychische Probleme und Suchterkrankungen verschiedenster Art, funktioniert das Miteinander in der Einrichtung weitestgehend konfliktfrei. Der Grund dafür ist die familiäre Atmosphäre unserer Einrichtung. Es wird gestritten, diskutiert, Konflikte werden ausgetragen, aber auch gelöst, es wird gelacht, geweint, Regeln werden aufgestellt, Regeln werden verletzt, zuweilen überdacht und wenn nötig auch verändert. Grenzen werden gesetzt und manchmal überschritten. Man redet über seine Sorgen und Nöte, man hilft sich gegenseitig und manchmal will man auch einfach in Ruhe gelassen werden. All die Dinge, die auch außerhalb der Tagesstätte im menschlichen Zusammenleben stattfinden. 

Eine vorübergehendes Zuhause

Foto: Gernot ZessinDie unterschiedlichen Menschen, die unsere Einrichtung aufsuchen, haben in der Mehrheit eine Gemeinsamkeit: Ihnen fehlen aus den verschiedensten Gründen funktionierende, soziale Beziehungen oder Netzwerke, die sie evtl. davor hätten bewahren können, so zu leben, wie sie es aktuell und häufig über lange Jahre tun. In der Tagesstätte finden Sie vorübergehend – manchmal auch viele Jahre –  eine Heimat und sozusagen ein Wohnzimmer, in dem sie in ihrer Vielfältigkeit mit ihren Problemen akzeptiert und respektiert werden. Dies führt im günstigsten Fall dazu, dass im geschützten Rahmen vorhandene Potentiale entdeckt, wiederentdeckt und gefördert werden können und sich ihre Lebenssituation positiv verändert. Häufig ist aber auch eine Vermeidung von Verschlimmerung schon ein großer Erfolg. Viele Gäste der Tagesstätte, z.B. aus Osteuropa, sind nicht berechtigt, Leistungen in Anspruch zu nehmen, da sie nicht ausreichend lange in Deutschland sozialversicherungspflichtig beschäftigt waren. Damit sind sie auch von Angeboten der Unterbringung ausgeschlossen. Sie leben vom Betteln und Flaschen sammeln und schlafen draußen, im Winter auch in Notübernachtungen. 

Auch wenn wir gern mehr leisten würden und könnten, für diesen Personenkreis darf die Tagesstätte mit Ihrem Angebot leider nur dazu beitragen, eine Verschlimmerung des Zustandes zu vermeiden. 

Menschen hingegen, die berechtigt sind, Leistungen in Anspruch zu nehmen, finden aber in den letzten Jahren häufig ebenfalls kein Obdach, da es berlinweit kaum freie Plätze in Notunterkünften, sogenannten ASOG-Einrichtungen, gibt. Ersatzweise werden sie dann vorübergehend in Hostels untergebracht. Aber auch dort gibt es in den seltensten Fällen noch freie Plätze. Und die Chance, als Wohnungsloser in Berlin eine eigene Wohnung zu finden, ist bekanntermaßen inzwischen leider sehr gering. 

Was wir uns von der Politik wünschen

Menschen wie wir, die täglich mit Wohnungslosen arbeiten, sollten explizit mehr einbezogen werden, wenn es darum geht zu ermitteln, welche Hilfsangebote in der Stadt benötigt werden. Oder wenn es darum geht, konkret Probleme zu benennen, die dringend gelöst werden müssen, um daraus folgend mit uns gemeinsam Lösungskonzepte zu entwickeln. 

Wohnungslose benötigen Raum. Es ist wichtig, dass kommunaler Wohnraum und Flächen zur Begegnung Trägern zur Verfügung gestellt werden.

Last but not least möchten wir uns an dieser Stelle auch sehr für die gute Zusammenarbeit mit dem Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg bedanken. Seit mehr als 20 Jahren wird die Einrichtung durch Zuwendungen des Bezirks finanziert und unsere gemeinsame Arbeit ist geprägt von einem professionellen und partnerschaftlichen Miteinander, um sich immer wieder neuen Herausforderungen zu stellen, die die Arbeit für Wohnungslose mit sich bringt.

Mehr Informationen finden Sie unter www.buergerhilfe-berlin.de

Text: Patricia Jaufmann (Stellvertretende Einrichtungsleitung) und Gernot Zessin (Öffentlichkeitsarbeit Bürgerhilfe gGmbH)

Foto 1: Wolfgang Feickert; Foto2: Gernot Zessin

(vb)

Datum, 17 | 07 | 2017