„Wohnen ist eine der zentralen sozialen Fragen unserer Zeit“
3 Fragen an Dr. Peter Diedrich, Vorstandsvorsitzender von Deutscher Verband „Job & Wohnen“ e.V.
Das klassische Modell des genossenschaftlichen Wohnens hat sich über viele Jahrzehnte bewährt. Doch gerade in Zeiten angespannter Wohnungsmärkte wird es auch für Genossenschaften zunehmend schwieriger, an geeigneten Wohnraum zu kommen. Der Deutsche Verband „Job & Wohnen“ denkt das genossenschaftliche Modell deshalb weiter: Er setzt auf neue genossenschaftliche Quartiere, die nicht nur bezahlbaren Wohnraum bieten, sondern auch Gemeinschaft, Mitbestimmung und wirtschaftliche Teilhabe. Ein besonderes Augenmerk gilt dabei den Menschen mit geringen und mittleren Einkommen.
Im Interview erklärt Dr. Peter Diedrich, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Verbands „Job & Wohnen“, warum genossenschaftliche Wohnquartiere ein Zukunftsmodell sein können, wer bei deren Entstehung eine wichtige Rolle spielt und warum die Wohnungsfrage auch eine Frage des gesellschaftlichen Zusammenhalts ist.
Herr Dr. Diedrich, bezahlbarer Wohnraum wird in Berlin immer knapper. Warum braucht es neue Ansätze jenseits des klassischen Mietwohnungsbaus?
Wir müssen zunächst aufhören, Wohnen ausschließlich als Immobilienfrage zu betrachten. Wohnen ist eine der zentralen sozialen Fragen unserer Zeit. Es entscheidet mit darüber, ob Menschen an einer Stadt teilhaben können, ob Familien bleiben, Beschäftigte ihren Arbeitsplatz erreichen, junge Menschen eine Ausbildung beginnen und ältere Menschen in ihrem vertrauten Umfeld leben können. Dauerhaft bezahlbarer Wohnraum entsteht deshalb nicht durch eine einzelne Maßnahme. Wir brauchen ein Zusammenspiel aus gemeinwohlorientierter Bodenpolitik, langfristig bezahlbarem Bauland – etwa über Erbbaurechte –, verlässlicher öffentlicher Förderung, günstigem Kapital und deutlich niedrigeren Baukosten. Vor allem aber brauchen wir Strukturen, in denen Bezahlbarkeit nicht nach einigen Jahren wieder verloren geht. Hier liegt eine große Chance des genossenschaftlichen Modells.
Allerdings sollten wir Genossenschaft heute weiterdenken: Wir verstehen die Genossenschaft nicht lediglich als Vermieterin. Sie kann die dritte Perspektive zwischen Miete und individuellem Eigentum organisieren: gemeinschaftliches Eigentum, individuelle Sicherheit, Mitbestimmung und die Möglichkeit zur wirtschaftlichen Teilhabe. Und wir denken über die einzelne Wohnung hinaus. Ein Quartier kann eine Verantwortungsgemeinschaft sein, in der Wohnen, Arbeiten, Betreuung, Begegnung, Mobilität und gegenseitige Unterstützung zusammengedacht werden.
Was ist das Besondere an einem solchen genossenschaftlichen Modell und wie profitieren die Menschen ganz konkret davon?
Zur Miete wohnen oder eine Immobilie kaufen? – Genossenschaftliches Wohnen verbindet beide Elemente und schafft damit eine Alternative zum klassischen Entweder-oder. Das halte ich gerade für Haushalte mit kleinen und mittleren Einkommen für entscheidend. Denn die gesellschaftliche Antwort auf steigende Wohnkosten kann nicht darin bestehen, diesen Menschen lediglich dauerhaft günstigere Mietverhältnisse anzubieten. Wir sollten ihnen, wo immer es wirtschaftlich möglich ist, auch die Chance geben, durch genossenschaftliche Beteiligung schrittweise Vermögen aufzubauen und damit zugleich etwas für ihre Altersvorsorge zu tun. Es geht also um mehr als Bezahlbarkeit: Es geht um Teilhabe.
Außerdem sind genossenschaftliche Wohnquartiere aus unserer Sicht weitaus mehr als eine Ansammlung einzelner Wohnungen. In den Quartieren kann es beispielsweise eine Kita, gemeinschaftlich nutzbare Räume, Co-Working-Angebote, ein Quartierscafé, Mobilitätsangebote oder generationenübergreifende Wohnformen geben. Welche Angebote entstehen, sollte sich nach den Bedürfnissen der Menschen richten, die dort leben. Gerade in einer zunehmend individualisierten Gesellschaft können solche Quartiere etwas schaffen, das wir dringend benötigen: soziale Nähe, ohne individuelle Freiheit einzuschränken, und Gemeinschaft, ohne Bevormundung. Genossenschaftliche Quartiere sind deshalb für mich nicht nur ein wohnungspolitisches Modell. Sie können ein Stück gesellschaftlicher Infrastruktur sein. Denn die Wohnungsfrage ist am Ende auch eine Frage des gesellschaftlichen Zusammenhalts.
Was braucht es, damit genossenschaftliche und gemeinwohlorientierte Wohnquartiere nicht einzelne Leuchtturmprojekte bleiben, sondern in Berlin in größerem Maßstab entstehen können?
Es ist unerlässlich, dass verschiedene Kräfte zusammenarbeiten: Kommunen können Grundstücke und Baurecht bereitstellen, Bund und Länder geeignete Förderbedingungen schaffen, Arbeitgeber und Gewerkschaften Beschäftigte erreichen, Wohlfahrtsverbände soziale Bedarfe einbringen und langfristig orientierte Kapitalgeber die Finanzierung unterstützen.
Der Deutsche Verband „Job & Wohnen“ setzt genau da an: Wir bringen Akteure zusammen, die bislang häufig nebeneinander an der Wohnungsfrage arbeiten: Gewerkschaften und Arbeitgeber, Wohlfahrtsverbände, Kommunen, Genossenschaften, Wissenschaft, Finanzwirtschaft und Zivilgesellschaft. Dass auch der Paritätische Berlin Mitglied unseres Verbandes ist, ist für uns dabei von besonderer Bedeutung. Denn soziale Infrastruktur und die Lebenswirklichkeit der Menschen dürfen nicht erst nach Abschluss der Bauplanung berücksichtigt werden. Sie müssen von Anfang an Teil eines Quartierskonzeptes sein, damit genossenschaftliches Wohnen gelingt und gesellschaftlicher Zusammenhalt gefördert wird.
übrigens
-
Viele Fachkräfte verzichten auf Jobangebote in Berlin, weil bezahlbarer Wohnraum fehlt. Dieses drängende Problem geht der Deutsche Verband „Job & Wohnen“ e.V. mit dem Pilotprojekt Havelschanze an: Auf einem landeseigenen Grundstück in Spandau entsteht ein genossenschaftliches Quartier mit rund 112 Wohnungen, einer Kita, einem Gemeinschaftscafé, einer Nachbarschaftswerkstatt, Coworking-Plätzen und Gemeinschaftsgärten. Im Juni 2026 wurde Richtfest gefeiert. Das Besondere an diesem Quartier: Unternehmen werden Mitglieder der Genossenschaft und sichern so bezahlbaren Wohnraum, den sie ihren Azubis, Werkstudierenden und anderen Mitarbeitenden überlassen können.