•   Rubrik Reportage

Mehr als eine WG

  • Autor Lara Elisa Schwöbel
  • Veröffentlichungsdatum 10. September 2026
  • Lesezeit 9 Minuten
Willkommen in der Super 8 © Lara Elisa Schwöbel/Paritätischer Berlin

Die Super 8, das ist eine Wohngemeinschaft in Lichtenrade, in der Menschen mit und ohne Beeinträchtigung zusammenleben. Was zunächst wie eine klassische Wohngemeinschaft wirkt, ist ein Wohnprojekt des Vereins Gemeinsam wohnen Berlin und der Wajekama Stiftung, das Selbstständigkeit, Gemeinschaft und Inklusion im Alltag verbindet. An einem warmen Nachmittag im August mache ich mich auf den Weg ganz in den Süden von Berlin, nach Lichtenrade, denn ich habe die Möglichkeit, die Super 8 kennenzulernen.

Für diesen Artikel fahre ich in die Super 8 WG nach Lichtenrade. Als ich an der S-Bahn-Station aussteige, weiß ich noch nicht so recht, was mich erwartet. In diesem Teil Berlins war ich noch nie. Ich hatte mit einem ruhigen Kiez gerechnet. Stattdessen lande ich mitten im Lichtenrader Revier, einem neuen, autofreien Stadtquartier, das bezahlbaren Wohnraum mit Kultur-, Bildungs- und Nachbarschaftsangeboten verbindet, und bin überrascht, wie viel hier los ist.

Zwischen den Wohnhäusern gibt es Geschäfte, Cafés und einen großen, belebten Platz mit Bänken. Zum Revier gehört ein Wohnkomplex mit rund 200 Mietwohnungen, darunter auch eine Demenz-WG, ein Schwimmbad und eine Sauna. Es gibt inklusive Tanzkurse und Stadtteilspaziergänge. In der Alten Mälzerei, einem ehemaligen Fabrikgebäude, befinden sich eine Bibliothek, ein Café und die Volkshochschule.

Ein paar Minuten später stehe ich vor der Super 8 und werde von Maja in Empfang genommen. Maja ist 22 Jahre alt und vor rund anderthalb Jahren in die WG eingezogen.

Eine WG wie jede andere?

Drinnen ist es gemütlich. Pflanzen stehen auf dem Balkon, es gibt einen großen Esstisch, bunte Bilder hängen an den Wänden, Wäsche hängt zum Trocknen und im Wohnzimmer gibt es eine gemütliche Sitzecke. Auf einem Board wird festgehalten, was eingekauft werden muss, in der Küche hängt ein Putzplan. Eigentlich sieht es hier genauso aus wie in einer regulären Wohngemeinschaft.

  • Impressionen aus... © Lara Elisa Schwöbel/Paritätischer Berlin
  • ... der Super 8 in Lichtenrade © Lara Elisa Schwöbel/Paritätischer Berlin
  • An den Wänden ist Platz für Kunst... © Lara Elisa Schwöbel/Paritätischer Berlin
  • ... und Organisation des Alltags © Lara Elisa Schwöbel/Paritätischer Berlin

Acht Menschen leben hier zusammen: vier Menschen mit Beeinträchtigung und Unterstützungsbedarf und vier Menschen ohne. Dennis, der pädagogische Leiter der WG, erklärt mir, dass diese Begriffe bewusst gewählt sind: Die Menschen mit Unterstützungsbedarf werden Bewohner*innen genannt, die Menschen ohne Unterstützungsbedarf Mitbewohner*innen. Dennis und weitere Assistenzkräfte wohnen nicht in der Super 8, unterstützen die Bewohner*innen dort bei allem, bei dem sie Hilfe benötigen. Dabei geht es nicht darum, ihnen möglichst viele Aufgaben abzunehmen. Im Gegenteil: Ziel ist es, dass sie möglichst viel selbstständig übernehmen können.

Auch sonst funktioniert hier vieles wie in einer klassischen WG. Es gibt Gemeinschaftsräume, eigene Zimmer und Aufgaben, die untereinander aufgeteilt werden. Eingekauft, gekocht und aufgeräumt wird in der Regel gemeinsam. Assistenzkräfte unterstützen die WG bei diesen alltäglichen Dingen.

Bevor ich das alles genauer erfahre, bekomme ich eine kleine Führung durch das Revier.

 

Von der Gemeinschaftsterrasse bis zum Waschraum

Lili, eine der Mitbewohnerinnen, zeigt mir die Terrasse und den Waschraum. Dabei erzählt sie mir von Maja. Heute kümmert sich Maja dort selbstständig um ihre Wäsche. Sie kennt die Automaten und kann sie allein bedienen. Das war nicht immer so. Für Lili ist das ein Beispiel dafür, was sich durch das Wohnen in der WG konkret verändern kann. Selbstständigkeit entsteht hier nicht plötzlich, sondern Schritt für Schritt im Alltag.

  • Die Terrasse der Wohnanlage... © Lara Elisa Schwöbel/Paritätischer Berlin
  • ... mit Hochbeet, um das sich gemeinschaftlich gekümmert wird © Lara Elisa Schwöbel/Paritätischer Berlin
Majas Zimmertür in der Super 8 © Lara Elisa Schwöbel/Paritätischer Berlin

Zuvor hat Maja bei ihrer Mutter gewohnt. Jetzt hat sie ihr eigenes Zimmer, ihre eigenen Sachen und vor allem ihren eigenen Alltag. „Irgendwann will man ja auf eigenen Beinen stehen“, erzählt sie. Sie übernimmt ihre Aufgaben zunehmend selbstständig. Sie kümmert sich um ihre Wäsche, gießt ihre Pflanzen und räumt gerne die Spülmaschine ein und aus. Nur das Abnehmen der Wäsche mag sie nicht besonders.

Warum in eine inklusive WG ziehen?

Lili kam eher durch Zufall zur Super 8. Als Auszubildende hat sie nur ein begrenztes Budget für ihre Miete. Kein Wunder also, dass sie sich nach alternativen Wohnprojekten umsah und dabei auf die Super 8 stieß. Auch ihr Einzug lief zunächst ganz klassisch ab: Sie wurde zu einem WG-Casting eingeladen und lernte die Bewohner*innen und Mitbewohner*innen kennen. Sie lebt von Beginn an in der WG und ist nach wie vor sehr zufrieden mit ihrer Entscheidung.

Als Mitbewohnerin übernimmt sie einmal in der Woche einen Dienst, in dem sie im Tandem mit eine*r Bewohner*in einkauft, kocht, für Ordnung in der Küche sorgt und auch beim Wäsche waschen unterstützt. Einen zusätzlichen Dienst gibt es einmal im Monat an einem Tag am Wochenende, an dem ein Ausflug oder eine Unternehmung geplant werden. Die übrige Zeit ist sie normale Mitbewohnerin.

Das Modell hat für die Mitbewohner*innen einen weiteren Vorteil: Durch die bezahlte Mitarbeit können sie hier zu sehr günstigen Bedingungen wohnen. Die Aufgaben sind also Teil des Wohnkonzepts und gleichzeitig ein Minijob. Außerdem gibt es Assistenzkräfte, die ebenfalls unterstützen und täglich in der WG vorbeikommen.

Gemeinsam wohnen, aber nicht alles gemeinsam machen

Heute kocht Maja mit Max. Auf dem Speiseplan stehen Nudeln mit Tomatensoße. „Geht immer“, findet Maja. Gekocht wird für alle. Trotzdem muss niemand ständig in Gesellschaft sein. Jede Person hat ihr eigenes Zimmer mit Bad und damit einen Rückzugsort. Manchmal spielen die Bewohner*innen gemeinsam Uno oder gehen einkaufen. Manchmal möchte jemand einfach seine Ruhe haben.

Auch Maja und Lili verbringen gerne Zeit miteinander. Die beiden gehen zum Beispiel gemeinsam Fahrrad fahren. Für Maja ist genau das wichtig. Als ich sie frage, warum sie lieber mit anderen als alleine wohnt, muss sie nicht lange überlegen: „Weil ich nicht gerne alleine wohnen will.“

Maja und Dennis © Lara Elisa Schwöbel/Paritätischer Berlin

Nach Hause kommen und jemand ist da. Jemand, mit dem man reden und von seinem Tag erzählen kann. Für Maja bedeutet das Leben in der Super 8 vor allem eines: mehr Selbstständigkeit und gleichzeitig Gemeinschaft.

Unterstützung ohne Selbstständigkeit zu verlieren

Dennis beobachtet, dass sich dabei einiges verändert hat. Dinge, bei denen früher noch häufiger ein Hinweis nötig war, passieren heute von allein. Der volle Wäschekorb wird bemerkt. Die Wäsche wird gewaschen. Und irgendwann ist sie auch wieder weg. „Die Verselbstständigung ist schon toll“, sagt er.

Gleichzeitig bleibt Unterstützung wichtig. Genau darin sieht Dennis einen wesentlichen Unterschied zu einer klassischen WG. Die Super 8 ist nicht nur Wohnort, sondern auch ein Ort, an dem Assistenz stattfindet. Fachkräfte kommen in die Wohnung und begleiten die Bewohner*innen in ihrem Alltag. Für die Mitbewohner*innen bedeutet das auch, dass sie sich bewusst sein müssen: Ihr Zuhause ist gleichzeitig der Arbeitsplatz von Assistenzkräften.

Inklusion hört nicht an der Wohnungstür auf

Die Super 8 liegt mitten im Lichtenrader Revier. Und auch das Umfeld wird Teil des Konzepts. Die Bewohner*innen nutzen Angebote im Viertel. Dazu gehören beispielsweise inklusive Tanzangebote und gemeinsame Spaziergänge. Das von der Unternehmensgruppe UTB geschaffene Revier selbst bietet außerdem Platz für die Volkshochschule, eine Musikschule, die Stadtteilbibliothek, die Suppenküche Lichtenrade und das Zentrum für Gesundheitssport.

Für Dennis ist wichtig, dass Inklusion nicht nur innerhalb der WG stattfindet. Die Super 8 soll auch Verbindungen in den Kiez schaffen. So entstehen Begegnungen mit Menschen, die nicht in der WG wohnen. Der Standort passt deshalb gut zu dem Konzept.

Die Idee wächst weiter

Die Super 8 ist dabei nicht als einmaliges Projekt von Gemeinsam Wohnen e.V. gedacht. Anfang 2027 soll eine weitere inklusive WG entstehen. Diesmal in Schöneberg auf der Schöneberger Insel. Die Wohnung wird derzeit noch saniert. Dort sollen sechs Menschen mit und ohne Unterstützungsbedarf zusammenleben.

Für Dennis ist klar: Es braucht mehr solcher Wohnmöglichkeiten. Vor allem barrierefreier Wohnraum ist knapp. Wenn Menschen mit Unterstützungsbedarf selbstbestimmt leben wollen, brauchen sie Wohnformen, die ihnen das ermöglichen. Denn Wohnen bedeutet mehr als ein Dach über dem Kopf. Es bedeutet, selbst zu entscheiden, mit wem man lebt, wann man nach Hause kommt, wann man seine Ruhe haben möchte und wie der eigene Alltag aussieht.

Als ich die Super 8 später wieder verlasse, denke ich noch einmal an meinen ersten Eindruck vom Lichtenrader Revier zurück. Ich hatte einen ruhigen Ort am Rand Berlins erwartet. Stattdessen habe ich einen lebendigen Wohnort kennengelernt und eine WG, in der Inklusion nicht wie ein besonderes Konzept wirkt, sondern vor allem wie eines: ganz normaler Alltag.

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