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25-jähriges Bestehen der Amputierten-Initiative e. V./Gefäßkranke

Ein Gespräch mit der Gründerin Dagmar Gail

Am 18. Januar 1991 wurde die Amputierten-Initiative e. V./ Gefäßkranke gegründet. Die Initiative hat seitdem über 40.000 Menschen beraten, ihnen geholfen, sie vor Amputationen bewahrt oder ist ihnen nach Amputationen zur Seite gestanden. Gründerin Dagmar Gail hat für ihre Pionierarbeit von Ärzten, Krankenkassen und von der Politik zahlreiche hohe Auszeichnungen erhalten, darunter Ehrungen durch vier Bundespräsidenten, das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland und die Georg-Hohmann-Plakette der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie. Zum 25-jährigen Jubiläum führte die Fachzeitschrift Orthopädie Technik ein Interview mit Dagmar Gail.

OT: Frau Gail, was führte 1991 zur Gründung der Initiative?

Auszeichnung Dagmar Gails mit der Hohmann-PlaketteDagmar Gail: Nach meiner gefäßbedingten Amputation suchte ich Hilfe und Ansprechpartner. Es gab sie nicht. Weder Ärzte noch in Krankenhäusern Tätige, weder die Politik noch die Gesellschaft wussten mit Amputierten umzugehen. Aus dem Krieg Zurückgekehrte, in der Regel also gefäßgesunde Amputierte, waren bekannt, wurden auch vielschichtig vom Staat wahrgenommen und betreut. Aufgrund der Dezimierung der im Krieg Amputierten glaubte die Politik, dass es nunmehr keine Amputierten mehr gebe. Ein Irrtum. So beschloss ich, die erste und einzige Amputierten-Initiative, die es jemals gegeben hat, sowohl vor als auch nach dem Zweiten Weltkrieg, ins Leben zu rufen. Hinzu kam das Wissen, dass meine Amputation vermeidbar gewesen wäre. So begann eine harte Pionierarbeit, regional, national und international.

OT: Hat sich die Situation in Deutschland bezüglich der pAVK, nicht zuletzt durch Ihre Arbeit, seit 1991 deutlich geändert?

Dagmar Gail: Es ist mir gelungen, die gesamte Republik aufzurütteln, zu informieren, zu sensibilisieren. Es gibt kein Gebiet, das wir für Gefäßkranke ebenso wie für Gefäßgesunde nicht in An-griff genommen und gelöst hätten. Die prothetische Versorgung haben wir entscheidend verbessert und die Gehschulung mit Gertrude Mensch und Robert S. Gailey nach Deutschland zurückgeholt, finanziert durch unsere Amputierten-Initiative; wir haben Gefäßzentren angeregt und viele Dinge mehr.

OT: Die pAVK ist eine der häufigsten Ursachen bei Amputationen. Sie warnen davor: „Die Amputation ist kein Eingriff für Anfänger.“ Wie beurteilen Sie die Qualität der Amputations-Chirurgie heute?

Dagmar Gail: Da wir Mitglied in allen relevanten wissenschaftlichen Fachgesellschaften sind und an Leitlinien aktiv mitarbeiten, haben wir uns für die inzwischen etwa acht Millionen bekannten Gefäßkranken eingesetzt und mit der Durchsetzung in der neuen S3-Leitlinie der pAVK den berechtigten Terminus „Beininfarkt“ erreicht. Die pAVK gehört zu den häufigsten Erkrankungen unserer Zeit. Sie ist gleichwertig mit dem Herzinfarkt und mit dem Schlaganfall. Wir übernehmen seit Jahrzehnten die Arbeit der Krankenkassen und des Staates, indem wir der gesamten Bevölkerung Prävention vermitteln und Gefäßkranke schnellstens diagnostizieren und therapieren lassen, um Amputationen zu minimieren.

OT: Was erwarten Sie von der Amputations-Chirurgie in Zukunft?

Dagmar Gail: Wir kämpfen seit Jahrzehnten dafür, dass ausschließlich mit Amputationen betraute kundige Gefäßchirurgen und ebenso kundige Amputationschirurgen eine Amputation durchführen sollten, da diese ein Eingriff ist, der die Lebensqualität verbessern kann und soll. Eine Amputation ist ein beklemmender und zerstörerischer Eingriff; umso mehr muss immer wieder darauf hingewiesen werden, dass diejenigen, die eine Amputation durchführen, ausreichende Kenntnisse über die anschließende prothetische Versorgung, die auf diesen gravierenden Eingriff folgt, besitzen müssen. Vor einer Amputation muss dringlichst eine interdisziplinäre, sektorenübergreifende Zusammenarbeit mit Angiologen, Diabetologen, Phlebologen, Lymphologen, Radiologen, Neurologen, Orthopäden, Gefäßchirurgen sowie Amputationschirurgen stattfinden. Bei 37 bzw. 44 Prozent aller Amputationen wird vor dem Eingriff keine Angiographie durchgeführt. Das ist ein Skandal.

Wird eine Amputation erwogen, sollte immer eine Zweitmeinung eingeholt werden. Die Qualität und der Wissensstand müssen flächendeckend in allen Bereichen in der Gesundheitspolitik bis hin zu den Gruppierungen auf den Prüfstand und erheblich verbessert werden. Die Ökonomie darf nicht noch intensiver in den Vordergrund gestellt werden und die Ethik verschwinden lassen.

Von der Amputationschirurgie in der Zukunft erwarten wir eine flächendeckende, weitaus stärkere Anerkennung und Wertschätzung in der Gesellschaft für Amputierte, zu denen etwa 90 Prozent Gefäßkranke zählen, da das Gebiet der Amputationschirurgie und somit auch die Amputierten immer noch ein Schattendasein führen. Diese Wertschätzung kann erreicht werden, wenn an allen Universitätskliniken Amputationschirurgie als Lehrfach obligatorisch eingeführt wird, wobei das herausragende, uns zur Verfügung stehende lang-jährige Wissen von führenden Orthopäden und Amputationschirurgen vorbildlich in die moderne Amputationschirurgie eingebunden werden sollte.

 

Das Interview ist in der Fachzeitschrift Orthopädie Technik 1/2016 erschienen. Die Veröffentlichung erfolgte mit freundlicher Genehmigung des Verlags Orthopädie Technik Dortmund.

Foto: Privat

(vb)

Datum, 15 | 01 | 2016