•   Rubrik Interview

„Nicht die Menschen sind das Problem, sondern das System“

  • Autor Milena Müller
  • Veröffentlichungsdatum 10. September 2026
  • Lesezeit 6 Minuten

Ungefähr 6.000 Menschen leben in Berlin Schätzungen zufolge auf der Straße. Viele hoffen am Abend auf ein Bett in einer Notübernachtung. Davon gibt es in Berlin 460 im Sommer und 984 während der Kältehilfesaison im Winter. Strassenfeger e.V. betreibt seit über zehn Jahren eine Notübernachtung mit 30 Betten in der Storkower Straße in Prenzlauer Berg.

Tanja Schmidt arbeitet seit mehr als dreißig Jahren mit wohnungslosen und obdachlosen Menschen. Sie ist im Vorstand von Strassenfeger und leitet die Notübernachtung des Vereins. Im Interview erzählt sie von den Abläufen, von zwischenmenschlichen und strukturellen Herausforderungen, von politischen Versäumnissen.

Tanja Schmidt, Leiterin der Notübernachtung von Strassenfeger e.V. © Milena Müller/Paritätischer Berlin

Was erwartet die Menschen, die zu Ihnen in die Notübernachtung kommen?

Eine absolute Grundversorgung. Die besteht aus einem Bett, einer Dusche und einer warmen Mahlzeit. Unsere Gäste bekommen von uns bei Bedarf auch Dinge wie Rasierschaum, Lesebrillen oder Kleidung. Außerdem findet soziale Beratung statt, in der wir herausfinden, in welcher Lage sie sich befinden und welcher Hilfebedarf besteht. In der Regel vermitteln wir sie dann entsprechend weiter, zum Beispiel an Organisationen, die obdachlosen Menschen ohne Meldeadresse Postfächer zur Verfügung stellen, oder an Organisationen wie die Jenny De la Torre Stiftung, wenn jemand ohne Krankenversicherung medizinisch versorgt werden muss.

Infoblätter in verschiedenen Sprachen und mit Piktogrammen zu Hilfsangeboten © Milena Müller/Paritätischer Berlin

Was sind die Herausforderungen in einer typischen Nacht?

Es kommt manchmal zu Konflikten unter den Gästen. Und oft verhalten sich Gäste auch uns gegenüber aggressiv. Meistens dann, wenn wir ein Hausverbot aussprechen müssen, weil sich jemand nicht an die Hausregeln hält. Auch befinden sich viele unserer Gäste in einem physisch oder psychisch sehr schlechtem Zustand, so dass wir des Öfteren einen Rettungswagen anfordern müssen.

Das muss für alle Beteiligten eine belastende Situation sein. Die meisten hier arbeiten ehrenamtlich. Wie gehen die damit um?

Es ist wichtig, dass diejenigen, die sich in einer Notübernachtung engagieren, empathisch sind, aber auch in der Lage, die nötige Distanz zu wahren. Ob das der Fall ist, stellt sich meistens schon beim Probearbeiten heraus. Wir stellen wir durch Schulungen und Fortbildungen sicher, dass unsere Ehrenamtlichen gut auf schwierige Situationen vorbereitet sind. Wir haben einen Kummerkasten und wir organisieren Ehrenamtssitzungen. Es gibt eine Ehrenamtssprecherin und nach Vorfällen, die besonders eindrücklich waren, können Ehrenamtliche Supervisionssitzungen zur Verarbeitung in Anspruch nehmen.

Auch wichtig: In einer Nachtschicht arbeiten zwei Menschen. Neben einer oder einem Ehrenamtlichen ist immer eine hauptamtliche, also fest angestellte, Fachkraft im Dienst. Das war nicht immer so. Gemeinsam mit dem Paritätischen haben wir jahrelang dafür gekämpft, dass Träger mehr Stellen für ihre Notübernachtungen bekommen.

Kommt es vor, dass Sie Gäste abweisen müssen, weil keine Betten mehr frei sind?

Eigentlich ständig. Im Moment müssen wir pro Nacht durchschnittlich zehn bis zwanzig Menschen wegschicken. Das liegt auch daran, dass unsere Notübernachtung gemischtgeschlechtlich ist. Wir können hier zweiundzwanzig Männer und acht Frauen aufnehmen. In einem Zimmer stehen mindestens vier Betten. Wenn in einer Nacht aber nur eine Frau kommt und sonst nur Männer vor der Tür stehen, dann bleiben die übrigen Betten im Frauenschlafzimmer zwangsläufig leer, während wir Männer abweisen müssen, weil die Männerschlafzimmer voll belegt sind.

Die Statistiken zur Auslastung von Notübernachtungen in Berlin spiegeln diese Realität nicht wider. Die besagen, dass Notübernachtungen nur zu 85 bis 90 Prozent ausgelastet sind. Wie kommt das?

Das liegt daran, dass nur danach gefragt wird, wie viele Betten pro Nacht frei geblieben sind. Und nicht danach, wie viele Menschen wir nicht reinlassen konnten.

Berlin braucht also mehr Notübernachtungsplätze?

Einerseits ja. Nach der jährlichen Kältehilfe reduziert sich die Bettenzahl in Berlin stets um rund siebenhundert Notübernachtungsplätze. Andererseits wäre es der falsche Ansatz, einfach mehr Notübernachtungsplätze zu schaffen. Viel wichtiger wäre der Ausbau von Wohnheimplätzen. Also mehr Räume, in denen obdachlose und wohnungslose Menschen länger als nur für ein paar Nächte unterkommen können und wo sie sich nicht nur vom Abend bis zum Morgen aufhalten können, sondern wo sie wohnen können. Ich denke, hier liegt einer der Hauptgründe dafür, dass die Wohnungsnotfallhilfe in eine Schieflage geraten ist. Normalerweise wird von unten nach oben vermittelt, sodass ein obdachloser Mensch im Idealfall von der Notübernachtung an ein Wohnheim vermittelt wird. Nach dem Wohnheim kommen zum Beispiel ein betreutes Wohnen und schließlich die eigene Wohnung. Das funktioniert so seit Jahren schon nicht mehr, weil es einfach zu wenige Wohnheimplätze und Angebote gibt.

Obdachlosigkeit nimmt seit Jahren zu, die Situation für obdachlose Menschen verschärft sich und den sozialen Organisationen wird Geld gekürzt. Vor diesem Hintergrund wirkt das Versprechen, dass in ein paar Jahren niemand mehr auf der Straße lebt, zynisch.

Tanja Schmidt, Strassenfeger e.V.

Woran liegt das?

Diese Frage müsste man dem Senat stellen. Ganz ehrlich? Die Politik tut sich schwer damit, Zuwendungen für Obdachlose bereitzustellen. Räume für Wohnheime anzumieten, das kostet natürlich Geld. Ob das daran liegt, dass obdachlose Menschen schlechte Wähler*innen sind, sei dahingestellt. Fakt ist: Es wird viel versprochen, aber das Versprochene nicht ausreichend umgesetzt. Über das Vorhaben des Senats, Obdachlosigkeit bis 2030 zu beenden, können wir Fachkräfte nur den Kopf schütteln. Obdachlosigkeit nimmt seit Jahren zu, die Situation für obdachlose Menschen verschärft sich und den sozialen Organisationen wird Geld gekürzt. Vor diesem Hintergrund wirkt das Versprechen, dass in ein paar Jahren niemand mehr auf der Straße lebt, zynisch.

Sie sagen, die Situation für obdachlose und wohnungslose Menschen spitzt sich zu. Inwiefern?

Zum einen gibt es immer mehr Menschen, die ihre Wohnung verlieren. Die Mieten steigen, Armut verschärft sich. Die Energiekrise und die Corona-Pandemie, die vielen den Job gekostet hat, haben ihr Übriges getan. Wer aus seiner Wohnung raus muss, dann vielleicht noch psychisch erkrankt ist und keine Familie hat, die ihn oder sie auffängt, landet nicht selten auf der Straße.

Zum anderen beobachten meine Kolleg*innen und ich, dass es immer mehr obdachlose Menschen gibt, die unser Hilfesystem nicht erreicht. Das sind vor allem Menschen, die schwere psychiatrische Erkrankungen haben – zum Beispiel bedingt durch die immer härteren Drogen, die im Umlauf sind, oder schlicht fehlende Therapieangebote. Es wird von sogenannten Systemprenger*innen gesprochen, wobei ich die Bezeichnung für unpassend halte, weil das Problem nicht die Menschen sind, sondern das System, das keine angemessene Unterstützung hergibt. Ja, es gibt Hilfsangebote für wohnungslose Menschen mit psychischen Erkrankungen. Eine wichtige Anlaufstelle ist zum Beispiel der Sozialpsychiatrische Dienst des Gesundheitsamts, der in eine therapeutische Wohngruppe vermitteln kann. Aber es wird zu wenig bedacht, dass für viele Betroffene schon der Weg zu einem Termin – geschweige denn das pünktliche Erscheinen – kaum zu bewältigen ist. Das gilt übrigens auch für Obdachlose mit Demenz. Ein Riesenproblem.

Aus Ihrer Sicht als Sozialarbeiterin und Leiterin einer Notübernachtung: Was muss sich ändern in Berlin?

Ganz einfach: Wir brauchen mehr dauerhafte Unterbringungsmöglichkeiten für obdachlose Menschen. Und Entscheidungsträger*innen, die sich die Bedarfe von Obdachlosen mal genau anschauen. In Berlin gibt es zum Beispiel keine einzige Notübernachtung und kein einziges Wohnheim, das obdachlose Menschen aufnehmen kann, die immobil und/oder schwer pflegebedürftig sind. Und davon gibt es viele. Auch wir müssen immer wieder Menschen abweisen, weil wir keine Katheter wechseln, keinen Toilettengang begleiten und keinen künstlichen Darmausgang wechseln dürfen. Am Berliner „Runden Tisch“ mit allen anderen Notübernachtungen sind wir schon seit Jahren dran, dahingegen etwas anzustoßen.

übrigens

  • 10.950 Übernachtungen verzeichnet Strassenfeger e.V. in einem Jahr in seiner Notübernachtung
  • Strassenfeger e.V. bringt mehrmals im Jahr das strassenfeger MAG heraus. Die Inhalte – Artikel zu sozialen Themen in Berlin und Brandenburg – werden von Ehrenamtlichen erstellt. Die Zeitung kann von obdachlosen und wohnungslosen Menschen verkauft werden und bietet Betroffenen Sichtbarkeit und Teilhabe.
  • „Die Mieten steigen, Armut verschärft sich“, sagt Tanja Schmidt im Interview. Das belegt eine Studie, die der Paritätische Gesamtverband im Dezember 2025 veröffentlicht hat. Demnach sind Wohnkosten einer der entscheidenden Treiber sozialer Ungleichheit in Deutschland. 5,4 Millionen Menschen geraten allein durch die Wohnkosten unter die Armutsgrenze. Besonders betroffen sind Berlin, Hamburg und das Saarland.